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Buchhandlung im Wedding:
“Die Weddinger sind äußerst regionalbewusst”

Frie­de­ri­ke Rein­hold und Win­fried Kell­mann füh­ren seit 40 Jah­ren das „Bel­le et Triste“

BELLE-ET-TRISTE in der Ams­ter­da­mer Stra­ße hat 40. Geburts­tag. Seit 1982 füh­ren Frie­de­ri­ke Rein­hold und Win­fried Kell­mann gemein­sam die ange­sag­te Lite­ra­tur­buch­hand­lung im Wed­ding. Wie haben die bei­den es geschafft, gegen alle Wid­rig­kei­ten zu bestehen? Und wie wird es die nächs­ten Jah­re wei­ter gehen? Ein exklu­si­ves Inter­view über eine gro­ße Freund­schaft, ver­bor­ge­ne Bücher und einen Hund.

Wir sit­zen schon seit einer Stun­de zwi­schen den raum­ho­hen Rega­len mit Kin­der­bü­chern und den Bücher­ti­schen mit Roma­nen und poli­ti­schen Sach­bü­chern. Die Atmo­sphä­re ist fröh­lich. Der Humor ist bril­lant, kno­chen­tro­cken und lie­be­voll. Es macht Frie­de­ri­ke Rein­hold und Win­fried Kell­mann sicht­lich Freu­de, ein wenig selbst­iro­nisch ihre 40 wil­den Jah­re im Wed­ding Revue pas­sie­ren zu las­sen. Die Poin­ten sit­zen. Hät­ten die bei­den sich nicht den Büchern ver­schrie­ben, hät­ten sie eine Kar­rie­re im Kaba­rett machen kön­nen. Ein wei­ßer, wusche­li­ger Hund (ein Westie) mit Knopf­au­gen legt sich unter Rein­holds Stuhl.

FR: Das ist Lum­pi, der berühm­tes­te Hund des Wed­ding. Den kennt jeder, denn jeder kommt mal zu uns. Eine Mut­ter hat uns ein­mal berich­tet, dass ihre Toch­ter Lum­pi sogar in ihr Abend­ge­bet mit auf­ge­nom­men hat.

WW: Ich kann­te bis­her nur Biblio­theks­kat­zen, die gehal­ten wer­den, um die Mäu­se zu fan­gen. Was macht ein Hund in der Buchhandlung?

FR: Lum­pi hat sogar schon mal eine Rat­te gefan­gen, die sich in der Tür geirrt hat­te und sie mir dann stolz vor die Füße gelegt. Ich muss­te dann einen Kun­den bit­ten, das tote Tier nach drau­ßen zu bringen.

Sie haben als ein­zi­ge inha­ber­ge­führ­te Buch­hand­lung im Wed­ding 40 Jah­re über­lebt. Wie haben Sie das gemacht?

FR: Wir lie­ben Lite­ra­tur – und wir müs­sen uns kei­ne Tarif­löh­ne zahlen.

Die letz­ten Jah­re müs­sen doch schwer für Sie gewe­sen sein. Die gro­ße U‑Bahnbaustelle See­stra­ße vor der Haus­tür, Coro­na und jetzt die Ver­un­si­che­rung durch den Krieg.

WK: Coro­na war für uns, so ambi­va­lent sich das anhört, erst­mal gar nicht schlecht, da Buch­hand­lun­gen ja nicht schlie­ßen muss­ten. Wir haben vie­le Stamm­kun­den. Und Leu­te, die neu im Wed­ding sind, suchen uns per Inter­net. Sie goo­geln „Buch­hand­lung Wed­ding“ und fin­den uns ganz oben. Aber ich möch­te kei­ne Wer­bung für Goog­le machen. Ich emp­feh­le unsern Kun­den immer die Such­ma­schi­ne Swiss­cow. Sie schützt die Daten der Nut­zer, anstatt sie abzu­grei­fen und ist, nach unse­rer Erfah­rung, genau­so gut wie die Datenkrake.

FR: Die Kri­se durch den Ukrai­ne-Krieg, die mer­ken wir jetzt deut­lich. Die Leu­te haben Angst, sind ver­un­si­chert, fürch­ten Wohlstandsverluste.

Aber für Rei­sen wird doch jetzt viel Geld aus­ge­ge­ben. Was kön­nen sie für den Urlaub im Som­mer empfehlen?

FR: Das ist ganz unter­schied­lich. Wir hat­ten ja immer schon ein sehr gemisch­tes Publi­kum. Da fra­gen wir nach und emp­feh­len was pas­sen könnte.

Ja, das stimmt. Das machen Sie sehr gut. Als ich vor Jah­ren bei Ihnen ein Buch für einen lan­gen Flug nach Asi­en gesucht habe, haben Sie mir zwei emp­foh­len: Don­na Tart und Irvin Yalom. Und als ich mich nicht ent­schei­den konn­te, sag­ten sie: Neh­men Sie eins für die Hin- und eins für die Rück­rei­se. Das hat pri­ma gepasst. Vie­len Dank.

Aber jetzt doch mal die Fra­ge: 40 Jah­re zurück: Wie hat das alles angefangen?

WK: Ich war 1982 mit dem Stu­di­um fer­tig (Fran­zö­sisch und Sozi­al­kun­de) und wir haben dann den Buch­la­den „Setz­ling“ in der Brüs­se­ler Stra­ße über­nom­men. Der war dort, wo jetzt das „Escar­got“ ist. Schon damals war die Brüs­se­ler Stra­ße recht alter­na­tiv. Mit Natur­kost­la­den und so wei­ter. Unse­re ers­te Schau­fens­ter­de­ko­ra­ti­on, noch wäh­rend der Bau­pha­se, war das auf­ge­schla­ge­ne „Kapi­tal“ mit Bild­nis von Karl Marx. Hat nie­man­den gejuckt, aber es fand außer uns auch nie­mand witzig.

1986: Die lan­gen Haa­re sind ab. Neu­start in der Ams­ter­da­mer Straße

Frie­de­ri­ke hat im Laden noch auf ihr Examen (Ger­ma­nis­tik und Poli­tik) gelernt.

Sie kann­ten sich schon vorher?

FR: Ja, schon von der Schu­le in Münster.

Und, waren Sie damals ein Paar?

FR: Erst Ja, dann Nein und dann wie­der Nein.

WK: Hm, Hm. Brumm brumm

Ver­tra­gen sich Lie­be und Beruf nicht miteinander?

WK: Nein, unse­re Part­ner hat­ten etwas dage­gen. (lacht).

FR: 1986 sind wir dann in die Ams­ter­da­mer Stra­ße gezo­gen und haben uns ver­grö­ßert. Eine Zeit lang hat­ten wir neben­an auch noch ein Spiel­zeug­ge­schäft und eine Filia­le im Rat­haus Wedding.

Hat sich die Kund­schaft ver­än­dert mit der Zeit?

FR: Wir haben Stamm­kun­den seit den 80ern. Einer von ihnen hat die „Ande­re Biblio­thek“ abon­niert, seit Beginn.

Natür­lich ändern sich auch die Wün­sche der Leser­schaft. Die Kom­plett-Aus­ga­ben, mit denen Zwei­tau­send­eins mal groß raus­kam, sind nicht mehr gefragt.

WK: Die brau­chen zuviel Platz im Regal und wer­den zu sel­ten geöff­net. Auch ich bin immer mehr für’s Taschen­buch. Auch für bro­schier­te, durch­aus auch auf­wen­dig her­ge­stell­te Bücher. Die sind schma­ler, als ein gebun­de­nes und die „gebun­de­nen“ sind in der Regel auch nur geklebt und eben nicht fadengebunden.

Und der Online-Buch­han­del. Was hat der verändert?

FR: Wir sind ja schon lan­ge online.

Wenn ich ihre Web­site anschaue, füh­le ich mit tat­säch­lich zurück­ver­setzt in die 1990er Jahre.

WK: Das stimmt. Wir mögen halt kei­nen Schnick­schnack wie lau­fen­de Bil­der, oder „das könn­te Sie auch inter­es­sie­ren“. Die­ses Con­tent-Manage­ment für Klick-Affen machen wir nicht mit. Seit letz­tem Jahr fin­det man auf unse­rer Sei­te minu­ten­ak­tu­ell unse­ren Lager-Bestand. Ich glau­be, damit sind wir, als sta­tio­nä­re Buch­hand­lung, einzigartig.

FR: Und sei­nen Bestell­sta­tus kann jeder online ein­se­hen. Auch das ist, nach mei­ner Kennt­nis, bis­her ein­zig­ar­tig im ört­li­chen Buch­han­del. Wir haben außer­dem viel mehr Bücher vor­rä­tig, als wir im Laden fron­tal aus­stel­len können.

Ver­bor­ge­ne Bücher?

WK: Das trifft es genau! Die wer­den oft nicht wahr­ge­nom­men. Die Kun­den lie­ben es, zu stö­bern. Doch neh­men sie dabei meist nur die fron­tal prä­sen­tier­ten Titel war. Ganz oben im Regal kann auch nie­mand stö­bern, da braucht’s die EDV. Unse­re Kun­den erwar­ten oft gar nicht, dass wir neben den Aus­la­gen auch ande­re Bücher vor­rä­tig haben und sind über­rascht, wenn sie das gewünsch­te Buch gleich mit­neh­men kön­nen. Natür­lich haben wir nicht alles. Doch mit der Nase stößt man nur auf aktu­el­le Titel, die fron­tal prä­sen­tiert wer­den. Wenn man beim “Ama­Zo­ni” suchen kann, kann man es auch bei uns. Wir wer­den bald einen Bild­schirm im Laden auf­stel­len, an dem jeder auch selbst, wie auf unse­rer Web­site, in unse­rem Bestand suchen kann.

Mir gefällt ja beson­ders ihr gro­ßer Bestand an Lite­ra­tur aus dem Wed­ding und über den Wed­ding. Das fin­det man nir­gend­wo sonst.

FR: Die Wed­din­ger sind außer­or­dent­lich regio­nal­be­wusst. Gera­de die Neu­en inter­es­sie­ren sich für die Geschich­te und Geschich­ten aus dem Wed­ding. Die his­to­ri­schen Bild­bän­de von Ralf Schmie­de­cke und auch die Bücher von den Autoren der Lese­büh­ne „Brau­se­boys“. Oder Neu­krantz’ „Bar­ri­ka­den am Wed­ding“. Wir för­dern das auch ein biss­chen. Vor 20 Jah­ren kam Horst Evers zu uns mit einem zusam­men­ge­hef­te­ten Bänd­chen mit Geschich­ten und frag­te, ob wir die in Kom­mis­si­on aus­le­gen könn­ten. Das haben wir gemacht.

So wie ich ver­gan­ge­nes Jahr mit mei­nem Bänd­chen “Das Wun­der vom Sparr­platz”. Vie­len Dank, das ermu­tigt zum Schreiben.

FR: Mit Hei­ko Wer­ning und ande­ren haben wir auch Lesun­gen bei uns im Laden gemacht. Das kam gut an.

Sie füh­len sich also der Lite­ra­tur im Wed­ding ver­pflich­tet. Ist „Bel­le et Tris­te“ auch eine poe­ti­sche Remi­nis­zenz an die­sen trau­rig-schö­nen Stadtteil?

WK: Könn­te man mei­nen. Aber es kommt von „Bel­le­tris­tik“ und Bel­le­tris­tik kommt von „bel­les let­tres“ im Fran­zö­si­schen. Des­halb ist es ein deutsch-fran­zö­si­sches Wort­spiel: „bel­le et triste“.

Und wie lan­ge wird es „Bel­le et Tris­te“ noch geben?

FR: Bis uns einer hier rausträgt.

Expan­si­on in den 1990ern: Das „Bel­le Et Tris­te“ kommt groß raus.

Buch­hand­lung BELLE-ET-TRISTE (unser frü­he­rer Bericht zur Buchhandlung)

Ams­ter­da­mer Str. 27, 13347 Ber­lin, U See­stra­ße, Tele­fon­num­mer für Bestel­lun­gen 030 455 67 01

Öff­nungs­zei­ten:

Mon­tag bis Frei­tag 10 bis 19 Uhr, Sams­tag 10 bis 14 Uhr

Mon­tag
10:00 – 19:00
Diens­tag
10:00 – 19:00
Mitt­woch
10:00 – 19:00
Don­ners­tag
10:00 – 19:00
Frei­tag
10:00 – 19:00
Sams­tag
10:00 – 14:00
Sonn­tag
Geschlos­sen

Rolf Fischer

Ich lebe gerne im Wedding und schreibe über das, was mir gefällt. Manchmal gehe ich auch durch die Türen, die in diesem Teil der Stadt meistens offen stehen.

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