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Verlorene Landschaft:
Was eine Karte von 1802 über den Wedding verrät

Unser Stadtteil Wedding geht zurück auf die sogenannte Weddinger Feldmark – ein Gebiet, das vor den Toren der Stadt Berlin lag und erst 1861 offiziell eingemeindet wurde. Damals war die Gegend nur spärlich besiedelt, geprägt von Landwirtschaft, ausgedehnten Wäldern und natürlichen Gewässern.

Eine Karte von J. F. Schneider aus dem Jahr 1802 gibt uns heute noch einen Eindruck von der ursprünglichen Landschaft.

Der heutige Wedding war im Westen eine flache, sandige Heide. Eichen- und Buchenwälder wechselten sich mit Kiefernflächen voller Sand ab. In dieser Gegend lagen auch die beiden Plötzenseen – wobei der kleinere später in den Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal integriert wurde. Als die Wälder zur Brennholzversorgung der Stadt mehr und mehr abgeholzt wurden, wurde der lockere Sandboden zum Problem: Der Wind trug ihn ab, es entstanden Dünen, zwischen denen torfhaltige Feuchtgebiete wie die Tonnen-Laake und zahlreiche Fenne lagen. Später mussten sie mit Sand zugeschüttet werden. Die heutige Seenkette im Volkspark Rehberge mit Möwensee, Sperlingsee und Entenpfuhl gehen ebenfalls auf ein Fenn zurück. Die Namen Fennstraße und Torfstraße stehen auch für dieses Kapitel der Weddinger Geschichte.

Kurz nach Entstehung der Karte 1803 wurde es der Stadt Berlin mit den Holzdiebstählen in der Heide dann doch zu arg: Der größte Teil des Waldes wurde abgeholzt, der Sandboden lag danach frei und war dem Wind schutzlos ausgesetzt.

Windmühle
Eine Windmühle an der Müllerstraße um 1809

Durch diese waldige Landschaft schlängelte sich die Panke, die damals auf Weddinger Gebiet bereits zwei Mündungsarme hatte – der westliche war künstlich angelegt. Es handelte sich um den Schönhauser Graben – ein im frühen 18. Jahrhundert begonnener schiffbarer Kanal, der die Spree mit dem Schloss Schönhausen verbinden sollte. Die Arbeiten wurden jedoch nicht vollendet: Nur der untere Teil mit Schleusen bis zum heutigen Nordhafen wurde realisiert. Teile des Grabens gingen später, Mitte des 19. Jahrhunderts, im Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal auf. Übrigens geht auch die heutige Seestraße auf ein königliches Infrastrukturprojekt zurück – sie war als direkte Verbindung zwischen den Schlössern Charlottenburg und Schönhausen geplant und wurde später zum Teil der Ringstraße, die rund um die Stadt Berlin angelegt wurde.

Östlich der Panke steigt die Landschaft deutlich an – hier beginnt das Barnim-Plateau, das nicht aus Sand, sondern aus Geschiebelehm besteht. Die beim Fahrradfahren spürbaren Anstiege in den heutigen Straßen Bad-, Hoch- und Grenzstraße zeugen von diesen Höhenunterschieden: Während der Westen des Wedding rund 35 Meter über dem Meeresspiegel liegt, sind es im Osten etwa 45 Meter. Nichtsdestotrotz wird der südlich der heutigen Ringbahn liegende östliche Teil des Wedding traditionell als „tiefer Wedding“ bezeichnet. Auf der Karte von 1802 finden sich markante Geländeerhebungen wie Brunnenkuppe, Grenadierberg oder Galgenberge – letztere verweisen auf die historische Richtstätte am heutigen Gartenplatz. Der dort seit 1749 befindliche Galgen war auf der Karte schlicht als „Gericht“ eingezeichnet. Der „Oehlberg“ bezeichnete wohl einen Bildstock, einen Andachtsaltar in einem Häuschen, am Pilgerweg nach Bad Wilsnack, auf dem die Apostel am biblischen Ölberg abgebildet gewesen sein könnten. So erklärt es sich Bruno Stephan in seinem Buch „700 Jahre Wedding“.

Viele der damals wichtigsten Wege prägen auch heute noch das Straßenbild. Um 1800 wurde der alte Pilgerweg nach Bad Wilsnack zur Chaussee ausgebaut, die vom Oranienburger Tor nach Tegel führte – heute ist das die schnurgerade Müllerstraße. Auch ländliche Wege wie die heutige Pankstraße (Richtung Pankow) oder die Reinickendorfer Straße lassen sich bis dahin zurückverfolgen. Die Brunnenstraße wurde 1782 angelegt – als direkte Verbindung von Berlin zum Gesundbrunnen.

Der letzte Gebäuderest des Vorwerks Wedding um 1890

Zur Bebauung: Der „Große Wedding“, auf der Karte einfach nur „Wedding“ genannt, war ein Vorwerk – also ein landwirtschaftliches Gut – und nicht identisch mit dem gleichnamigen, bereits im Mittelalter aufgegebenen Dorf. Es hatte 1801 150 zugehörige Bewohner:innen. Das Gut befand sich in dem Gebiet zwischen Weddingstraße, Reinickendorfer Straße und Pankstraße. Als die Karte gezeichnet wurde, 1802, war das Gut im Besitz des Geheimrats Karl Friedrich Noeldechen. Ihm gehörte auch der „Kleine Wedding“ an der Reinickendorfer Straße 2/3. Dieser Wirtschaftshof mit sechs Kolonistenhäusern war 1779 vom Gastwirt Corsika gegründet worden, der in Berlin zu Wohlstand gekommen war. Die wenigen fruchtbaren Ackerflächen lagen östlich der Panke; der sandige Westen war nur von spärlicher Vegetation bedeckt oder mit Fichten bewachsen. Er diente allenfalls als Weidefläche für Schafe und Rinder.

Zwischen den beiden Armen der Panke lag die Magistratsförsterei, die für die Bewirtschaftung der Wälder zuständig war. Auf der Karte ist sie als „Forsthaus“ eingezeichnet. An der Müllerstraße befanden sich außerdem ein Hegemeisterhaus (Müllerstr. 4), ein Wald- und Wegewärterhaus (Müllerstr. 139 und 53) und ein Chausseehaus. Weiter nördlich, an der Nr. 53, befand sich der Oldenburger Hof, das lange Zeit älteste Haus des Wedding (1952 abgerissen). Schon wenige Jahre später, 1809, entstanden die zwei ersten Holländer-Lohmühlen an der Müllerstraße, die ihren späteren Namen den Windmühlen verdankte.

Das älteste Haus der Müllerstraße war für viele Jahrzehnte der Oldenburger Hof

Die Panke floss durch ein kleines, baumbestandenes Tal. Oberhalb der heutigen Badstraße teilte sie sich in zwei Arme – die eigentliche Panke und den künstlich angelegten Mühlenstau –, wodurch eine Insel entstand. An dieser Stelle befand sich seit 1766 eine von dem Arzt Heinrich Behm gegründete Bade- und Trinkkuranstalt mit Park. Schon 1752 hatte man die dort aus dem Boden tretende eisenhaltige Quelle analysieren lassen und ihr eine Heilwirkung bescheinigt. Behm war der Erste, der seine Anlage „Friedrichs Gesundbrunnen“ nannte. Die Quelle lieferte stündlich rund zehn Tonnen Wasser. Behm ließ sie in einem Brunnenhaus fassen, dazu kamen Bade- und Logierhäuser sowie ein Wirtshaus für die Ausflügler. Nach dem Tod Behms war die Anlage 1802 bereits verkauft. Durch mehrere Besuche von Königin Luise im Jahr 1799 wurde der Ort populär – bald setzte sich der Name „Luisenbad“ durch, auch wenn die offizielle Umbenennung erst 1809 erfolgte.

Behm ließ bereits 120.000 Bäume pflanzen, um dem Flugsand entgegenzuwirken. Zudem siedelte er vier Kolonisten an, deren Häuser jeweils zwei Parteien beherbergten. Insgesamt wurden rund um die Koloniestraße und die Reinickendorfer Straße etwa 25 Kolonistenfamilien angesiedelt. Die Grundstücke erhielten sie in Erbpacht – zunächst für drei Generationen, danach durften sie verkauft werden.

Ab 1850 siedelten sich entlang der Panke zahlreiche Gerbereien an, die ihre Abwässer ungefiltert in den Fluss einleiteten. So wurde aus dem idyllischen Gewässer bald die berüchtigte „Stinkepanke“. 1882 versiegte auch die Quelle – vermutlich, weil der Bau der Berliner Kanalisation ab 1869 ihre Quellader beschädigte.

Was ist geblieben?

Wer heute durch den Wedding geht, bewegt sich auf Spuren einer Landschaft, die längst verschwunden scheint – und doch bis heute im Straßenverlauf, in Geländekanten und alten Namen weiterlebt.

In diesem Artikel haben wir uns den Wedding des Jahres 1851 angesehen.

Joachim Faust

Joachim Faust

hat 2011 den Blog gegründet. Heute leitet er das Projekt Weddingweiser. Mag die Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen gleichermaßen.

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