Paul Bokowski: Auf ’ne Made in den Wedding

Paul Bokowski
Paul Bokowski

Mehr oder weniger zufällig ist der Autor und „Brauseboy“ Paul Bokowski im Kiez rund um die Müllerstraße gelandet und dem Wedding seitdem treu geblieben. Mit uns hat der aufmerksame Berlin-Beobachter über seine Lieblingsorte, Nachtrodeln in den Rehbergen mit Freunden und einen Madenautomaten gesprochen.

„Der Wedding ist einfach meine Heimat geworden. Deshalb drehen sich auch die meisten meiner Geschichten um den Kiez hier“, sagt Paul Bokowski, dessen neuestes Buch „Alleine ist man weniger zusammen“ am 18. Mai erschienen ist. Zwar sei der Wedding darin nicht mehr so stark vertreten wie in seiner Kurzgeschichtensammlung „Hauptsache nichts mit Menschen“ von 2012, aber weiterhin ein sehr wichtiger Bestandteil des Buches.

Nach dem Zivildienst zieht es Bokowski 2003 zum Studieren nach Berlin. Medizin soll es sein. Und tatsächlich: Im Nachrückverfahren bekommt der gebürtige Mainzer einen Studienplatz und braucht von heute auf morgen eine Bleibe. Wenig später wohnt er in einer Altbauwohnung in der Guineastraße, damals noch ganz ohne Bewerberansturm: „Das war total easy. Ich habe sie besichtigt und direkt auf dem Küchenherd meinen Mietvertrag unterschrieben.“

Die Müllerstraße als Aushängeschild des Weddings

Schuhgeschäft an der MüllerstraßeSeitdem ist Bokowski drei Mal umgezogen. „Aber nie weiter als einen Steinwurf entfernt und immer nur näher an die Müllerstraße“. Mit ihrer gastronomischen Vielfalt repräsentiert sie für ihn das Multikulturelle am Wedding insgesamt: „Hier gibt es Koreaner, Chinesen, Polen, Libanesen und die höchste Dönerdichte nördlich des S-Bahn-Rings. Quasi die große weite Welt im Kleinen. Man hat das Gefühl, dass man gar nicht weit reisen muss, um fremde Länder kennenzulernen.“ Dieser Umstand ist für den Buchautor von besonderer Bedeutung, immerhin hat auch seine Familie einen polnischen Migrationshintergrund.In der Müllerstraße befindet sich mit der Kaffeerösterei Coffee Star einer seiner Lieblingsläden, wenn er den morgendlichen Koffeinkick sucht. Auch Läden wie das Café Cralle, eine der „urigsten und herzlichsten Kiezkneipen“, das Café Dujardin, das „fast immer einen Platz an der Sonne“ bietet, oder die Vagabund Brauerei, eine „tolle Mikrobrauerei mit fantastischem Pale Ale“, sind dem gelegentlichen Poetry-Slammer ans Herz gewachsen.

Zudem kann Bokowski sich im Kiez prima erholen. Zum Entspannen sei der Schillerpark eine feine Sache. An Sommerabenden zieht es das Gründungsmitglied der Lesebühne „Fuchs & Söhne“ auch regelmäßig mit Freunden zum Baden an den Plötzensee. Außerdem mag er die Rehberge, die er mit einer kleinen Tradition verbindet: „Nach dem ersten Schnee krame ich mit Freunden Sitzschalen und Schlitten heraus, um mitten in der Nacht Rodeln zu gehen. Das machen wir seit vielen Jahren so.“ Im Sommer könne man hier wunderbar grillen, joggen, Fußball oder Federball spielen, Wildschweine mit Kastanien füttern und fernab der trubeligen Müllerstraße ungestört die Zeit verstreichen lassen.

Mit Gästen ‘ne Schachtel Maden ziehen

Tegeler Straße
Madenautomat in der Tegeler Straße

Freunden und Bekannten zeigt der Satiriker sehr gerne sein persönliches „kleines Wunder vom Wedding“. Damit meint Bokowski den Madenautomaten in der Tegeler Straße, „bei dem man für’n Euro einfach mal ‘ne Schachtel Maden ziehen kann“. Das macht er besonders gerne mit ortsfremden Besuchern. Sie wissen dann oft gar nicht, was sie mit den kleinen Biestern anfangen sollen und entlassen sie wenig später in die Freiheit. Der Automat gehört zum Angelhaus Koss, das die Maden für Anglerfreunde und allen anderen Neugierigen anbietet: „Die sind schon genial. Frittiert schmecken die bestimmt super“, schätzt Bokowski.

