Der große Wedding-Jahresrückblick der Brauseboys: Sommer

Das Jahr geht zu Ende, der Jahresrückblick der Brauseboys kommt. Schon zum 10. Mal lädt die Weddinger Lesebühne für mehrere Wochen in den Comedyclub Kookaburra, um an die wirklich wichtigsten Themen des Jahres mit heiteren Texten und wahnwitzigen Liedern zu erinnern. Für den Weddingweiser fassen sie in diesem Jahr exklusiv die wichtigsten Weddinger Ereignisse zusammen, in die Jahreszeiten unterteilt. Vier Wochen lang jeden Montag.

Sommer 2015

 

Heiße Gemüter, coole Sprüche (Paul Bokowski)

volker_ruegenmesseMontag, kurz vor acht. Müde stehe ich am Bahnhof Leopoldplatz und warte auf die U9 in Richtung Steglitz. Langsam rollt der Zug in die Station, die Türen öffnen sich, ich steige ein. Vom oberen Bahnsteig ist das Rauschen der einfahrenden U6 zu hören. „Zurückbleiben bitte“ schallt es aus den Lautsprechern unseres Waggons und gerade als das Warnsignal ertönt, springt ein Mann die letzten Stufen der Treppe zur U9 hinab und wirft sich, hüftvoran, zwischen die sich schließenden Türen unserer Bahn. Sieben, vielleicht acht Menschen stürmen ihm hinterher und versuchen sich durch den kindskopfbreiten Spalt zwischen den Türen zu zwängen. Es kommt zu tumultartigen Szenen, als plötzlich die nüchterne Stimme des Zugführers aus den Lautsprechern ertönt: „Meene sehr verehrten Damen und Herren, ick bin selbst n’bisschen überrascht, aber wenn ick dit Vahalten unserer neuen Passagiere richtig interpretiere, ist dit hia janz offensichtlich der letzte Personenzug in diese Richtung überhaupt!“

Ein gesundes Umfeld (Frank Sorge)

Ein Gutes hat diese fortschreitende Gentrifizierung, ich werde nicht ständig gefragt, ob ich wegen der nahenden Kinder jetzt nicht eigentlich aus dem Wedding wegziehen will. Vor einigen Jahren noch hätte ich mit der Frage fest gerechnet, bisher ist sie auf magische Weise ausgeblieben.
Mit ihrem gewaltigen Zwillingsbauch kurz vor der Geburt ist meine Freundin auffällig wie nie. Der Wedding interessiert sich ja sonst oft für nichts, man nimmt alles hin am Gegenüber, hier aber fühlen sich Passanten plötzlich berufen, die übliche Ignoranz aufzuheben. Nette Wünsche sind die Regel, meist verbunden mit der messerscharfen Beobachtung: Bald ist es ja soweit. Nicht jede dieser Ansprachen freut sie, meist schmälert zum Beispiel die mitgebrachte Bierflasche ihre Gesprächsbereitschaft.
“Na, wie weit sind Se denn?”
“Sechster Monat”, antwortet sie abweisend. Ungläubiger Blick auf den Bauch, dann Entspannung, die nette Schwangere wird einem ja nicht irgendeinen Quatsch erzählen.
“Ach, ja”, kurz überlegt das Männchen, gleich auf den Schreck noch einen Schluck aus der Flasche zu nehmen, oder erst, wenn wir auseinander gegangen sind, “und wie viel Zeit ist dann noch?”
“Äh… drei Monate?”
“Ach, denn is ja noch wat hin, allet Jute.”
Auch ich werde anders angeschaut als sonst, vom Bauch der Freundin schweift der Blick gerne auf meinen, der vergleichsweise zart und unwichtig erscheint. Aber ich spüre auch den Blick, der meine Erzeugerqualitäten prüft oder mich als Vaterfigur einordnet, obwohl ich das selbst noch nicht kann.
Der Sport junger Mädchen mit Migrationshintergrund, mit ihr selbst als Spielball, so berichtet die Freundin, ist laut in der U-Bahn oder auf der Straße zu raten, ob das Kind denn ein Mädchen werden würde. Immer tippen sie auf Mädchen.
“Das wird doch ganz bestimmt ein Mädchen”, sagen sie, oder “Sagen Sie, das wird doch ein Mädchen, oder?” Einen kurzen Moment lässt sie diese dann zappeln und klärt auf “Ein Mädchen und ein Junge.”
“Ohhh, voll süß”, kreischen die Mädchen entzückt.
Dann fragt die Supermarktkassiererin: „Und, bleibt ihr hier im Wedding?”
“Ja, klar”, sage ich, “wohin denn sonst?”
“Na, ins Grüne vielleicht.”
“Ach, naja”, sage ich, “das ist zwar dann das Grüne, aber da ist dann auch nur das Grüne.”
“Stimmt ooch wieder. Aber dit Wichtigste is ja”, sagt die Verkäuferin, “dass Se alle jesund rauskommen.”

