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Kleine und große Geschichten:
Kiez-Moment: Im Labyrinth

8. Juni 2026
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Unsere Autor:innen sind nicht nur im Wedding unterwegs – sie sind mittendrin im Alltag. Im Supermarkt, auf dem Spielplatz oder beim Schlendern durchs Viertel: Überall warten Geschichten, Geräusche, Begegnungen. So entstehen sie – diese kleinen, echten Kiezmomente. Alles echt, alles Wedding. Diesmal verirrt sich unser Autor im Schilder-Labyrinth.

Ich bin mit dem Moped in der Triftstraße unterwegs und will in die Willdenowstraße. Aber da steht ein Polizist. „Fah’n se ma rechts ran“, kommandiert er und winkt mich mit der rechten Hand zu sich, während er das Auto kontrolliert, hinter dem ich jetzt zum Halten gekommen bin. „Na, was glauben se, warum sie jetzt hier stehen?“, wendet er sich mit einem makellosen Gebiss breit lächelnd an mich. „Fahrradstraße?“, rate ich mal so ins Blaue hinein. Im Normalleben bin ich nämlich Fahrradfahrer, mit Freude und Überzeugung. Und deshalb brauchen mich all die verwirrenden Verbote und Schilder für Kraftfahrzeuge in der Triftstraße nicht kümmern. Ohne Sorge fliege ich mit dem Rad durch das Zentrum von Deutsch-Schilda hindurch, zu dem die Straße geworden ist, seit sie Fahrradstraße sein soll. Auf der Seite des Bezirksamts liest sich das so:

„Zur Reduzierung des Durchgangsverkehrs werden gegenläufige Einbahnstraßen angeordnet sowie die Ein- und Ausfahrt in die Müllerstraße verengt. Regelmäßige Piktogramme, großflächige Rotmarkierungen an Knotenpunkten und die Markierung des Dooringbereichs tragen zur Sicherheit der Radfahrenden bei.“

Im wirklichen Leben blickt hier keiner mehr durch und die Autos brettern einfach weiter geradeaus – so wie ich heute mit meinem Moped. „Die Nachbarn haben sich beschwert, dass sich hier zu viele nicht an die Einbahnstraße halten“, sagt der Wachtmeister, und ich merke, dass es ihm unangenehm ist. „Und deswegen muss ich jetzt hier rumstehen.“

Da ist ein kleiner Unterton, der mich hoffen lässt. Routiniert kontrolliert er Führerschein und Perso. „Ach, Sie wohnen ja ganz in der Nähe?“, staunt er. „Versicherung in Ordnung?“ „Ja“, sag ich eifrig, „Elektronische Versicherungsbescheinigung kann ich Ihnen in meinem Handy zeigen.“ Er winkt ab. Hoffentlich prüft er jetzt nicht mein Bremslicht, das tut nämlich nicht richtig. Und überhaupt fallen mir alle Sünden wieder ein. So ist das bei mir immer, wenn mich die Polizei anhält. Aber es gibt einen Trumpf, der bei jedem Berliner Polizisten verfängt: „Also ich finde ja die Fahrradstraße echt eine gute Idee, aber dass das so kompliziert sein muss…“

Kein Berliner Polizist über 50 ist Fahrradfahrer. Und der Schupo mir gegenüber mit seinem stattlichen Bauch unter dem schwarzen Lederwams bestimmt auch nicht. Er ist ein gemütlicher Mensch; in meinem Alter, schätze ich. „Na, dass ich den Quatsch noch vor der Rente machen muss….“ fängt er an. „Wie lange ham Se denn noch?“, frage ich mitfühlend. „Nur noch fünf Monate – jottseidank!“ Dann versucht er wieder amtlich zu werden. „Also eigentlich sind das 50 Euro…“ Aber ich komme mit einer ernsthaften Verwarnung weg und gelobe Besserung. Fast möchte ich dem freundlichen Mann in Schwarz zum Abschied die Hand schütteln.

Aber er ist schon wieder beschäftigt. Das Gegensprechgerät an seiner Brust knarzt. Es ist von Motorola. Die haben mal gute Handys gebaut, vor 20 Jahren. Gibt’s die überhaupt noch? Das Ding ist so aus der Zeit gefallen wie der gemütliche Polizist. Der Kontaktbereichsbeamte von der Triftstraße wird eine Lücke lassen in der Berliner Polizei, wenn er geht. Gerade seine Gelassenheit brauchten wir hier.

Einen Tag später komme ich an die Stelle zurück. Mit Fahrrad und Fotoapparat. Wir wissen aus den guten Krimis: Der Täter kehrt immer an den Ort der Tat zurück. Waren hier wirklich Einbahnstraßenschilder? Hatte ich gar nicht gesehen? Oh ja! Mehr als genug. Während ich versuche, sie alle auf ein Bild zu bekommen, muss ich immer wieder zur Seite springen, wegen der Autos, die in alle Richtungen durch die Einbahn-Fahrradstraße brettern. 

Rolf Fischer

Rolf Fischer

Ich lebe gerne im Wedding und schreibe über das, was mir gefällt. Manchmal gehe ich auch durch die Türen, die in diesem Teil der Stadt meistens offen stehen.

2 Comments Schreibe einen Kommentar

  1. Seit wann haben wir Dooring-Zonen? Ich frage das wegen des Anglizismus. Es gibt ein Glossar auf https://blog.frankfurt-holm.de/ und da steht unter D wie Dora.

    „Als Dooring-Zone wird der Gefahrenbereich neben am Fahrbahnrand längsparkenden Kraftfahrzeugen bezeichnet, in dem Verkehrsteilnehmer*innen durch sich öffnende Fahrzeugtüren gefährdet sind.

    Kommt es zur Kollision zwischen Verkehrsteilnehmer*in und sich öffnender Fahrzeugtür, wird von einem Dooring-Unfall gesprochen. Davon betroffen sind vor allem Radfahrer*innen und Fahrer*innen von E-Bikes, aber auch andere Vulnerable Road User (VRU) wie Nutzer*innen von E-Scootern oder anderen Fahrzeugen der Mikromobilität sowie Fußgänger*innen. [1]

    Schuld an einem Dooring-Unfall trägt auf Basis von § 14 StVO („Wer ein- oder aussteigt, muss sich so verhalten, dass eine Gefährdung anderer am Verkehr Teilnehmenden ausgeschlossen ist“) in der Regel die Person im parkenden Kraftfahrzeug, die beim Öffnen der Tür die nötige Aufmerksamkeit für andere Verkehrsteilnehmer*innen vermissen ließ. … “

    Also dann, weiter viel Spaß beim Brettern in Deutsch-Schilda.

  2. Morjen

    Her Rolf Fischer ist bestimmt ein guter Kandidat für das Wordding….seine Montagsgeschichten lesen sich immer so nett ausgedacht….

    fröhliche Woche noch

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