Mastodon

Eingabehilfen öffnen

Weddinger macht's einfach:
Foto, Klick, fertig: Mit trash-cam.com den Müll sichtbar machen

25. Februar 2026
15

Seit neun Monaten lebt vor der Martin-Opitz-Straße 22/23 ein stiller Mitbewohner. Er zahlt keine Miete, hat aber zwei Parkplätze belegt und wächst zuverlässig weiter: ein Müllberg aus Bauschutt, Sperrmüll und Hausrat. Eine Leserin meldete ihn wieder und wieder über die bekannte Ordnungsamt-App. Doch im digitalen Kosmos wurde der Berg stets „erledigt“, während er analog munter vor sich hin existierte. Doch vielleicht würde eher was passieren, wenn mehr Leute die Müllecken melden – einfach weil sie nicht die komplizierte App benutzen müssen? Dafür gibt es eine Lösung, entwickelt im Wedding.

Müll melden, ganz ohne App und Daten

In dieser leicht surrealen Szenerie betritt Tommy Holper die Bühne – nicht mit Warnweste und Greifzange, sondern mit Laptop. Der 38-Jährige Luxemburger, in Den Haag aufgewachsen und seit fast einem Jahrzehnt im Brüsseler Kiez im Wedding zu Hause, hatte genug davon, sich durch Formulare und Prozesse zu klicken. Also begann er zu programmieren.

So sieht die minimalistische Startseite von trash-cam.com aus

Sein Projekt: trash-cam.com. Eine Art digitaler Abkürzungsweg durch den Behördendschungel. Holper beschreibt es pragmatisch als „vereinfachtes Frontend“. Praktisch bedeutet das: Foto machen, Standort wählen, abschicken – und im Hintergrund öffnet ein Skript die offizielle Ordnungsamts-App, trägt die Daten ein und übermittelt alles automatisch. Der Nutzer muss weder Formulare ausfüllen noch persönliche Daten hinterlassen. Nur für die Nutzungsdauer der App werden Fotos und die Standortermittlung erlaubt. Holper selbst übernimmt die Rolle des Mittelsmanns, prüft jede Meldung und verschickt sie über eine standardisierte Adresse weiter.

Das Ergebnis ist weniger Amtsstube, mehr Service: Statt kryptischer Vorgangsnummer gibt es eine lustig formulierte Kennung und eine Karte, auf der sich verfolgen lässt, wo im Kiez sonst noch Müll gemeldet wurde und was daraus geworden ist.

Je einfacher die Meldung, desto mehr Menschen machen mit

Die Idee entstand aus Eigeninteresse. Vor der eigenen Haustür funktionierten Meldungen zwar meist – aber eben nur, wenn jemand bereit war, sich durch den Prozess zu kämpfen. Holpers Ansatz: Je einfacher die Meldung, desto mehr Menschen machen mit. Inzwischen hat sich das herumgesprochen, erste Nachbar:innen nutzen den Dienst bereits. Seit Januar ist die Anwendung auch im App-Store verfügbar; Android folgt irgendwann, bis dahin läuft alles genau so einfach im Browser.

Doch Holper denkt weiter. User-Accounts könnten auf Wunsch angelegt werden, vielleicht sogar ein spielerischer Wettbewerb: Wer entdeckt und meldet den meisten Müll? Die Heatmap kann zeigen, wo sich Müll-Hotspots häufen – und wo Hausverwaltungen womöglich genauer hinschauen sollten. Und wer sich ertappt fühlt, findet auf der Infoseite eine augenzwinkernde Funktion: Müllsünder können dort gleich ihr eigenes Mug-Shot-Selfie aufnehmen.

Witzige Idee: Man kann sich selbst zum „Verbrecher“ machen und erfährt die Höhe der Strafe

Zurück in der Martin-Opitz-Straße. Der Müllberg steht derweil noch immer da und erinnert daran, dass Technik allein keine Besen ersetzt. Aber vielleicht sorgt sie dafür, dass Besen künftig schneller zum Einsatz kommen. Für die Leserin wäre das wohl schon ein Fortschritt: Wenn ihr neun Monate alter Mitbewohner endlich auszieht – und nur noch als Marker auf einer Karte existiert.

Selbsttest: Müll melden in 5 Sekunden
Müll entdeckt? Foto ohne Personen oder Kennzeichen machen, auf trash-cam.com Adresse wählen und absenden. Danach erscheint eine Kennung – Screenshot nicht vergessen. Das Ganze dauert 5 Sekunden! Wenn mehrere Menschen denselben Ort melden, wird das Problem sichtbarer. Und falls der Müll bleibt: einfach nochmal dokumentieren und melden. Für iPhone-Nutzende gibt’s das Ganze auch als App im Store.

Joachim Faust

Joachim Faust

hat 2011 den Blog gegründet. Heute leitet er das Projekt Weddingweiser. Mag die Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen gleichermaßen.

15 Comments Schreibe einen Kommentar

  1. Ich begrüße zwar das „Mittelsmann“-Prinzip als temporäre Lösung, aber ich hoffe dass sich BSR/Zuständige flott bei Herrn Holper melden, ihn für den erstellten Code entlohnen, oder selbst die Idee aufnehmen, und die Funktion schnell in ihre Ordungsamt-App integrieren.

    • BSR hat damit nichts zu tun, das geht ans Ordnungsamt und die haben ihre eigene App. Die wollen aber mehr Daten haben wenn man den Müll meldet. Ich glaube die haben kein Interesse es einfacher zu machen, die hatten mich schon mal angeschrieben ich soll den Müll in einer bestimmten Strasse nicht melden da Sie die selber jede Woche abprüfen. Gelegen hatte es dort drotzdem Wochenlang.

