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Kahlschlagsanierung im Wedding:
Was man 1963 unter Sanierung verstand – und 20 Jahre später

Das Brunnenviertel fällt im Wedding bis heute aus dem Rahmen. Besonders an der Brunnenstraße lässt sich ablesen, wie stark die Stadterneuerung hier in das gewachsene Stadtgefüge eingegriffen hat – und warum dieser Teil des Weddings ein so anderes Gesicht bekommen hat. Doch an der Gleim- und Graunstraße sowie am Vinetaplatz zeigt sich auch, wie im Laufe der Jahre ein Umdenken bei der Sanierung begann.
15. März 2026
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Nach dem Zweiten Weltkrieg galt das dicht bebaute Viertel (damals noch Äußere Rosenthaler Vorstadt genannt) an der Brunnenstraße mit seinen unsanierten Altbauten als eines der größten städtebaulichen Problemgebiete West-Berlins. Die berüchtigste Wohnanlage dieser Zeit, Meyers Hof, lag in der nördlichen Ackerstraße und damit im Sanierungsgebiet. Nach dem Mauerbau 1961 wurde die Gegend zusätzlich an den Rand gedrängt: Die Mauer an der Bernauer Straße, aber auch die Nord-Süd-S-Bahn und die Ringbahn schnitten das Gebiet nahezu vollständig vom übrigen Stadtraum ab. 1963 begann hier eine groß angelegte Stadtsanierung. Diese setzte, wie damals üblich, konsequent auf Abriss und Neubau. Das galt damals angesichts unhygienischer Wohnverhältnisse im Altbau als zeitgemäß – und es war sicher auch kein Zufall, dass es sich bei dem ersten Sanierungsgebiet um Willy Brandts Wahlkreis handelte.

Foto Meyers Hof links: Bert Sass, Foto rechts: Tilman Vogler

In weiten Teilen des Brunnenviertels verschwanden die alten Mietshäuser vollständig. An ihre Stelle traten große Wohnblöcke mit innen liegenden Grünflächen, deutlich geringerer Bebauungsdichte und klarer Trennung der Funktionen. Wohnen sollte vom Arbeiten und Einkaufen getrennt werden.
Diese strikte Trennung hatte verheerende Auswirkungen. Die kleinteilige Mischung von Gewerbebetrieben, Ladengeschäften, Eckkneipen und Wohnungen, die 1.760 Läden und Betriebe des Klein- und Mittelgewerbes, die man 1961 noch zählte, verschwanden vollständig. Nur die Brunnenstraße blieb als Geschäftsachse erhalten, während Straßen wie die Swinemünder Straße oder die Bereiche rund um den Vinetaplatz zu ruhigen Wohnlagen ohne Durchgangsverkehr umgestaltet wurden.


Im Gebiet lebten 1961 noch 40.000 Menschen, 1980 waren es gerade einmal 14.000 Bewohner – die sich wie in einer Schlafstadt fühlen mussten. Ohnehin hatte es viele Bewohner ins Märkische Viertel verschlagen – plötzlich also an den äußeren nördlichen Stadtrand. Gegen die massiven Veränderungen regte sich trotzdem nur vereinzelt Protest, denn die modernen Wohnungen mit Warmwasser, Zentralheizung und Innen-WC galten im Vergleich zu den unhygienischen Zuständen in den Altbauten zunächst als durchaus attraktiv. Die durchgehenden Ränder der Straßenblöcke wurden aufgebrochen, und Licht und Luft für alle Wohnungen stellten den Gegensatz zu den berüchtigten Mietskasernen her.

Gegen Ende der Zeit des Sanierungsgebiets machte sich aber ein Umdenken in der Stadtplanung bemerkbar. Zu brutal erschienen die Eingriffe ins Stadtbild. Das neue Modell der „Behutsamen Stadterneuerung“ wurde 1981 vom Bürgermeister Richard von Weizsäcker ausgerufen. So zeigte sich in der Gleim- und Graunstraße bereits ein anderes Bild der Bautätigkeit dieser Zeit. Dort wurden in den 1970er Jahren nämlich Teile der alten Bebauung erhalten: Die straßenseitigen Vorderhäuser blieben stehen, während nur die Seitenflügel und Quergebäude abgerissen wurden. Die Blöcke wurden geöffnet, Höfe begrünt und die Wohnungen neu geschnitten. Die Altbaufassaden erhielten eine neue, bewusst einfarbige Gestaltung – ein vorsichtiger Schritt weg vom radikalen Abrissdenken, aber noch weit entfernt von einer wirklich behutsamen Sanierung.

Auch der Vinetaplatz markiert einen Wendepunkt. Hier entstanden in den 1970er Jahren Wohnanlagen, die sich wieder stärker an der traditionellen Berliner Blockrandbebauung orientierten. Geschlossene Baublöcke, klare Traufhöhen und Backsteinfassaden griffen historische Formen auf, ohne die Fehler der Gründerzeit zu wiederholen. Gleichzeitig wurde der Platz selbst von einem repräsentativen Schmuckplatz zu einer grünen, parkartigen Freifläche mit Spiel- und Aufenthaltsbereichen umgestaltet.

Während diese neuen Ansätze im Brunnenviertel nur an wenigen Stellen umgesetzt wurden, wirkte sich die veränderte Stadterneuerungspolitik in anderen Teilen des Weddings grundlegend stärker aus. Ab Ende der 1970er Jahre setzte Berlin verstärkt auf den Erhalt alter Mietshäuser, auf Modernisierung statt Abriss und auf den Verbleib der Bewohner im Kiez. Beispielhaft sei hier die Biesentaler Straße im Soldiner Kiez genannt. Im Krieg entstandene Baulücken wurden geschlossen, damit wieder eine durchgehende Blockrandbebauung entstand. In vielen Straßen des Weddings prägt dieses behutsamere Vorgehen bei der Sanierung bis heute das Stadtbild – im Brunnenviertel dagegen blieb die großflächige Umgestaltung dominierend.

Die Gebäude an der Brunnenstraße, der Ackerstraße und am Vinetaplatz zeigen exemplarisch, warum das Brunnenviertel so anders wirkt als der übrige Wedding und Gesundbrunnen: Hier traf die radikale Stadtsanierung der Nachkriegszeit auf erste, zaghafte Korrekturen – während der grundlegende Kurswechsel für den übrigen Wedding erst später kam. Aus diesem Grund sind dort flächendeckend viel mehr Altbauten und die städtebaulichen Strukturen der Kaiserzeit erhalten geblieben, was zum Gefühl eines intakten Kiezes entscheidend beiträgt, wie man heute weiß. Doch das ist ein anderes Kapitel.

Joachim Faust

Joachim Faust

hat 2011 den Blog gegründet. Heute leitet er das Projekt Weddingweiser. Mag die Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen gleichermaßen.

3 Comments Schreibe einen Kommentar

  1. Nicht zuletzt wäre zu erwähnen, so gut wie alle Neubauten im Bereich des ehemaligen Bruchbudenensembles aus der Gründerzeit wurden vom Hauptsanierer, der DeGeWo, im sozialen Wohnungsbau konzipiert. Ein riesiger Fehler von Politik und Bauträger, der jahrzehntelang fortwirkt und heutzutage Ausdruck findet im verharmlosenden Begriff sozialer Brennpunkt.
    Zu den so schön sanierten Altbauten in den Nebenstraßen: eigentlich potemkinsche Dörfer, denn von der alten Bausubstanz verblieben lediglich die Außenmauern. Stuckfassaden, Balkons sowie das Innere der Häuser mußten neu erstellt werden. Habe ich mir seinerzeit angesehen.

  2. Auch „Meyer’s Hof“, erbaut 1874, mit 6 Hinterhöfen für bis 2000 Bewohnerinnen und Bewohner (Küche, Stube, Kammer, 1 Waschbecken pro Flur, und Closetthaus im Innenhof) ist in die Weddingliteraturen eingegangen.

  3. Vielen Dank für diesen sehr interessanten Artikel! Überhaupt gehört der Weddingweiser inzwischen zu meinen unverzichtbaren Lektüren. Man lernt als „Neu-Weddingerin“ immer wieder dazu. Übrigens spielt die im Artikel erwähnte Ackerstraße auch in Hans Falladas „Ein Mann will nach oben“ eine Rolle. Man gewinnt einen sehr guten Eindruck von der Unzumutbarkeit der Wohnverhältnisse um 1910, den miesen hygienischen Bedingungen, der Enge und Dunkelheit in den Mietskasernen.
    Angelika Lozar

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