Gerade weil der Buchautor den Wedding bereits seit 2003 kennt und sich hier ein soziales Umfeld aufgebaut hat, sind ihm einige Veränderungen aufgefallen. „Man merkt die Wohnungsnot sehr deutlich. Hier setzen bereits äußerst unschöne Verdrängungsmechanismen ein. Meine ehemaligen türkischen Nachbarn beispielsweise mussten nach vielen Jahren ausziehen, weil sie sich die Miete nicht mehr leisten konnten. Und auch der Rentnerin von nebenan könnte es bald schon ähnlich gehen.“

Zudem seien hier einige hippe Orte entstanden, Clubs, Bars und Restaurants, die immer mehr junge Leute anziehen. Dafür sorgt auch die Beuth-Hochschule mit ihren Technik-Studenten, die hier leben und sich amüsieren. Für Bokowski alles andere als ein Problem, da „der Kiez noch weit davon entfernt ist, ein homogener Stadtteil zu sein“

Und die Drogenkriminalität, die viele mit dem Wedding verbinden? „Die ist doch für einen Kiez mit drei U-Bahnlinien gar nicht so ungewöhnlich. Zumal sie mir als Durchschnittsbürger deutlich lieber ist als Gewaltkriminalität.“ Im Laufe der Jahre sei Bokowski nie bedroht oder Zeuge einer Schlägerei geworden.Das begegne ihm eher in einem Partykiez wie Friedrichshain. „Mag sein, dass hier Leute mit dicken Strafakten zu Hause sind, aber trotzdem erlebe ich den Wedding als ziemlich friedlichen Familienkiez.“

Mit offenen Augen durch den Kiez

Foto: D_Kori
Foto: D_Kori

Themen wie Arbeitslosigkeit, Bildungsproblematik oder gesellschaftliche Konflikte sieht der Künstler eher als Grundproblem Berlins und nicht als Alleinstellungsmerkmal vom Wedding. Trotz der starken Kiezverbundenheit bleibt Bokowski aber realistisch und geht weiter wachsam durch sein Viertel: „Denn bei allen Sympathien sollte man niemals die Augen vor den offensichtlichen Problemen verschließen.“

Für seinen Kiez wünscht sich Bokowski, dass er seinen multikulturellen Charme beibehält und auch die liebenswürdige kleinbürgerliche Struktur erhalten bleibt. Natürlich ist die Veränderung nicht aufzuhalten, aber wenn, dann soll sie nicht von heute auf morgen, sondern gemächlich und gemütlich vonstattengehen. „Ich lebe hier mittlerweile länger, als jemals anderswo“, verrät der Buchautor. Ein weiterer Grund, warum der gebürtige Mainzer nicht daran denkt, dem Wedding den Rücken zu kehren.

Autor/Foto: Fabian Lamster

Paul Bokowski war Mitglied der Lesebühne Brauseboys und ist Gründungsmitglied der Lesebühne „Fuchs & Söhne„. Sein neuestes Buch „Alleine ist man weniger zusammen“ findet man seit 18. Mai mit einem Preisschild von 12,99 Euro im gut sortierten Buchhandel.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei unserem Kooperationspartner QIEZ.de

3 comments

  1. Pingback: Kulturexpedition #5: “Unverblümt” im Wedding | Weddingweiser
  2. Klara Bell

    Ich kanns nicht mehr hören: Was bitte sind „hippe Orte“? Dass einige Leute Lokale eröffnen, die sich an Studenten oder junge bürgerliche Familien wenden? Was bitte ist daran hip? Dass die Neubürger des Wedding Kinder bekommen oder die Studenten studieren? Mir geht die „Monokultur“ besonders im Sprengelkiez gewaltig auf die Nerven. Allerdings ist es noch eher die „Dualkultur“ von einerseits Flaschensammlern und andererseits braven Jungfamilien. Dieser Kontrast ist enervierend – aber noch wohne ich hier: Der Kiez ist schön grün!

Wichtige Ergänzung? Konstruktiver Kommentar? Gerne: