Neue Müllerhalle: eine Chance für den schwarzen Kasten

Berlin verändert sich, der Wedding auch, aber in Sachen „Müllerhalle“ ist mehr Wehmut im Spiel als bei anderen Bauprojekten der Stadt.

Tristesse in grau: die MüllerhalleNachdem 1950 auf dem Gelände eines ehemaligen Tierfriedhofs die Markthalle errichtet wurde, entwickelte sich der Standort schnell zum Treffpunkt des gesamten nördlichen Wedding. Doch mit dem allgemeinen Niedergang der Müllerstraße und dem Aufkommen anderer Einkaufsmöglichkeiten verkam die Müllerhalle immer mehr zu einem Ramschladen und stand zuletzt größtenteils leer. Auf das Wagnis einer sanierten, lebendigen Markthalle mit vielen kleinen Geschäften wollte sich der Besitzer denn auch nicht mehr einlassen. So war es nur eine Frage der Zeit, bis die Abrissbirne tätig wurde und 2012 große Teile des Häuserblocks Müller-/Kongo-/Lüderitzstraße in gähnende Leere verwandelte.

Müllerhalle KauflandIm Jahr 2013 ging es dann plötzlich Schlag auf Schlag: erst sickerte durch, dass an dieser Stelle „Kaufland“ seine vierte Filiale im Bereich Wedding/südliches Reinickendorf eröffnen wird. Diese fällt mit 4.500 qm recht klein aus. Dann kündigte der Investor an, dass der Name „Müllerhalle“ weiter verwendet wird. Im Frühjahr rückten die Baumaschinen an und zogen innerhalb weniger Wochen den – inklusive ebenerdiges Parkdeck – zwei Geschosse umfassenden Neubau hoch.

Wir fragten Kaufland, ob angesichts des schnellen Innenausbaus schon ein Eröffnungsdatum genannt werden kann. „Nach derzeitigem Stand gehen wir davon aus, dass wir unser neues Kaufland Ende November/Anfang Dezember eröffnen können. Es werden dort rund 100 Mitarbeiter beschäftigt sein“, teilte uns die Pressestelle in Neckarsulm mit.

Alte Bekannte Mäc Geiz und McPaper

Müllerhalle KauflandDie Müllerstraße hat den Verlust vieler ehemaligen Müllerhallen-Mieter einigermaßen gut verkraftet.  Die früheren Mieter „Alles für’s Tier“ und „Moni’s Fischkajüte“ sind in zuvor leer stehende Geschäfte in der Otawistraße bzw. Müllerstraße  gezogen. Kaufland vermeldet stolz,  dass aus der ehemaligen Müllerhalle bewährte Mieter für den „Branchen-Mix“ gewonnen wurden. „Neben Mc Paper, Mc Geiz, dem Italienischen Café sowie dem Zeitschriftenshop mit Toto-Lotto-Annahme und Postdienstleistungen werden weitere Fachgeschäfte das Angebot von Kaufland abrunden, beispielsweise Bäcker, Friseur, Textilfachgeschäft und Blumengeschäft“, schreibt Kaufland in seiner Antwort.

Natürlich werden die Anlieferung und der zusätzliche Kfz-Verkehr, die kantige Form des Einkaufszentrums und vor allem die anthrazitfarbene Klinkerverkleidung rege Diskussionen auslösen. Die „Müllerhalle“, wie der Neubau jetzt dank schimmernder Lettern auf der Fassade auch für jedermann sichtbar heißt, wirkt mit ihrer ungewohnten Architektur wie ein Fremdkörper im ansonsten geschlossen erscheinenden Kiez an der oberen Müllerstraße. Die Architekten haben sich am Garbàtyplatz in Pankow mit einem klobigen, schwarzen Geschäftshaus schon einmal in die Nesseln gesetzt. Doch im Vergleich zu anderen Kaufland- oder Discounterfilialen handelt es sich hierbei zumindest um ein individuell geplantes und mit der Senatsbaudirektorin abgestimmtes Bauobjekt. Die alte, unsanierte Müllerhalle ist nun mal Geschichte und hat in der jüngeren Vergangenheit auch schon nicht mehr als Markthalle funktioniert. In der Erinnerung vieler Weddinger wird sie immer einen Platz haben. Die neue -im Vergleich zur nahen LIDL-Filiale und anderen Weddinger Bausünden- ambitioniert gestaltete neue Müllerhalle hat zumindest eine Chance verdient.

