Unsere Autor:innen sind nicht nur im Wedding unterwegs – sie sind mittendrin im Alltag. Im Supermarkt, auf dem Spielplatz oder beim Schlendern durchs Viertel: Überall warten Geschichten, Geräusche, Begegnungen. Und manchmal schreiben uns sogar Leser:innen direkt. So entstehen sie – diese kleinen, echten Kiezmomente. Alles Wedding. Heute geht es in den Brüsseler Kiez.

Alle reden vom Müll. Es geht kaum anders, da er seit einiger Zeit überall zuhauf anfällt. In der Antwerpener Straße ist morgens sogleich die Sonnenbrille angesagt, denn man läuft direkt in die Morgensonne, die noch über dem Sprengelkiez steht. Nun macht die Kirche nicht nur regelmäßig Glockengeräusche, es geht ans Renovieren des Kirchendachs über der Apsis und ein Lastenaufzug surrt, Hämmern und Bohren liegt in der Luft.
Kaum ein Stück weiter turnt jemand zwischen parkenden Autos, an der Parkuhr krempelt jemand herum und zieht ein Holzgestell auf den Gehwegrand. Kopfschüttelnd über dem schiefen Teil schaut er auf und ärgert sich darüber: „Das hätte man doch noch so gut verwenden können! Ein Hochstuhl fürs Kind!“ Ich sehe im nächsten Moment, dass die bunte Tischfläche fehlt und eine Strebe ausgerissen ist. Das Zeug wird manchmal verschleppt und wieder und wieder liegen gelassen. „Vielleicht liegen die fehlenden Teile noch vorne zwischen den Scherben bei den Glascontainern“, sage ich beschwichtigend. Upcycling oder Reparatur wäre sicherlich gut für dieses Stück.
Unschlüssig wird das ehedem gute Objekt herumgedreht und begutachtet. Hier in den Nischen einiger verlassener Eingänge und breiter Fensterborde findet sich über Nacht etliches an Nützlichkeiten, ganz zu schweigen von den „Zu verschenken“-Kistchen, die nun bis zu sage und schreibe 1.500 € Bußgeld für illegale Müllentsorgung im öffentlichen Straßenland (man beachte „-land“!) kosten sollen.
Ich kann mich nicht so recht entschließen, dem Finder gut zuzureden, um wenigstens ein Möbelchen zu retten, denn die Umstände, das Teil aufzumöbeln, sind etwas mühselig. „Vielleicht“, sage ich schließlich, „hat es nur seinen Zweck geändert“, um eine offene Perspektive auf die Situation zu ermöglichen. Er sieht mich an, zum ersten Mal richtig. Dann schaut er wieder auf das eigentlich nützliche Wrack.
„Und welcher wäre das?“ Ich zucke mit den Schultern.
Ich gehe weiter die Straße runter, an den ersten Sonnenanbetern bei der Bäckerei vorbei und staune plötzlich nicht schlecht: Ein Anblick wie aus einem Magazin geschnitten! Ein Designerstuhl im Gebüsch, gut eingepflegt in die Ecke vor dem Zeppi. Seht selbst, wie gut das platzierte Objekt arrangiert als Ensemble auf diesem Foto wirkt. Wollen wir das?

Die WALL-Toilette am Zeppelinplatz – Foto: Renate Straetling
Und überhaupt, durchzuckt mich für einen kurzen Moment ein nicht abwegiger Gedankenblitz: Warum kann man solche Fundstücke nicht einfach fürs Straßen-Land aufmotzen und richtig & gut platzieren? (rs)


Der ist gut platziert: zum Warten auf das Scheißhaus – viele Gründe zum Warten gibt es fast immer, um eine offene Perspektive auf die Situation zu ermöglichen…