Über Vergessen und Magie am Eckernförder Platz

Mit meiner Tochter auf allen Wegen unterwegs zu sein, hier im wunderschönen Wedding. Ihr die schönen Dinge zu zeigen, die Vielfalt, aber auch den Widerspruch. Aus allen Welten eben etwas, vor allem aber das Vergessen und die Orte, die bald vergessen sein werden. Wie der Eckernförder Platz.

Eckernförder PlatzAlso gilt’s. Der Wecker klingelt, doch die Kleene weiß nicht recht. Ist sie ein früher Vogel oder doch lieber eine Eule? Feste Strukturen geben ihr nichts, noch nichts zumindest.

Wir ziehen uns an. Weißes Shirt mit Sabberfleck. Ja, das steht uns beiden gut. Dann rechts die Straße runter, auf in den Goethepark, den Plötzensee schon fast vor Augen. Es ist unser täglich Ritual schon fast geworden. Und während wir wandeln, folgen ihre Augen all den tollen Kontrasten, den dunklen Tönen und vor allem dem wehendem Grün. Schritt für Schritt. Sie gespannt im Kinderwagen und ich als Schubkraft hinter ihr.

Vom Plötzensee ein kleiner Sprung zum Eckernförder Platz

Zu entdecken gibt es allerhand. Große Augen macht sie schon, denn wir sind beinah angekommen. Ein Platz, benannt nach einer Stadt an der Ostsee. Im Norden an der Küste, wo wir als Familie vielleicht den ersten Urlaub machen werden. Auf einem Bauernhof vielleicht. Ziegenwiesen und kreisende Falken, Gänse füttern und Schweine ärgern. Das könnte uns allen gut gefallen.

Angekommen am Eckernförder Platz. An den Ufern des Kanals gelegen, irgendwo zwischen Westhafen und Weddinger Welt. Man sieht Bänke dort und Menschen. Manche wirken verloren, manche hingegen froh, als sie diesen Ort verlassen dürfen. In Richtung Sprengelkiez vielleicht. Oder entgegengesetzt in Richtung Freibad oder zu der Badestelle schräg gegenüber.

Das Gartencafé und der heimliche Herrscher Orpheus

Wir bleiben indes am Eckernförder Platz. In diesem Niemandsland, in das sich heute nur Wenige zu verirren scheinen. Ein kleines Wäldchen ist’s bloß, kaum durchschaubar, unsichtbar beinah. Man schaut den Menschen hinterher, die kaum den zweiten Blick in Richtung Wäldchen wagen. Der Eckernförder Platz. Einst ein im Wedding Ort für ein beliebtes Gartenlokal. Ausflugsziel. Später hastig mit Bunkeranlagen unterhöhlt. Doch beides ist schon lange her. Vielleicht sollte dieser Ort, gefangen zwischen zwei Strassenläufen Eckernförder Wäldchen heißen. Ein magischer Ort im Heute.

Eckernförder Platz (C) Tobias WeberTrotz allem, allein und für sich ist man an dieser Stelle nie. Hat man sich in die Mitte des Wäldchens vorgewagt, so steht er da, der heimliche Herrscher der Bäume und der Tiere. In Sandstein steht er gehauen. Im Dickicht. Seine Arme hat er eingebüßt und auch seinen Kopf. Nur die Harfe trägt er noch.

Aus der Zeit gefallen, schlimmer noch: an einem ihm fremden Ort scheint er zu stehen. Sein Name ist Orpheus, griechischer Gott, der nun in seinen über hundert Lebensjahren ein neues Zuhause im Wedding gefunden hat. Wie man vielleicht überall ein neues Zuhause finden kann. Er wird dem Verfall preisgegeben, bis vielleicht nur noch Sand von ihm übrig ist.

Das verhinderte Zigeunerlager

Wie in jeder guten Geschichte fehlt auch an diesem Ort die Tragik nicht. Die Tragik des Platzes geht so: Nicht alle Familien waren dem Weddinger stets willkommen. Also wollte man sie am liebsten versetzen. Aus ihrem Familienzuhause in der Londoner Straße zum Beispiel vertreiben. Doch auch hier, am Eckernförder Platz sollten die Familien nicht bleiben dürfen. Anwohner und Lokalbetreiber verhinderten dies. So landeten die Familien aus der Londoner Straße im weit entfernten Marzahn. Ihr neues Zuhause nannte der Umgangston „Zigeunerlager“. 1936 schrieb das Jahr.

Jeder weiß, der Wedding hat protestiert. Damals, als es wichtig war. Protestiert für den Frieden, allerdings nur für den eigenen. Leider nicht und wenn, dann nur sehr leise für den Frieden der Anderen. Auch davon möchte ich der Kleenen erzählen: vom Widerspruch im Wedding.

Auch, weil er Teil von mir ist, wie er Teil von ihr ist. Märchen und Geschichten bringen das Gute im Menschen hervor. Leider sind sie nicht immer mit der Realität versöhnlich in Einklang zu bringen. Realität ist vielschichtig und komplex. Und so lernt man am Eckernförder Platz, das rote Märchen, genau wie das Vergessen, eben nur ein Teil des Ganzen sind.

Tobias schreibt als Johnny regelmäßig auf http://weddingerberg.de einen Familienblog aus Vaterperspektive. Manchmal mit einem Augenzwinkern. Manchmal ohne.

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