Im Interview mit Frau Ursula Schade, eine Urberlinerin Jahrgang 1947 und Weddingerin par excellence, spreche ich über ihre 50 Jahre im Ehrenamt, die sie hier geleistet hat. Sie lebt von nun 78 Lebensjahren bereits 61 Jahre im Wedding, genauer im Gesundbrunnen nahe der Bornholmer Straße, dort, wo damals die großen Grenzschilder standen. 50 Jahre lang hat sie sich für das Soziale in unserer Stadt und für unsere Gesellschaft eingesetzt.

Frau Ursula Schade, Delegierte der SV Mitte und Vizepräsidentin des SSB Graue Panther e.V. (Senioren Schutz Bund e.V.)
Frau Schade, Sie sind nach dem Krieg geboren und neben Ruinen im Wedding aufgewachsen. Sie lebten als Kind bis heute nahe der Jülicher Straße, und ihre Tante nahe am Leopoldplatz, so dass Sie die Nachkriegslandschaft direkt durchstreiften. War es nicht gefährlich in den Ruinen? Was war ihr liebstes Spiel damals?
Frau Ursula Schade Damals gab es kaum Autos, insofern waren wir nicht so gefährdet wie vielleicht heute durch die Stadtstraßen. Wir spielten beispielsweise mit kleinen Metallautos am Straßenrand bis zur Bürgersteigkante. Wir waren gehorsame Kinder und gingen wegen der Verbote der Eltern wirklich nicht in die Ruinen. Ich erinnere mich an das Mercedes-Kino in der Utrechter Straße. Auch kann mich ich entsinnen, dass das noch heutige Grundstück vom Karstadtgebäude ein weites Ruinenfeld war, auf dem Weihnachtsmärkte stattfanden.
Ihr erstes Ehrenamt begannen Sie in Ihren jungen Jahren im Jahr 1966 als Beitragskassiererin der Gewerkschaft Textil-Bekleidung.
Frau Ursula Schade Das war ein reiner Frauenbetrieb. Ich wurde Kassiererin, war zudem auch ein paar Jahre im Betriebsrat aktiv. Ich war damals noch sehr jung, keine 20 und wusste wenig über das Ehrenamt, das noch nicht so weit verbreitet war wie heute. Aber meine Motivation war immer das Helfen.
Von 1983 bis 1997 waren Sie im Vorstand des SoVD mit Geschäftsstelle des Kreis Wedding in der Brüsseler Straße. Was waren die damaligen drängenden sozialen Probleme und Lösungsansätze?
Frau Ursula Schade Der Reichsbund ging auf eine Gründung aus dem Jahr 1917 zurück, als man Kriegsopferversorgung benötigte; nach dem 2. Weltkrieg wurde er neu gegründet. Im Jahr 1999 wurde der Verband in SoVD (Sozialverband Deutschland) umbenannt und ein Jahr später der Hauptsitz von Bonn nach Berlin verlegt.
Ich war in diesen Jahren in der Kreisverbandstelle im Brüsseler Kiez (im Büro in der Brüsseler Straße) tätig. Wir haben vor allem für die Anerkennung von Schwerbehinderung gewirkt. Es waren, auch im Jahr 1983, fast 40 Jahre nach dem Krieg noch immer vor allem Kriegsversehrte aus dem damaligen Bezirk Wedding, die wir unterstützten.
Seit 2002 waren Sie als Mitglied und als Schatzmeisterin bei den Grauen Panthern, Landesverband Berlin aktiv dabei. Was war das Hauptthema dieser Zeit?
Frau Ursula Schade Damals ging es vor allem um soziale Themen wie Pflegeversicherung und Rente, schließlich gab es zudem von 2004 bis 2006 keine Rentenerhöhungen.
Das Thema Pflege war in aller Munde. Ich war sogar 2004 oder 2005 bei Frau Christiansen in der ARD zu sehen, da ich meine Mutter pflegte und dies dort Thema war. Damals, nachdem die Pflegeversicherung in 1995 eingeführt worden war, ging es um die Pflegesituationen, um pflegende Angehörige und die Zustände in den Heimen.
Wie in einer Festrede aus diesem Jahr 2025, als Trude Unruh, die 1989 die Gründung der Partei Die Grauen – Graue Panther initiierte, 100 Jahre alt geworden wäre, sehr anschaulich hervorgeht, wurden die Alten in den Heimen oft sehr autoritär und eher nachlässig behandelt.
Zudem waren Sie bald darauf gewähltes Mitglied in der BVV Mitte. Von 2006 bis 2011 waren Sie dort Bezirksverordnete. Was konnten Sie bewirken?
Frau Ursula Schade Recht einfach gesagt, sind Parteien dazu da, zur Wahl anzutreten und dies taten wir. Über die Landesliste kam ich für „Die Grauen“ in die BVV (Bezirksverordnetenversammlung). Wir sind damals in acht BVVs in Berlin eingezogen.
Die Partei löste sich etwas später wegen eines Spendenskandals und der Kosten, die die Partei nicht aufbringen konnte, auf.
