Zwischen Kamerataschen, Kristallgläsern und alten Gemälden liegt noch Schnee auf dem Leopoldplatz. Menschen stehen dicht an Tischen, beugen sich über Kisten, drehen Gegenstände in den Händen. Ein Lagerfeuer knistert, Holzscheite werden nachgelegt, rundherum Bänke, Jacken, Menschen mit dicken Handschuhen. Der Platz wirkt vertraut und gleichzeitig neu sortiert. Wer hier entlanggeht, merkt schnell: Etwas hat sich verändert.


Seit 9. Januar findet auf dem Leopoldplatz samstags ein neuer Flohmarkt statt (wir berichteten). Entdecken, stöbern, Schätze finden – das Prinzip ist bekannt, die Atmosphäre aber eine andere. Zwischen Ständen mit Büchern, Kleidung, Geschirr und kleinen Raritäten ist mehr Übersicht. Dazwischen Street-Food-Wagen, etwa mit Gözleme, und am Nachmittag ein offenes Feuer als Treffpunkt.


Hinter dem neuen Flohmarkt steht das Team des Weddingmarkts. Die Erfahrungen aus dem Kunst- und Designmarkt fließen sichtbar ein: Der Markt wirkt strukturierter, luftiger, insgesamt aufgeräumt. Gleichzeitig ist klar geregelt, was hier verkauft wird. Angeboten werden ausschließlich Gebrauchtwaren und Vintage-Gegenstände. Neuware oder Kunsthandwerk gehören weiterhin zum Weddingmarkt.


Für Verkäufer:innen gibt es unterschiedliche Optionen. Privatpersonen können für 30 Euro einen Platz ohne eigenen Stand buchen, die Gebühr ist im Voraus zu zahlen. Wer einen Stand möchte, zahlt zusätzlich 15 Euro.


Der Leopoldplatz war schon immer ein Ort im Wandel. Märkte kamen und gingen, Nutzungen verschoben sich. Der neue Flohmarkt reiht sich in die Geschichte der Veränderung ein.


Kritik und Stimmen aus dem Kiez
Nicht alle finden diese Veränderung positiv. Für einige Stammgäste und frühere Händler ist das neue Konzept ein sichtbares Zeichen dafür, dass sich der Kiez wandelt. Gewohnte Stände sind verschwunden, neue Anbieter sind hinzugekommen. „Meine Lieblingsverkäufer waren nicht mehr da“, schreibt unsere Leserin Valentina. „Es war leer und langweilig.“ Manche vermissen das frühere, dichtere Markttreiben. Wieder andere empfinden das neue Konzept als Verdrängung, weil die Standgebühren höher sind als vorher – bei weniger Standfläche. Auch das Begleitprogramm irritiert manche: „Niemand braucht Essen und Musik, wir wollen einfach nur die alten Stände zurück!“, heißt es auf einem Instagram-Kommentar zum Markt.
Sven Dittrich, Anwohner und Teil der Marktleitung, ärgert sich über teilweise falsche Rassismus-Vorwürfe, die von Gegnern erhoben werden. In einem Instagram-Post betont er, worum es beim “neuen” Konzept wirklich gehe: um breitere Gassen, mehr Privatverkäufer, kein Verkauf von Neuware, weniger wildes Parken auf Grünanlagen und weniger Müllablagerung im Kiez. Diese Maßnahmen, so Dittrich, erfüllten die verschiedenste Erwartungshaltungen der Besucher*innen und Händler*innen. Außerdem fügt er hinzu: „Und die der Nachbarschaft, die teilweise kein Verständnis mehr für die Umstände am Markttag rund um den Platz hatte.“
Die Kontroverse zeigt: Verdrängung ist am Leopoldplatz weiterhin ein Thema. Die Frage ist aber: Sollte sich die wichtige Diskussion wirklich am neuen Flohmarkt-Konzept entzünden?
Ihr könnt euch selbst ein Bild davon machen, jeden Samstag von 10 bis 16 Uhr vor der Alten Nazarethkirche, U-Bahnhof Leopoldplatz.
Fotos: Sebastian Wischmann


Der alte Flohmarkt hat zum Wedding gepasst und war gut besucht. Der neue sieht so aus wie 30 andere in Berlin.
Wer wirklich in eine Lücke springen will, schafft einen Bereich für Kinder, einen Kinderflohmarkt, auf dem Kinder für kleines Geld selber verkaufen können. Davon gibt es fast keine mehr in Berlin (außerhalb der Kitas und Kirchengemeinden). Ein solcher Kinderbereich auf dem Flohmarkt stünde dem Wedding gut zu Gesicht!
Ein toller Markt, mit neue stände und neue gesichter wie der neue Kaffee Food Truck.
Er bietet Flying Roasters Kaffee die schon seine Name gemacht hat in Wedding. Ein sehr netter Kollege der auch 10.Kaffee Gratis schenkt. Wir danken auch an alle für die Untertützungen.
Ich finde es auch extrem schade, dass der Markt auf diese Art verändert wurde. Wer „strukturierter, luftiger, aufgeräumt“ möchte, hätte ja einfach den Weddingmarkt besuchen können oder einen der diversen anderen wohlsortierten und aufgeräumten Flohmärkte dieser Stadt.
Der Flohmarkt war so wie er war wunderbar, einzigartig und hat zum Wedding gepasst.
Na eben nicht, denn auf dem Flohmarkt werden gebrauchte Gegenstände verkauft und auf dem Weddingmarkt Neuartikel.
Wunderbar wie Bild und Text korrespondieren! Auch wenn man unter den Besucher:innen nicht jeden Samstag anwesend ist, kann ich die sicher innovative Diskussion um das Konzept des Markte – ob Trödel und Plunder, oder lebenswichtige Gebrauchsware – nur begrüßen.
Ein paar alte Stände sind da, die haben teilweise ihre Preise wegen der hohen Standmiete erhöht. Die teuren Imbissstände werde ich nicht frequentieren. Ob es unbedingt eine Veranstaltung auf dem Markt braucht, ist fraglich. Die meisten Gänge sind breiter. Ich beobachte eine Gentrifizierung, die der Wedding nicht gebraucht hätte. Auch bei der Mutter des neuen Flohmarkt Konzepts, dem Wedding Markt.