Zu Besuch in einem bulgarischen Tante-Emma-Laden

„Die Bulgaren planen ihre Einkäufe nicht lange im Voraus und kaufen lieber spontan ein“, erklärt mir Martin. Der 34-jährige Bulgare, der mit seiner Familie im Afrikanischen Viertel lebt, freut sich über das neue bulgarische Lebensmittelgeschäft in der Seestr. 105 – ideal für kleine Einkäufe der besonderen Art. Und nicht zuletzt kann man hier die Esskultur dieser weithin unbekannten, dennoch fünftgrößten Community in Berlin entdecken.

Viele Einflüsse kommen zusammen

Der „Mini Market Bulgaria“ ist ein typisch bulgarischer Tante-Emma-Laden mit Fleisch- und Wursttheke und Tiefkühltruhen. An den Wänden laufen rundum die Regale voller Gläser, Konserven und Gebäckschachteln. „So sahen die Geschäfte meiner Kindheit auch immer aus“, erinnert sich Martin. Dank der Produkte im Laden findet er dort auch den Geschmack seiner Kindheit wieder, auch wenn damals viel von seiner Großmutter selbst angebaut und zubereitet wurde.

Hyusein Hyusein hat den Laden vor ein paar Monaten eröffnet und betreibt ihn gemeinsam mit seiner Familie. Alle kommen sie ursprünglich aus Rasgrad im Nordosten Bulgariens, nahe der rumänischen Grenze. Alle paar Minuten kommen Kunden in den Laden, viele sind Stammkunden. Sie freuen sich über die gewohnten Produkte, den vertrauten Geschmack der Lebensmittel und natürlich auch den Small-Talk mit dem 29-jährigen Inhaber.

Die Einflüsse vom Balkan, aus der Türkei und durch die mediterrane Küche ergeben eine einzigartige Mischung. Die meisten Elemente der bulgarischen Küche sind uns hier im Wedding auch aus den Nachbarländern Bulgariens bekannt. Die Grundprägung Bulgariens ist allerdings slawisch: Sprache, kyrillische Schrift und orthodoxes Christentum. Doch die lange Zugehörigkeit zum römischen Reich, fünf Jahrhunderte osmanischer Herrschaft und der sowjetische Einfluss ab 1945 haben sich natürlich auch auf die Esskultur ausgewirkt. „Leider wissen viele Deutsche gar nicht, was die bulgarische Küche eigentlich so einmalig macht“, sagt Hyusein bedauernd.

Was man probieren sollte

Und da gibt es viel zu entdecken, vor allem Deftiges: Wurst und Fleisch, direkt importiert, manches kennt man schon unter ähnlichem Namen wie Kebapceta (längliche Cevapcici) oder Sudschuk (Sucuk-Wurst). Tarator ist eine kalte Gurkensuppe aus verdünntem Joghurt. Letzterer wird in Bulgarien zu nahezu allem gereicht. Kein Wunder, ist doch der Lactobacillus bulgaricus eine der berühmtesten Joghurtkulturen weltweit.

Auch der Schafskäse in Salzlake, den man in großen Mengen im Laden findet, ist eine wichtige Grundlage für viele kalte Salate, wie den Schopska-Salat, bei dem auch Tomaten, Paprika und Gurken eine wichtige Rolle spielen. Weiße Bohnen, Linsen, Auberginen und Saucen wie Ljuteniza stehen auch häufig auf dem Speiseplan und werden im Laden in Gläsern verkauft. Man kann die dicke Tomatensauce mit Paprikastücken auch einfach aufs Weißbrot schmieren.

Was sollte man sonst noch unbedingt probieren? Hyusein empfiehlt die unvergleichlich aussehenden rosa Fleischtomaten, rohe Surova-Nadeniza-Wurst, Schafskäse von Sitovo oder Elena, süße Mirazsch-Waffeln und eine Zitronenlimonade. Selbstverständlich gibt es aber auch eine große Auswahl an Schnäpsen und Weinen, für die Bulgarien ebenfalls bekannt ist.

Voller appetitanregender Eindrücke verlassen wir das Geschäft. Unmittelbar nach dem Besuch des bulgarischen Ladens lädt mich Martin zum Essen ein: Aus den mitgebrachten Zutaten hat er Tarator-Suppe und Schopska-Salat zubereitet. Dazu wird ein Schinken mit Gewürzmantel gereicht. Schnaps und Wein gibt es während des Essens. Es wird reichlich Brot gegessen, mit verschiedenen Aufstrichen, und Börek-ähnlichen Blätterteig (Baniza). Oliven stehen ebenfalls auf dem Tisch. Eine reichhaltige Küche, die das Beste vieler Welten vereint, aus einem Land, das bei uns allenfalls für seine Schwarzmeerstrände bekannt ist. Zumindest den Geschmack Bulgariens kann man dank der bulgarischen Geschäfte auch im Wedding entdecken.

Bulgarische Lebensmittel, Seestr. 105 Ecke Togostr., 13351 Berlin

Mo-Sa 9- 20 Uhr


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