  2. Wow, eine tolle App!
    Ich werde sie benutzen!
    Aber 1)
    Wenn „Holper selbst übernimmt die Rolle des Mittelsmanns, prüft jede Meldung und verschickt sie über eine standardisierte Adresse weiter.“
    …und immer mehr Leute die App aktiv nutzen, brauchen die Tages des Mannes bald 96 Stunden!?
    Kann man irgendwo an ihn spenden?
    Aber 2)
    Die App bekämpft leider nur ein Symptom und nicht die Ursache!
    Das Problem der Vermüllung sind nicht der Müll, oder das Ordnungsamt, das diesen auf Grund der systembedingten Unterbesetzung nicht schnell genug wegräumt…. sondern das Problem sind Bewohner dieser Stadt!
    Machen wir uns doch bitte nichts vor!
    Es sind die vielen asozialen, egoistischen, faule Arschlöcher, die ihren Dreck und Müll auf Kosten der Allgemeinheit auf die Strasse werfen und damit zu einem PAL machen (Problem anderer Leute)! Und es sind mit Sicherheit auch Firmen dabei die illegal ihren Müll entsorgen, denn für Privatleute ist die Entsorgung der meisten Sachen auf dem Müllhof kostenfrei. Als Firma muss man dafür bezahlen.
    Und ganz ehrlich, damit beklauen sie uns! Denn wir bezahlen am Ende für sie die Entsorgung ihres Mülls, in Form von Steuern (denn von nichts Anderem wird die Entsorgung bezahlt) Und dieses Geld fehlt dann an anderen Stellen: Kindergärten, Schulen, Altenpflege, Renten… usw.
    An dieser Stele ein ganz großes Dankeschön an all die vielen Arschlöscher dort draussen!!! Danke dafür! Auch von meinen Kindern!
    Ganz ehrlich – ich bin für eine Denunzianten-App mit denen man Müllsünder behauso leicht und schnell anzeigen kann!
    Und ich bin auch dafür dass die Bußgelder dermaßen erhöht werden, dass es RICHTIG weh tut! Es muss so weh tun, dass sich auch niemand mehr nur im Traum wagt, etwas auf die Strasse zu werfen, sondern schweißgebadet wach wird!
    2000….5000 Euro, egal ob es eine Flasche, eine Tüte, oder auch nur ein Kronkorken oder eine Kippe ist, die man auf die Strasse wirft. Und wer nicht zahlen kann, muss Frohndienst als Strassenfeger leisten und genau solchen Dreck wegräumen und das bitte in einer Kleidung die den Leuten genau zeigt WER und WARUM da gerade fegt!
    Das macht man dann garantiert nur einmal…. es sei denn, man hat Spass daran. 🙂
    In Singapoore funktioniert dieses Model hervorragend. Und die Stadt sieht aus wie „geleckt“!
    Wirklich….
    Grüße Michael

  3. Müllberg ist weg!!!
    Nach zig Meldungen ans Ordnungsamt. Gestern:
    zu Ihrer Meldung mit der Nummer 4068ht gibt es eine Statusänderung.
    Status: Erledigt
    Rückmeldung: Vielen Dank für Ihren Hinweis.
    Die Störung wurde am 11.02.2026 zur Bearbeitung an die Berliner Stadtreinigung weitergeleitet.
    Die Berliner Stadtreinigung teilte uns am 03.03.2026 mit, dass die Angelegenheit erledigt wurde.
    Mit freundlichen Grüßen
    Ihr Ordnungsamt

  4. Super-Sache, einen Riesendank an Tommy Holper 🇳🇱!!!
    Ich werde mitmachen. Mit der App vom Ordnungsamt habe ich nur gute Erfahrungen gemacht, aber das ist trotzdem ein Riesenfortschritt.

    • Das Weiterleiten von Meldungen an die BSR wird das Ordnungsamt schon nicht „überfordern“.
      Was ist denn Ihre Lösung? Sollen wir als Zivilgesellschaft etwa resignieren und den ganzen, stetig wachsenden Müll nicht mehr melden, weil ohnehin kaum etwas passiert??
      Nein! Diesem leidigen Thema kann nicht genug Aufmerksamkeit gewidmet werden.

      • Tach Sprengelkiezler
        ….Je einfacher die Meldung, desto mehr Menschen machen mit.
        ergo ….auf geht’s…. müllen wir das Ordnungsamt mit Meldungen voll !!!
        oder mit anderen Worten, werde das Handy gar nicht mehr aus der Hand legen , werde ständig Foto’s schicken weil es seit 10 Jahren immer mehr Vermüllung gibt
        sonnigen Rest Februar

    • Vielleicht sorgt das dafür, dass das Ordnungsamt von sich aus mal öfter Streife läuft und Leute, die ihren Müll rechts und links neben sich fallen lassen direkt ahndet…

  5. Guten Morgen ☕️
    Großartig, großartig, großartig!!
    Ein sooo wichtiges Thema im Wedding und auch hier im Kiez – leider.
    Vielen Dank für diese Anwendung und den Artikel. Es kann nicht oft genug über dieses stetig wachsende Problem und die Lebensqualität beeinflussende Problem berichtet werden.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

Nicht nur zufällig gut

MastodonWeddingweiser auf Mastodon
@[email protected]

Wedding, der Newsletter. 1 x pro Woche



nachoben

Auch interessant?