Johannes Ehrmann blickt von oben auf den Wedding

"Großer Bruder Zorn" von Johannes Ehrmann. Grafik: Eichborn Verlag.
„Großer Bruder Zorn“ von Johannes Ehrmann. Grafik: Eichborn Verlag.

„Schaudernd lege ich mich wieder schlafen.“ Über diesen Satz kann man sagen, dass er kurz ist und dass er ein Satz ist. Er stammt aus Heiko Wernings Buch „Mein wunderbarer Wedding“ (2010), ein Buch mit Lesebühnentexten aus dem Wedding. In Johannes Ehrmanns Buch „Großer Bruder Zorn“ (Verkaufsstart heute) steht zum Beispiel das Gefüge: „Ihre letzten drei Worte.“ Das ist auch kurz, aber es ist kein vollständiger Satz. Und das Buch „Großer Bruder Zorn“ spielt zwar im Wedding, aber es ist kein Roman aus dem Wedding, mehr ein Roman über den Wedding. Also Außenbetrachtung. Oder wie es im Klappentext heißt: „Johannes Ehrmann lebt am Rande des Weddings“ (Marketingdeutsch für: nicht im).

Das Buch „Großer Bruder Zorn“ hat etwas gemeinsam mit der Kunstfigur Sido. Für die jüngeren: Sido ist ein Sänger, der einmal ein Rapper war. Der Wandel vom Rapper zum Sänger kam von außen, Sido selbst ist sich über die Jahre treu geblieben. Und – jetzt kommt es – Sido sang (oder rappte) einmal über das Märkische Viertel. Doch besuchte dann der Musikliebhaber aufgrund des Songs „Mein Block“ das Märkische Viertel, so fand er einen Baseball-Verein, der in der Bundesliga spielt, er fand viele Erstmieter, die seit 1960 auf eine U-Bahnstation in ihrem Kiez warteten, er fand einen großen Kinderbauernhof. Kurz: Er fand das beschauliche Leben einer Kleinstadt. In der es halt auch heruntergekommene Typen gibt.

Johannes Ehmann. Foto Manfred Esser.
Johannes Ehmann. Foto Manfred Esser.

Johannes Ehrmann und Sido haben gemeinsam, dass beide über ein Viertel mit krassen Typen texten. Und beide achten genau darauf, dass sich nicht zu viel Wirklichkeit zwischen die Zeilen schiebt. Es geht um Typen, nicht um vielschichtige Figuren. Die Figuren des Romans stehen, wie man so dahinsagt, auf der sozialen Leiter ganz unten. Unausgesprochen sagt man damit, es sei ein Gesetz, dass das Leben ein Hinaufklettern zu sein habe. In Ehrmanns Roman leben die krassen Figuren nicht im Märkischen Viertel, sie leben im Wedding. Am Bellermannplatz.

Im ehemaligen Bezirk Wedding gibt es eine Bellermannstraße, einen Bellermannplatz gibt es im Wedding nicht. Auch nicht im Gesundbrunnen. Und es gibt auch keine Amtmannstraße. Aber es gibt das Flüßchen Panke, die Schulstraße, den Leopoldplatz, das große Arbeitsamt. Diese örtlichen Details muss man erklären für alle die Leser, die den Wedding nicht so genau kennen. Denn für die ist das Buch geschrieben. Die werden mit dem Buch wohlig erschauern. Wie bei einem Tatort, wo plötzlich eine Rockerbande auftaucht. Und die sorgt dann für diesen Gute-Nacht-Grusel. Nur an den gepflegten Bärten der finsteren Typen ist zu erkennen: Es sind bloß Schauspieler. Auch bei Ehrmann kommen übrigens motorradfahrende Rocker vor. Ihr Chef heißt Wikinger. Klar.

Vielleicht ist das bereits das passende Gesamturteil über das Buch. Johannes Ehrmann hat ein Buch in der Tatort-Liga geschrieben. Und das ist ja schon auch etwas. Oder: Das ist ja schon gar nicht so wenig. Ehrmann hat mit Kolumnen über den Wedding den Theodor-Wolff-Preis (2014) gewonnen und er hat 2013 den Grimme Online Award gewonnen für seine Sicht auf das Fußballgeschehen in diesem Land. Wie der Tatort für die Zuschauer gemacht ist, die gerade nicht in der Stadt leben, in der die Episode spielt, so schreibt auch Ehrmann für die Leser der Republik. Nicht für den Weddinger. Leser im Wedding fragen sich wie der Tatortzuschauer: Wo bleibt denn nun mein Kiez?

„Großer Bruder Zorn“ ist ein Roman in halben Sätzen über das Scheitern. Ein viel zu oft zu abschätzig behandeltes Thema. In der Marktwirtschaft ist Scheitern Alltag. Dieser Satz darf zweimal gelesen werden. Dann gelingt es, Scheitern einfach als Scheitern zu nehmen. So wie man sich ja auch nicht schämt, wenn man beim Mensch-Ärgere-Dich-nicht verliert. Obwohl: Manche tun dies und spielen das Spiel dann nie wieder. Ein solches Wegducken geht im echten Leben nicht. Da macht dann Ehrmanns Figuren doch symphatisch. Sie ducken sich nicht weg.

Trotz Ehrmanns verkürzter Sätze und seines Blicks von außen auf den Wedding ist ihm in der Figur des Flaschenfascho etwas gelungen. Etwas, was aus einer Textansammlung einen Roman macht. Das Besondere. Vielleicht eben gerade weil es keine Figur aus dem Wedding ist. Der Flaschenfascho ist ein Typ aus dem Überall und Nirgends. Die Figur erzählt dem Leser nichts über das Leben im Wedding im Jahr 2016. Denn das ist ja das Wunderbare an Büchern. Gute Bücher tun so, als ob sie von einem konkrekten Ort in einer konkreten Zeit berichten. Aber eigentlich wollen sie den Leser entführen nach … – ja wohin eigentlich? Zu sich selbst? Entführen sie in eine Welt, die man nicht entspannt von außen betrachtet, sondern in der man sich selbst entdeckt? Genau dorthin bringt einen unbemerkt der Flaschenfascho. Der Rest des Buches ist – vielleicht notwendige? – Zutat.

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Webseite von Johannes Ehrmann
Ehrmanns erster Roman „Großer Bruder Zorn“ erscheint beim Eichborn Verlag, dem Verlag für kompatible Ungewöhnlichkeiten, und kostet im Hardcover 19,99 Euro.
Johannes Ehrmann, Autor des Tagesspiegel

 

Text: Andrei Schnell, Grafik: Eichborn Verlag

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