

Der Soldiner Kiez liegt nördlich der Osloer Straße, in Ost-West-Richtung durchzogen von der Soldiner Straße und in Nord-Süd-Richtung vom Weddinger Fluss Panke, die auf beiden Ufern grüne Oasen hat. Es ist ein Viertel mit Geschichte – nördlich einer Heilquelle, die längst versiegt ist, mit alten Fabriken, neuen Projekträumen, Friedhöfen – und mit einer und multikulturellen Bewohnerschaft, die das Straßenbild lebendig macht. Dass der Kiez bis 1920 am nördlichen Stadtrand Berlins und später am Rand von West-Berlin lag, merkt man ihm noch immer an.


Die guten Seiten
Erstens: Multikulturelles Leben & Kunstszene. Über 20.000 Menschen aus mehr als 60 Nationen wohnen hier, was sich überall zeigt: in kleinen Läden, in Restaurants und in kreativen Räumen. Kunst ist Teil des Kiezlebens – Projektgalerien, Ausstellungen, die „Kolonie Wedding“ und andere Initiativen bringen Farbe, Kreativität und Begegnung ins Viertel. Wunderschöne Altbauten wie in der Biesentaler und der Wriezener Straße sowie einige Baudenkmäler wie das Umspannwerk Christiania, die Stephanuskirche und die Schule in der Gotenburger Straße setzen städtebauliche Akzente.


Tipp: Die Kolonie Wedding ist ein Zusammenschluss verschiedener Künstler:innen, die ihre Ateliers und Räume seit 2001 immer am letzten Wochenende des Monats zu gemeinsamen Veranstaltungen zusammenlegen. Mehr über das jeweilige Monatsprogramm findet ihr hier.
Zweitens: Grüne Oasen & die Panke. Der Fluss Panke gibt dem Kiez beidseitig sein eigenes, ruhigeres Ufer. Uferwege und grüne Abschnitte laden ein zum Spazieren, Erholen oder einfach einen Moment Pause. Je näher man Pankow kommt, desto mehr weitet sich der Ausblick und Kleingärten bestimmen das Bild. Der zusammenhängende St. Elisabeth- und der Sophienkirchhof sind ebenfalls große grüne Lungen. Auch die breite Grüntaler Straße, auf der einst eine Bahnlinie verkehrte, ist heute ein grüner Mittelstreifen mit Spielplätzen und einer Promenade.

Tipp: Entlang der Panke ziehen sich Uferwege, Spielplätze und ein Regenrückhaltebecken wie ein grünes Band.



Drittens: Verkehrsanbindung & bezahlbare Mieten. U- und S-Bahnen sind gut erreichbar, auch Bus- und Tramlinien, und man kommt relativ einfach in andere Teile Berlins. Gleichzeitig waren und sind die Mietpreise hier meist moderater als in manchen anderen aufstrebenden Kiezen – das macht den Soldiner Kiez attraktiv auch für Menschen mit kleinerem Budget.

Tipp: Die Renovierung der riesigen Stephanuskirche ist eine Herausforderung für die evangelische Kirche. Wer die Gelegenheit hat, sie von innen zu besichtigen, sollte das unbedingt tun.



Die problematischen Seiten
Aber es gibt auch Herausforderungen. Fluktuation & fehlende dauerhafte Bindung: Der Kiez gilt oft als erstes Ankunftsgebiet oder Durchgangsviertel. Viele Bewohner*innen bleiben nicht lange – das kann die Entfaltung einer stabilen Nachbarschaftsidentität erschweren.

Tipp: Eine veritable Kegelbahn und eine schöne Bar findet ihr in der Grüntaler Straße mit der Kugelbar.
Dann: Ungleichheiten in Stadtpflege & Immobilienzustand. Obwohl schöne Altbauten mit etablierten Projekten wie der Genossenschaft PA58 existieren, gibt es Häuser mit abblätternden Fassaden, wenig einladenden Hauseingängen oder vernachlässigten Höfen. Diese Unterschiede, aber auch viel Armut, sind im Straßenbild sichtbar und spürbar.


Und: Die bunt gemischte, eher einkommensschwache Bewohnerschaft gehen einher mit vernachlässigtem öffentlichen Raum und fehlendem sozialem Engagement. Nur wenige Aktive wie der Soldiner Kiezverein oder die Nachbarschaftsinitiative Ins Kamine kämpfen mit ihrer Arbeit dagegen an. Immerhin ist es dem baulich schönen Soldiner Kiez gelungen, den letzten Platz im Sozialranking Berlins (2007) weit hinter sich zu lassen.

Tipp: Das frühere Kamine & Wein ist ein Laden mit Partykeller, der von einem Freundeskreis unter dem Namen Ins Kamine kulturell und mit vielfältigen Aktivitäten belebt wird.


Fazit
Der Soldiner Kiez ist ein lebendiges Mosaik: Geschichte, Kultur, internationale Bevölkerung und künstlerische Projekte vermischen sich mit den Herausforderungen, die viele durchmischte Stadtquartiere kennen. Wer Vielfalt, Kunst und urbane Rauheit mag, findet hier viel; wer Ruhe, Grün oder tadellose Infrastruktur erwartet, stößt auch an Grenzen.

Tipp: Der Hinterhof mit der Hutfabrik Gattel ist ein sehenswertes Stück Soldiner Kiez, in der Prinzenallee 58.


Beim Durchfahren und -spazieren des Soldiner Kiezes Richtung Pankow, unter der Bahnbrücke Wollankstr. hindurch ins wunderschöne Pankow rein, bleibt bei mir leider stets beeindruckt und betroffen hängen, wie enorm dreckig es im Soldiner Kiez ist.