(Ein sehr wahrscheinliches) Interview mit Sabine Smentek von der SPD, Stadträtin für Jugend, Schule, Sport und Facility Management im Bezirk Mitte von Berlin – Teil 1 (Heiko Werning)

Brauseboys: Allein in Mitte müssen 500 Erstklässler mehr eingeschult werden, als in den Planungen vorgesehen waren. Vier Wochen vor den Sommerferien haben immer noch nicht alle Kinder einen Platz bekommen.
Smentek: Herrjeh, wir haben halt auch viel um die Ohren. Und wissen Sie, erst jammern alle rum, dass sie keinen Platz in der Schule kriegen, und kaum geht das neue Schuljahr los, wollen sie nicht mehr hin und schwänzen dauernd. Das kann man doch gar nicht ernst nehmen. Aber wir kümmern uns ja schon drum. Deshalb lassen wir jetzt auch erst mal alle Sprechstunden des Amtes ausfallen, man kann ja gar nicht ordentlich arbeiten, wenn da immer irgendwelche Bürger dazwischen quaken.
Brauseboys: Kritiker sprechen von groben Fehlplanungen. Man hätte sich viel früher auf die steigende Zahl von Kindern einstellen müssen.
Smentek: Fehlplanungen, wenn ich das schon höre! Fragen Sie mal einen Metereologen im Oktober, wie im nächsten Juni das Wetter wird! Der lacht Sie doch aus! Woher sollten wir denn wohl wissen, dass da plötzlich so viele Kinder ankommen?
Brauseboys: In der Erika-Mann-Grundschule im Wedding sollen jetzt 140 Erstklässler eingeschult werden statt der vorgesehenen 90. Das sind zwei ganze Schulklassen mehr. Die Schule hat erst Mitte Juni davon erfahren, als alle Pläne für das kommende Schuljahr längst gemacht waren. Es gibt nicht mal genug Lehrkräfte.
Smentek: Erzählen Sie doch keine Märchen! Wir haben umgehend neue Lehrer eingestellt.
Brauseboys: Das sind keine Lehrer, das sind Leute ohne jeden pädagogischen Abschluss.
Smentek: Jeder fängt mal klein an! Und nur, weil die keine Ausbildung zum Lehrberuf haben, heißt das ja noch lange nicht, dass das nicht gute Lehrer sein können! Das Leben ist bekanntlich die beste Schule. Wenn die erst mal lehren, dann sind das auch Lehrer. Das sagt doch überhaupt nichts über die Qualität des Unterrichts aus! Glauben Sie vielleicht, ich hätte mal eine Ausbildung zur Stadträtin für Jugend, Schule, Sport und Facility Management gemacht? Na also!
Brauseboys: Aber die Kinder essen jetzt schon in vier Schichten Mittag, da müssten dann ja noch zwei dazu kommen …
Smentek: Na und? Vergeben ist nur die Zeit von 12 bis halb drei. Das bedeutet, dass um 11.20 Uhr und um 14.40 Uhr noch Zeitfenster ganz weit offen stehen. Beste Mittagsessenzeit, gerade Erstklässler sind da ja auch noch gar nicht so festgefahren in ihren Gewohnheiten.

paul_neuerBrauseboys:
Die Eltern behaupten es gebe nicht mal genug Toiletten für alle.
Smentek: Als ob das im Wedding ein Problem wäre.
Brauseboys: Wie bitte?
Smentek: Dann stellen oder hocken die Kinder sich eben mal an den nächsten Busch. Das macht da doch sowieso jeder.
Brauseboys: Aber das kann doch nicht ihr Ernst sein! Gerade die Erika-Mann-Grundschule liegt mitten im Problembezirk, mit über 80 % Transferleistungsempfängern. Trotzdem hat sie bislang auch Kindern aus schwierigen häuslichen Verhältnissen einen vernünftigen Start ins Schulleben ermöglicht!
Smentek: Ja eben! Das ist doch das Problem! Dann wird am Ende ja noch was aus denen, sie verdienen Geld – und dann? Hinterher liegen dann nämlich so Typen wie Sie uns wieder in den Ohren mit wegen Gentrifizierung und steigenden Mietpreisen! Sie fordern doch dauernd, dass dagegen etwas unternommen werden muss! Und wenn die Politik mal handelt, ist es auch wieder nicht richtig! Aber ich lasse mir das von Ihnen hier nicht madig machen. Wir von der SPD stehen nun mal für bezahlbare Mieten.