9 comments

  1. Pingback: Handel im Wandel: 45 Jahre Reichelt an der Müllerstraße | Weddingweiser
  2. Pingback: Alles doppelt auf der Müllerstraße | Weddingweiser
  3. Alter Weddinger

    Hat schon “jemand” das Geheimnis gelüftet, warum der Deal mit “Grieneisen” oder “Otto Berg” als Standort-Mieter nicht vonstatten ging*? Rückläufige Kundschaft? [*=Satire)
    Und warum hat der Baubetreiber zusammen mit dem Bezirksamt es dann bei dieser trost-, einfallslosen Fassade belassen?
    Es ist sehr schade, dass es den koalierend-„regierenden“ BezirkspolitikerInnen nicht möglich ist, über den kurzfristig bilanzierten Tellerrand zu schauen. Aber diese sind ja i.d. Regel nur eine Legislaturperiode dran und/oder sind schon „müd gesessen“…
    Verantwortliche Bezirkspolitik und deren Platz besetzende „ParteipolitikerInnen“ sollten auch an längerfristiger Stadtplanung und Innovation gemessen werden.
    Aber vielleicht ist ja die Fassade Ausdruck Ihrer Visionen und Verbundenheit mit Bezirk, Kiez und den dort lebenden Menschen?
    Und „Schuld“ hat immer der/die Andere…
    Mit- oder sogar Vordenken und kompetent „einmischen“ mit Kompetenz und Verbundenheit ist wohl nicht [ergänze wahlweise (Mehrfachnennungen möglich): erwünscht/möglich/von Nutzen/im Bereich der ganz persönlichen Möglichkeiten/im Bereich der politischer Opportunität/…]
    Vielleicht ist aber diese Fassade die Spiegelung herschender Bezirkspolitik(erInnen). Gleichsam die Fassade zur Fassade.
    Obgleich: “blass” wäre dann wohl eher der treffende Ton.
    Schade um die versäumte Möglichkeit. Gerade auch in Hinblick auf Infrastruktur, gesunder, vielfältiger Kiez im Rahmen einer sozialen Stadt.

  4. Pingback: Lest mehr. Und zwar das. | Weddingweiser
  5. Anwohnerin

    Die dunkle Fassade ist nicht der einzige Kritikpunkt, sondern in erster Linie die Tatsache, dass es in der Müllerstraße bereits mehrere Supermärkte gibt und eigentlich andere Strukturen benötigt werden, die eine zweispurige Einkaufsstraße aufwerten könnten, wie zum Beispiel Gemeinschaftsorte (Wochenmarkt, begrünte Außenfläche mit Platz, Kita, Kietztreff, Kantine, … ). Es ist doch fragwürdig, ob die Müllerstraße zwischen Leopoldplatz und Rehberge noch einen weiteren Supermarkt neben Karstadt, Kaisers, Penny, zwei mal Netto, Real, Asiasupermarkt, Lidl, Aldi und Edeka benötigt. Zudem werden kleine Händler nicht mit einbezogen, die sich ehr im weiter entfernten Bereich der Müllerstraße ansiedeln (z.B. Togostraße, Malplaquetstraße). Braucht die Stadt eine weitere Parkhalle? Wo bleibt die Fußgänger- und Fahrradfreundlichkeit?

  6. Klara

    Ich arbeite in der Nähe und der erste Eindruck war doch ziemlich bedrückend. Das Haus ist viel zu dunkel und passt wenig zur übrigen Bebauung – wer ist dafür eigentlich verantwortlich?

  7. Felix

    Dieser hässliche Kasten hat von den Anwohnern den Spitznamen „Krematorium“ weg. Ich kann nicht verstehen, wie man eine Baugenehmigung für eine so dunkle Fassade erteilen kann. Ein ehemaliger Baustadtrat hatte ja damals schon seine Bedenken geäußert, mit dem Hinweis, die neue Müllerhalle würde zu düster werden.
    Um die direkten Anwohner nicht mit der Wahrheit zu konfrontieren, wurde der Entwurf ordentlich aufgehellt und in der Bauhöhe niedriger dargestellt.
    Ich finde, das ist eine ausgemachte Sauerei.
    Für lange Zeit wird das der hässlichste Bau der Müllerstr. sein, da ändert auch eine Dachbegrünung sowie eine Bepflanzung der rechten Seite nichts.

  8. Moritz

    Lieber JF,

    was verstehst Sie unter einer Chance:-)

    Ihnen scheint leider entgangen zu sein, dass der Entwurf der Müllerhalle erheblich von der Umsetzung abweicht.

    Aberr das ist mittlerweile wohl üblich, siehe Zehlendorf und Pankow:

    Nur zur Erinnerung:

    https://weddingweiser.de/wp-content/uploads/2012/04/mc3bcllerhalle-neu.jpg

    und so in der Realität:

    http://instagram.com/p/fzkp0SJBnI/#

    Da sind die Kacheln wohl in der Zwischenzeit etwas “ verbrannt“

    Aber vielleicht hat der Architekt auch an das “ Afrikanische Viertel “ gedacht 🙂

    Kongostr./Togostr,

Wichtige Ergänzung? Konstruktiver Kommentar? Gerne: