Am 1. Juni 1984 eröffnete das Kino Sputnik

Grundriss im Kino Sputnik. Foto Madeleine Bernstorff.
Grund­riss des Kinos Sput­nik. Foto Made­lei­ne Bernstorff.

Wer erin­nert sich noch an die 1980er Jah­re? Und wer an das Kino Sput­nik? Gast­au­torin Made­lei­ne Bernstorff aus der Grup­pe der ehe­ma­li­gen Betrei­ber des Kino öff­net den Vor­hang der Erin­ne­run­gen: „So über­nah­men wir das Kino unter Unken­ru­fen der Ber­li­ner Kino­sze­ne.“ Ein Rück­blick auf ein unge­wöhn­li­ches Kino und die unge­wöhn­li­chen 1980er Jah­re West­ber­lins.„Wir eröff­ne­ten das Sput­nik Kino am 1. Juni 1984 in der Rei­ni­cken­dor­fer Stra­ße 113. Wir, das waren Anna Fuchs, Hans Habi­ger, Ste­fan Arndt und ich (Made­lei­ne Bernstorff). Wir über­nah­men das Kino von Herrn Ismael­ce­bi. Er hat­te es Ende der 1970er Jah­re erwor­ben, um unter dem Namen MOMO ein tür­ki­sches Kino im Wed­ding zu betrei­ben. Wir benann­ten das Kino um in Sput­nik, denn das Gebäu­de war 1953/54 unge­fähr zur Zeit des Sput­nik­schocks errich­tet worden.

Wir reno­vier­ten etwa ein­ein­halb Mona­te. Ein befreun­de­ter Kino­tech­ni­ker besorg­te uns einen Bau­er 16mm-Pro­jek­tor mit Koh­le­bo­gen­lam­pe, die ein küh­les, farb­in­ten­si­ves Licht erzeug­te. Aller­dings brann­ten die Koh­le­stä­be bei län­ge­ren Fil­men oft zu schnell ab. Der Vor­führ­raum war über eine stei­le Eisen­trep­pe zu errei­chen. Chris­ti­an Phil­ipp Mül­ler bau­te für das Foy­er eine Sput­nik­lam­pe aus zwei kup­fer­far­be­nen Kugel­hälf­ten, aus der manch­mal bei fla­ckern­dem Licht eine Metall­wol­le quoll.

Eingang des Kinos Sputnik. Foto Madeleine Bernstorff.
Ein­gang des Kinos Sput­nik. Foto Made­lei­ne Bernstorff.

Die Mie­te für den allein­ste­hen­den Kino­bau kos­te­te anfangs etwa 1.300 DM. In kal­ten Win­tern über­stie­gen die Heiz­kos­ten die­se Sum­me bei wei­tem. Nicht sel­ten streik­te die Heizung.

Die Kino­pro­gram­me wur­den bei der Dru­cke­rei Alb­druck in der Kreuz­ber­ger Cuvrysta­ße gedruckt. Wir tipp­ten sie anfangs zwei­wö­chent­lich auf der Schreib­ma­schi­ne und lay­ou­te­ten sie mit Letra­set (Letra­set war ein popu­lä­res Sys­tem von Anrei­be­buch­sta­ben – sie­he Wiki­pe­dia). Die Pro­gram­me ver­teil­ten wir in allen Pro­gramm­ki­nos und in Knei­pen im Wed­ding und in Kreuzberg.

Im Okto­ber und Novem­ber 1985 orga­ni­sier­ten wir das Film­pro­gramm zur 1. Ber­li­ner Les­ben­wo­che “ladies only”. An den Pro­jek­to­ren stan­den ange­lern­te Film­vor­füh­re­rin­nen. Das Kino war fast jeden Abend aus­ver­kauft. Bei der Vor­füh­rung von „Blut auf den Lip­pen“ von Har­ry Kümel mit Del­phi­ne Sey­rig kam es zu einem Auf­stand im Kino wegen “Hete­ro­ge­walt auf der Lesbenwoche”.

Unse­re ers­te Film­rei­he war eine Mafia-Rei­he. Eine ande­re Rei­he zeig­te pro­le­ta­ri­schen Stra­ßen­fil­me („Jen­seits der Stra­ße“ und „Raz­zia in St. Pau­li“). Spä­ter folg­te ein Pro­le­ta­ri­sches Film­fes­ti­val und ein Fes­ti­val des Sozia­lis­ti­schen Sci­ence Fic­tion Films. Etwa 3.000 Besu­cher und Besu­che­rin­nen sahen die­ses Pro­gramm mit dem Titel „Fil­me aus einer bes­se­ren Zukunft“.

1988 wur­de die Grün­dungs-GbR auf­ge­löst, eine GmbH wur­de gegrün­det. Das Kino wur­de ande­ren Pro­gramm­ki­nos immer ähn­li­cher. Der Kino­be­trieb ende­te 1998. Im Juli 2006 wur­de das Haus nach jah­re­lan­gem Leer­stand trotz Denk­mal­schutz abge­ris­sen. Vie­le der gedruck­ten Pro­gram­me sind auf Anfra­ge in der Film­bi­blio­thek im Film­mu­se­um Ber­lin einsehbar.“

Der Text ist eine gekürz­te Ver­si­on einer umfang­rei­chen Geschich­te des Kinos auf der Web­sei­te www.madeleinebernstorff.de. Made­lei­ne Bern­strorff arbei­tet als Kulturproduzentin.

Text und Fotos: Made­lei­ne Bernstorff.


1 Kommentar
  1. „Wer erin­nert sich noch an die 1980er Jah­re? Und wer an das Kino Sput­nik?“ – Ich erin­ne­re mich noch bes­tens an die Eröff­nung des Sput­nik. Auf Tape­zier­ti­schen wur­den zu mode­ra­ten Prei­sen Dosen­bier, Soft­drinks und Knab­ber­kram von Aldi ange­bo­ten, und das Film­pro­gramm bot jede Men­ge Skur­ri­les und Absei­ti­ges. Ganz schnell war das Sput­nik eines mei­ner Lieb­lings­ki­nos und bleibt bis heu­te unvergessen.

    F. A. (damals The­ker der „Sumpf­blü­te“ in der Sche­rer­stra­ße 6)

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