Schöne Seiten (Volker Surmann)

Im Altbau gegenüber steht ein blonder Junge mit bloßem Oberkörper am offenen Küchenfenster und zupft Gewürze aus einem Blumentopf. Äußerst schmuck, muss ich sagen, und ich meine nicht das Basilikum.
Von meiner Schreibstube aus habe ich alle Vorderhausküchen gegenüber in meinem stets nach Inspiration dürstenden Blick. Und viel mehr als die Raufaser hinter meinem Bildschirm inspiriert mich der Blonde, vielleicht zwanzig Lenze jung, denn seine Küchenarbeitsbekleidung besteht lediglich aus einem weißen Handtuch um die drahtige Hüfte. Egal, zu welcher Tageszeit. Begegnet man ihm aber auf dem Gehweg, trägt er stets tiefschwarze Hipstermode. Doch zu Hause, ob morgens nach dem Aufstehen um zwölf (er ist mehr so der Eulen-Typ) oder abends um zehn beim Zubereiten seines Mittagsmahls: immer nur weißes Handtuch. Die restlichen Fenster seiner Wohnung sind verhängt, was mich zur Mutmaßung führt, der modische Jungberliner könne nicht nur hip, sondern auch freikörperkulturell veranlagt sein: ein „Nudipster“. Ist das einer dieser Berliner Trends, die ich in meinem Alter nicht mehr mitbekomme? Nach „naked boys reading“ nun „male nude kitchening“?
Gestern fing dann der Herr im Stock drüber an, ebenfalls halbnackt in seiner Küche rumzuwerkeln, auch sein Rücken konnte entzücken. Erstaunlich, wie viele Muskeln angespannt werden, um einen einzigen Kochtopf abzutrocknen! Vielleicht ist es eine neue Art des Work-outs und wurde von Men’s Health, Fit-for-fun oder Apothekenumschau als kommende urbane Trendsportart ausgerufen: power dishwashing: Stähle deine Muskeln am Edelstahltopf, trainiere deine Küchenkraft!
So oder so: an einem Tag wie diesem hat selbst die Gentrifizierung ihre schönen Seiten …

Es liegt was in der Luft (Robert Rescue)

Sie spricht ein unverständliches Sächsisch. Er trägt einen Tuareg-Turban und einen chilenischen Wollumhang. Draußen sind es 27 Grad. Er macht nicht den Eindruck, als kümmere ihn das Wetter.
Sie fragen, ob es was zu kiffen gibt. Die Tresenschicht baut einen Joint. Eigentlich will ich nach Hause gehen, aber etwas macht mich misstrauisch. Es liegt was in der Luft. Nach dem Joint wankt er nach draußen und vollzieht auf dem Bürgersteig irgendwelche Dinge, die man vielleicht als Aktionskunst bezeichnen könnte. Er läuft dreimal hin und her, spreizt die Arme, als wolle er zum Flug ansetzen und drei Mal legt er sich auf die Fresse. Ich schaue von meinem Tresenplatz gespannt zu und frage mich, was als nächstes kommt.
Er kommt wieder rein und erklärt, dass sie weiter zum Mauerpark wollen. Ich entspanne mich etwas. Draußen bleiben sie noch stehen und er findet etwas in seinem Umhang. Er tritt wieder in den Laden und fragt, ob jemand was von seinem Baklava abhaben möchte. Niemand antwortet ihm. Also stopft er sich das süßliche Gebäck in den Mund. Dann geht er zur Toilette. Plötzlich ruft er: „Da ist ja mein Eimer. Endlich finde ich ihn wieder.“ Ich wuchte mich vom Hocker und gehe ihm nach. Ich sehe, wie er versucht, vom Putzeimer den Aufsatz abzureißen. „Das ist der Eimer, den ich vor Jahren Johannes Steinfurt geliehen habe und der jetzt beim Film arbeitet …“
Ich greife nach dem Eimer. Er lässt nicht los.
„Erspar mir die Details“, sage ich in scharfem Ton zu ihm. “Dieser Eimer gehört dir nicht. Die Firma stellt jedes Jahr eine Million davon her. Das kann nicht deiner sein.“
Er wird friedlich und stellt den Eimer wieder hin. In der Hand hält er das DEFEKT Schildchen vom Papierspender in der rechten Toilette, das er wegwirft, als er an mir vorbei die Toilette verlässt. Verdammt, es wird Monate dauern, bis jemand wieder den Zettel befestigt.
Aber wenigstens ist der Eimer sicher. Es gibt Abende in der Stammkneipe, da muss man mit allem rechnen.


 

2015 – ein Jahr zum Davonlaufen. Kann man darüber einen unterhaltsamen Rückblick machen? Die Brauseboys sind sich sicher: „Wir schaffen das!“

‘Auf Nimmerwiedersehen 2015 – Das Jahr ist voll’ ist der 10. Jahresrückblick der Brauseboys. Am 15.12. war die Premiere, aktuell geht es ab 26.12. täglich weiter bis 3.1., und dann noch bis zum 9.1.2016. Reservierung und Vorverkauf über www.comedyclub.de – Weitere Informationen auch über www.brauseboys.de

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