Mastodon

Eingabehilfen öffnen

Institution am Leopoldplatz:
Coffee Man seit einem Jahrzehnt im Wedding

6. März 2026
2

Morgens am Leopoldplatz. Aus der U-Bahn strömen Menschen heraus, Busse rollen an, irgendwo klappert ein Rollkoffer über Pflaster. Und zwischen all dem steht seit zehn Jahren ein rotes Zelt, aus dem Kaffeeduft aufsteigt. Harun Dilek, vielen einfach als Coffee Man bekannt, hat hier im März 2016 angefangen. Seitdem gehört sein Stand für viele zum Arbeitsweg wie die Treppe zur U-Bahn.

„In zehn Jahren sind viele Hundert Stammkunden zusammengekommen“, sagt Harun und lacht. „Und das Schönste ist: Manche waren früher als Kind hier und kommen heute selbst zum Kaffeekaufen vorbei.“ Der Coffee Man hat also nicht nur den Kiez mit Koffein versorgt, sondern Menschen beim Erwachsenwerden begleitet.

Konkurrenz, Nachbarschaft und ein Platz im Wandel

Rund um den Leopoldplatz ist in den Jahren einiges passiert. Neue Cafés sind aufgetaucht, andere verschwunden, viele Geschäfte kämpfen ums Überleben. Harun beobachtet das alles aus der ersten Reihe.

„Es gibt viele neue Café-Betreiber – aber ich sehe das als Ergänzung“, sagt er. „Am Ende geht es darum, dass hier auf’m Leo Leben ist.“

Was ihn mehr beschäftigt, ist der Wandel im Einzelhandel. „Wenn Strukturen wie Karstadt wegbrechen, trifft das besonders ältere Menschen oder Leute, die nicht so mobil sind“, meint er. Gleichzeitig spürt er eine andere Entwicklung: „Der Zusammenhalt ist stärker geworden. Es gibt mehr Community, mehr Austausch, mehr Engagement rund um den Platz.“

Kaffee, Namen und Gewohnheiten

Am Stand läuft vieles ohne Worte. Ein Blick reicht, manchmal ein Kopfnicken. „Viele Bestellungen kenne ich auswendig“, erzählt Harun. Cappuccino ohne Zucker, Latte extra heiß, Espresso doppelt.

Rund 20 Heißgetränke stehen auf der Karte, dazu kann man die eigene 80/20-Mischung aus Arabica und Robusta auch als Packung kaufen. Aber eigentlich versorgt der Coffee Man den Kiez auch mit etwas Unsichtbarem: einem kurzen Moment Nachbarschaft.

„Ein Gespräch gehört einfach dazu“, sagt er. Zwar dauert der Aufenthalt oft nur wenige Minuten, aber selten verläuft das Kaffeekaufen stumm.

Was geblieben ist: Noch immer ist keine Kartenzahlung möglich

Allein gestartet, gemeinsam weiter

Lange war der Stand ein Ein-Mann-Projekt. „Siebeneinhalb Jahre habe ich hier allein gestanden“, erzählt Harun. Früh aufbauen, spät abbauen, dazwischen Kaffee, Gespräche, Organisation. Inzwischen hilft ein kleines Team aus, was den Alltag etwas entspannter macht.

Trotz Routine ist noch Bewegung drin. „Ich wünsche mir einen zweiten Coffeestand“, sagt Harun. Und dann folgt der Satz, der nach zehn Jahren Arbeit wenig überrascht: „Und mehr Zeit für Familie und Freizeit.“

Der rote Treffpunkt

Wer regelmäßig über den Leopoldplatz geht, kennt das Bild: das rote Dach, die Maschine, Menschen mit Bechern in der Hand, die sich kurz unterhalten, bevor sie weiterziehen.

„Der Leopoldplatz ist für mich Alltag geworden“, sagt Harun. „Hier kennt man sich, hier lebt man miteinander.“

Zehn Jahre Coffee Man bedeuten deshalb vor allem Kontinuität. Ein Stand, der geblieben ist, während sich drumherum vieles verändert hat. Ein Ort, an dem der Tag für viele beginnt – mit einem Kaffee, einem Namen, einem kurzen Satz. Und dann geht es weiter.

Zum 10. Jahrestag am 9. März gibt es für unsere Leser ein Special: Wenn ihr beim Coffee Man einen Kaffee bestellt und als Stichwort „Weddingweiser“ sagt, gibt es einen Euro Rabatt.

Fotos/Mitarbeit/Recherche: Sebastian Wischmann

Joachim Faust

Joachim Faust

hat 2011 den Blog gegründet. Heute leitet er das Projekt Weddingweiser. Mag die Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen gleichermaßen.

2 Comments Schreibe einen Kommentar

  1. Vom Cafehaus, über das Stehcafe zum Coffee to go. Ausdruck wachsender kultureller Anspruchslosigkeit. Früher, noch berufstätig, habe ich zu Hause gefrühstückt. Getränk für den Tag in Thermosflasche. Coffee to go -Becher, ökologisch höchst zweifelhaft. Was sind das für Gesellen, die Gefallen daran finden, ihren Cafe in Bus und U-Bahn zu trinken? Der nächste Schritt auf dem Weg kultureller Entgleisung: Coffee to run.

    • Nun gut, die Recyclingfrage ist wirklich auch ein A&O, vor allem wenn man Zahlen hört wie diese, dass in Kreuzberg täglich 42.000 Becher zu Boden/Straße gehen.
      Eben rief ich persönlich beim Coffee Man am Leo an und fragte, wie er es mit dem Recycling hält und ob ich meine beiden kleinen Alu-Becher, die ich immer im Rucksack dabei habe, bei ihm füllen könne.
      Also, ein Becher sollte für eine 180 ml-Portion schon 200 ml fassen, sagte er mir spontan, und die Stammkunden bringen vor allem im Winter ihre Thermobecher mit.
      Wir Berlinerinnen und Berliner, die seit Jahrzehnten mit Rucksack unterwegs sind, haben das doch schon drauf, oder?
      Coffee to relax

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

Nicht nur zufällig gut

MastodonWeddingweiser auf Mastodon
@[email protected]

Wedding, der Newsletter. 1 x pro Woche



nachoben

Auch interessant?