Ich war als gewählte Delegierte für Mitte zuständig. Es ging mir vor allem um die Soziale Frage, aber damals ging es auch um Ärgerlichkeiten wie unterlassene Schneeräumung im Winter.

Frau Ursula Schade
Ab 2009 nehmen Sie am Frauenbeirat Stadtplanung (Mitte) teil. Wie ist Ihre Perspektive auf die Frauenbelange bei der Stadtplanung?
Frau Ursula Schade Über die Mitwirkung in der BVV kam ich zum Frauenbeirat Stadtplanung, wo ich noch heute regelmäßig mitwirke. Es wird oft immer noch zu wenig für Frauenbelange getan. Was ist fraulich los in Mitte?, ist eine der Fragen, die mich beschäftigte, aber auch die Regelung von Sicherheit für Frauen in der Stadt. Wir hatten Projekte und Themen wie Angsträume vermeiden, beispielsweise durch gute Beleuchtung in den nächtlichen Straßen und bei Neubauten. Wem gehört der Gehweg ist ein Mitmach-Foto-Projekt gewesen, das auch MÄDEA einbezog, und mit dieser öffentlichen Materialsammlung die beratende Funktion für bessere Nutzungen der Gehwege übernahm. Wir haben damit eine große Ausstellung gegeben. Auch Durchquerungen in den Kiezen und die Funktionstüchtigkeit von Rolltreppen und Liften sind wegen der Barrierefreiheit immer auch ein Augenmerk der Frauen im Frauenbeirat.
Aktuell haben wir Projekte in der Runde auf dem Tisch wie den Tower an der Jannowitzbrücke und auch die Quote für die Sozialwohnungen in der Europacity, eine Quote, die vorgegeben war und entschwand, als ein Bauträger wechselte: so soll es nicht gehen und nicht ausgehen!
Die Grauen Panther machten etliche Metamorphosen durch. Es wurde gegründet, anders benannt und fusioniert – so im Jahr im Jahr 2017 durch die Fusion der Partei Graue Panther und der Partei Die Grauen – Generationspartei – aber im Jahr 2017 kam es zur Gründung von Die Grauen – für alle Generationen. Sie waren dort im Vorstand als Schatzmeisterin tätig. Nun, seit 2022, sind Sie im SSB, dem Seniorenschutzbund Graue Panther e.V. hier vor Ort im Wedding aktiv.
Frau Ursula Schade Ja, es gibt viele Einzelvereine, die aktiv sind. Der Senioren Schutz Bund Graue Panther e.V. wurde 1975 von Trude Unruh gegründet. 50 Jahre Schutzbund für Senioren mit dem leitenden Gedanken auf das Intergenerationelle und auf die Abschaffung der Bevormundungen von Alten steht direkt in der Tradition der Forderungen von Frau Unruh. Frau Jutta Jaura (Interview mit Frau Jaura) übernahm im Jahr 2010 das Amt von Trude Unruh (1925 – 2021).
Seit 2022 bin ich Mitglied im SSB Graue Panther e.V. und wurde eben erst im September 2025 gewählte Vize-Präsidentin des Bundesverbandes.
Sie sind auch seit 2022 gewähltes Mitglied der Seniorenvertretung Mitte (SVM) und in dieser Zeit wurden sehr wichtige Aufgaben wie der Entwurf eines Altenhilfestrukturgesetzes erarbeitet. Berlin ist, so wie mit der Einführung des Seniorenmitwirkungsgesetzes (BerlSenG) in 2006, wieder Vorreiter in Sachen Seniorinnen- und Seniorenbelange.
Frau Ursula Schade Die SV Mitte trifft sich einmal im Monat im Plenum, die Zuarbeit wird von Arbeitsgruppen gemacht.
Es gibt unter den Delegierten etliche Arbeitsgruppen (AG) wie AG Mobilität, Öffentlichkeitsarbeit, Pflege, Betreuung, Bewohnerbeiräte, Wohnen und AG Armut im Alter.
Wichtig ist mir als Mitglied der Seniorenvertretung: in Politik und Verwaltung einzubringen, dass die Probleme der Seniorinnen und Senioren gehört werden, bevor es zu spät ist. Nur, wenn man sich aktiv einbringt, kann man etwas ändern oder mit Trude Unruh`s Worten: „Heute wir – Morgen ihr!“
Die Seniorinnen und Senioren der SV (Seniorenvertretung) möchten mittlerweile mehr als nur beratend tätig sein, man fordert ergänzend die aktive Mitwirkung durch u.a. Rede- und Antragsrecht in der BVV und einen Ausschuss für Altenhilfe.
Frau Ursula Schade Ich meine, die SV soll an den Ausschusssitzungen der BVV teilnehmen und kann dann ihre Anliegen dort vorbringen.
Werden Sie im Frühjahr 2027, wenn die nächste Wahl zu den Berliner Seniorenvertretungen ansteht, wieder für die SV Mitte kandidieren?
Frau Ursula Schade Ich werde meine weitere Kandidatur von meinem Gesundheitszustand abhängig machen müssen, denn in 2027 werde ich 80 sein.
Frau Schade, ich danke Ihnen für dieses Gespräch
.Interview und Fotos: Renate Straetling
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