VAGABUND Brauerei: In Ruhe reifen

Dies ist die Geschichte von drei Amerikanern Mitte dreißig, die nach Deutschland auszogen, das Bierbrauen zu lernen. Erfreut über die Güte des Bieres, aber unzufrieden ob der geringen Vielfalt, hatten sie eine kühne Idee: Den Berlinern die volle Bandbreite des Biergeschmacks zu kredenzen.

Quelle. VAGABUND Brauerei
Quelle. VAGABUND Brauerei

„Das Bier hier hat uns natürlich ganz gut geschmeckt“, sagt Tom Crozier, „aber meistens ist es eben Pils.“ Von Sortenvielfalt und Experimentierfreude keine Spur. Der Englischlehrer und seine beiden Freunde David Spengler und Matt Walthall überlegten nicht lange und fingen an, in der heimischen Küche selbst ihr Bier zu brauen – mit Brauzutaten aus den USA. „Ganz schön verrückt für Amerikaner, ausgerechnet in Deutschland eine Brauerei zu eröffnen“, sagt Tom. Doch damit zeichnen sie den Craft Beer-Trend nach, der in den USA schon vor einigen Jahren begann und langsam auch auf Berlin und den Wedding übergreift.

Warum Vagabund?

„Das will jeder wissen“, schmunzelt Tom, „dabei liegt der Name doch eigentlich auf der Hand. Ein Vagabund ist einer der loszieht, um Neues zu entdecken, ungezwungen Freundschaft zu schließen, jemand der überall daheim ist.“ Weil die Meisterbrauer (Braumeister ist sicher ein geschützter Titel im Lande des Reinheitsgebots) ihre Wanderlust etwas eingebremst haben, trifft das Vagabundentum auf sie weniger zu als auf viele ihrer Gäste. Unter dem Brauereilogo, ein für den Vagabunden stehendes Wagenrad und Hopfen an Stangen, versammelt sich im Brüsseler Kiez ein buntes Publikum. Gemeinschaft und Geselligkeit waren wohl auch die Gründe für den erfolgreichen Start der Hausbrauerei.

Den Anschub finanziert

Vagabund 3„Wir haben das Brauen vor allem in Büchern und im Internet gelernt!“ Eine gehörige Portion Stolz schwingt in Toms Stimme mit. Er weiß wohl, dass er mit diesem „Erfahrungshorizont“ bei einem Bankberater vermutlich abgeblitzt wäre. Die Finanzierung des Traums von der eigenen Gärstube musste also anders gestemmt werden. Enthusiasmus und eine Idee jenseits des Einheitsbreis waren die Erfolgszutaten für ein Crowdfunding. Innerhalb von zwei Monaten haben sie 22.000 Euro für die (technische) Einrichtung gesammelt. Die Mitglieder der „Community Supported Brewery“, die der Vagabund Brauerei die monetäre Starthilfe gaben, erhalten als Dividende für das eingesetzte Kapital Bier oder T-Shirts. Und nicht zuletzt kann jeder auch beim Bierbrauen zuschauen oder mithelfen. Es gibt schließlich eine Menge zu lernen über das Universum Bier. Die familiäre Atmosphäre, das Ausprobieren-Dürfen und das Überschaubare sind den drei Freizeitbrauern und auch ihren Unterstützern wichtig.

Mit dem Kiez verwachsen

Ein gemütlicher, großer Schankraum mit langem Holztresen ist der Treffpunkt der Community, wo man sich gut unterhalten kann, aber nicht betrinken soll. „Wir wollen den Wedding, in dem wir auch selbst wohnen, nicht verändern“, erklärt Tom. Statt das Umfeld aufzuwerten, soll ihre Mikrobrauerei lieber mit dem vorhandenen Kiez verwachsen. Schon jetzt kommen die meisten Besucher ohnehin aus dem Wedding und Gesundbrunnen. Ein Hinweisschild für die Brauerei wird der uneingeweihte Gast übrigens vergeblich suchen. Wenn Licht in der Antwerpener Straße 3 brennt und ein Vagabunden-Bündel über der Tür hängt, stehen die Chancen gut, dort ein frisch gezapftes Bier zu bekommen. Neben eigenen Gärungen haben die Bierkenner auch immer einige herausragende Biere anderer Brauereien auf der Tafel – vom  Wedding Pale Ale, über das wir früher schon einmal berichteten, bis zum dreifach vergorenen Trappistenbier aus Belgien.

Vagabund BündelErst einmal wird sich nur einer der drei Selfmade-Brauer auch hauptberuflich ums Geschäft kümmern. „Das Vagabund kann reifen, genauso wie ein gutes Bier. Natürlich wollen wir irgendwann davon leben. Aber es okay, wenn das ein paar Jahre dauert“, findet Tom. Vielleicht wächst die Handwerks-Brauerei dann einfach in einem Tempo, das der Qualität nicht abträglich ist und das Umfeld im Brüsseler Kiez nicht allzu rasant verändert.

Ein Trend mit Tradition: Es braut sich schon lange was zusammen zwischen der Müllerstraße und der Seestraße. Die Kunst der Bierherstellung hat in dieser Gegend des Wedding eine gewisse Tradition; gab es doch von 1891 – 1982 die Hochschul-Brauerei an der Versuchs- und Lehranstalt für Brauerei in der Seestraße 13. 45.000 Hektoliter wurden dort in den 1920er-Jahren gebraut! Heute setzen neue Braumeister eher auf Klasse statt auf Masse. Seit 2001 beweist das „Eschenbräu“ in der Triftstraße, wieviel Aroma in ungefiltertem Bier steckt – zu Recht ist die Hausbrauerei mit der Apfelsaftpresse und der Whiskybrennerei schon lange kein Geheimtipp mehr. Wer wissen will, was sich aus den wenigen Grundzutaten von Bier so alles zusammenbrauen lässt, der ist im Spezialgeschäft Hopfen & Malz, gleich um die Ecke vom Eschenbräu, in der Triftstraße 54, gut aufgehoben.

Website

Antwerpener Str. 3, 13353 Berlin

täglich geöffnet ab 17.00 Uhr, Sa/So ab 13.00 Uhr

11 comments

  1. Pingback: Brüsseler Kiez: raue Schale, gemütlicher Kern | Weddingweiser
  2. Pingback: Two Fellas: Experimente mit Hopfen und Malz | Weddingweiser
  3. Pingback: 5 Alkoholika aus Weddinger Herstellung | Weddingweiser
  4. Pingback: Paul Bokowski: Auf ‘ne Made in den Wedding | Weddingweiser
  5. eimaeckel

    Qualität statt Masse. Ich bin froh über die Vagabunden und liebe ihr Pale Ale, das ich mir alle paar Wochen mal gönne. Die Preise liegen natürlich über der Schultheis-Kneipe nebenan, aber dafür gibt es jedes Mal einen besonderen Genuss. Ich kenne die Real Ales noch von einem Besuch in London vor fünf Jahren, und wurde damals von meinen deutschen Freunden für verrückt erklärt, englisches Bier zu trinken. Ich freue mich, dass sich die Meinung geändert hat. Allerdings sollte vor dem Besuch der Vagabunden seine Englischkenntnisse auffrischen, denn es ist viel englischsprachiges Publikum dort. Wo kommen die alle plötzlich her?

  6. uschi

    Ich weiß ja nicht, wies bei euch aussieht, aber ich kann mir solche Preise fürn Bier nicht leisten. 7€ für zwei nichtmal halbe Liter Bier sind mir zu viel.

  7. Pingback: Weddinger Wundertüte, die zweite… | Weddingweiser
  8. manfredi

    Das Ganze ist vielleicht in Berlin neu, grundsätzlich ist es das nicht. Ich habe 77/78 in London studiert, damals gab es den Aufschrei gegen Zentralisierung in Form der real ale campaign -zurecht. 82/83 war ich in Kalifornien, auch da hatten viele die Nase voll von Budweiser und Coors etc – auch zurecht, einfach geschmacklos das Zeug. Dass nun amerikanische Gäste meinen, neue Akzente beim Bierbrauen setzen zu müssen finde ich recht vermessen. Die Ursprünge einer vielfältigen Bierkultur liegen eindeutig in Europa. Auf einer Fläche Europas, die 10% der Fläche der USA entspricht, gibt es immer noch hunderte von echten Bieren mit äußerst unterschiedlichen Noten. Mit echten Bieren meine ich die nach dem Reinheitsgebot von 1500+. Da müssen sich die Vagabunden erst mal durchtrinken, sie können ja mal in Franken anfangen. Aber natürlich kann man auch bierähnliche Getränke genießen.

    • Friedrich

      Wer wird denn da gleich so aggressiv sein?! Ein IPA ist kein bierähnliches Getränk sondern ein Bier, ganz im Sinne des Reinheitsgebotes. In Deutschland gibt es, insbesondere im Süden, eine ungemein hohe Brauereidichte, und dennoch werden fast überall nahezu die gleichen fünf Standards hoch und runter und rüber genudelt. Von Pale Ale hatte in Deutschland bis vor wenigen Jahren kaum einer gehört und es kann wohl nicht schaden, einen zumindest in dieser Region unbekannten Geschmack neuen Genießern zugänglich zu machen. Vermessen ist das überhaupt nicht, sondern ein Gewinn. Wem das Bier seiner Heimat fehlt, darf es doch wohl auf anderen Kontinenten brauen. Und was man mit Aromahopfensorten, nochmal, ganz im Sinne des Reinheitsgebotes, an Geschmackswelten und Gaumenfreuden erzeugen kann, ist etwas, wovon sich vielleicht sogar der bierstolze Franke eine Scheibe abschneiden oder zumindest davor respektvoll den Hut ziehen könnte….aber vielleicht ist sein Bier ja das einzige, worauf er stolz sein darf.

Wichtige Ergänzung? Konstruktiver Kommentar? Gerne: