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Es war einmal.… billig:
Zeitreise: Wohnungssuche anno 2006

Die Zeiten, in denen das Wohnen im Wedding billig war, sind vorbei. Und auch die Zeiten, als man dann lieber gar nicht im Wedding wohnen wollte.

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Der Wed­ding­wei­ser exis­tiert seit gut zehn Jah­ren. Wir haben aber auch schon vor­her Tex­te ver­fasst, die wir euch in loser Fol­ge vor­stel­len. Die alten Tex­te schei­nen manch­mal aus einer ande­ren Zeit zu stam­men. Dies­mal: Eine Woh­nungs­su­che im Jahr 2006, als es im Wed­ding mehr als genug freie Woh­nun­gen gab. Und im Sol­di­ner Kiez wur­den hän­de­rin­gend Mie­ter gesucht!

Biesen­ta­ler Straße

Jut­ta Schä­fer und Chris­toph Schier­holz sind ein jun­ges Paar. Sie wohnt in Ber­lin, er in Dres­den. Jetzt möch­ten sie ger­ne zusam­men­zie­hen. Im Sol­di­ner Kiez, beson­ders rund um die Biesen­ta­ler Stra­ße, kön­nen sie sich vor­stel­len zu woh­nen. „Unser Limit liegt bei 400–500 €, für mög­lichst mehr als 80 Qua­drat­me­ter“, erklärt Chris­toph Schier­holz. Da kann der für den Sol­di­ner Kiez zustän­di­ge Kun­den­be­ra­ter der DEGEWO hel­fen. „Der Sol­di­ner Kiez ist ein typi­sches Arbei­ter­vier­tel aus den Jah­ren 1890–1910“ sagt er. „Daher sind die Woh­nun­gen nicht so groß wie im gut­bür­ger­li­chen Char­lot­ten­burg, und auch die Decken sind nur etwa 2,80 Meter hoch.“

Die meis­ten Alt­bau­ten hat die DEGEWO in den letz­ten Jah­ren im Auf­trag des Lan­des Ber­lin mit öffent­li­chen För­der­gel­dern saniert. „Daher dür­fen wir die Woh­nun­gen eigent­lich nur Mie­tern mit WBS über­las­sen.“ Der Kun­den­be­ra­ter erklärt jedoch, dass es auch Aus­nah­men gibt: „Wenn Inter­es­sen­ten kei­nen WBS haben, wird geprüft, ob berech­tig­te Mie­ter Vor­rang haben, ansons­ten hat man auch ohne WBS gute Chan­cen, eine Woh­nung zu bekom­men.“ Er erläu­tert den bei­den Woh­nungs­su­chen­den, wel­che Woh­nun­gen gera­de frei sind. Zum Bei­spiel die Häu­ser an der Oslo­er Stra­ße 8 und 9, die frisch saniert sind. Dort kön­ne man eine 108 m² gro­ße 4‑Zim­mer-Woh­nung ab 750 € bekom­men. Ande­re 3‑Zim­mer-Woh­nun­gen mit Warm­mie­ten um die 500 € kom­men für die Woh­nungs­su­chen­den eben­falls in Frage.

Prei­se unter dem Miet­spie­gel
„Wir unter­schrei­ten in man­chen Woh­nun­gen mit 4 € net­to kalt sogar den Miet­spie­gel“ erklärt der DEGE­WO-Mit­ar­bei­ter. Im Miet­spie­gel gilt der Sol­di­ner Kiez ohne­hin schon als Nied­rig­miet­ge­biet. Für die dor­ti­gen sanier­ten Alt­bau­ten weist der Ber­li­ner Miet­spie­gel einen Mit­tel­wert von 4,39 € Net­to­kalt­mie­te aus. Der Bera­ter ver­si­chert zudem, dass die DEGEWO bei Neu­ver­mie­tun­gen sehr koope­ra­tiv ist und auf Wün­sche zur Miet­hö­he auf befris­te­te Zeit ein­ge­hen kann. Im Gegen­zug erwar­tet die Woh­nungs­bau­ge­sell­schaft vor allem ein regel­mä­ßi­ges Ein­kom­men und Miet­schul­den­frei­heit. Arbeits­lo­sen­geld II wird dafür akzep­tiert. Einen Trick ver­rät er auch noch: „Im ers­ten Halb­jahr wer­den erfah­rungs­ge­mäß weni­ger Woh­nun­gen nach­ge­fragt. Das erhöht das Ange­bot um die­se Jahreszeit.

Sol­di­ner Straße

Güns­ti­ge Woh­nung übers Inter­net
Sonya Kraus, Mit­ar­bei­te­rin im Quar­tiers­ma­nage­ment Sol­di­ner Stra­ße, hat es bei einer Woh­nungs­bau­ge­sell­schaft gar nicht erst ver­sucht. Sie scheu­te den büro­kra­ti­schen Auf­wand, den sie als Frei­be­ruf­le­rin beim Nach­weis ihres Ein­kom­mens erwar­te­te. „Wir haben statt­des­sen einen Pri­vat­ver­mie­ter übers Inter­net gefun­den“ sagt die erst im Novem­ber zuge­zo­ge­ne Neu­ber­li­ne­rin. Die Mie­te für die 170 m² gro­ße Woh­nung in der Kolo­nie­stra­ße ist ver­gleichs­wei­se nied­rig. „Der Ver­mie­ter war froh, jeman­den lang­fris­tig über einen Zwei­jah­res­ver­trag bin­den zu kön­nen“ sagt sie. Ihr ist auf­ge­fal­len, dass es zahl­rei­che freie Woh­nun­gen gibt, die man an Auf­kle­bern an den Fens­tern erken­nen kann.

Nega­tiv­image wan­delt sich
Der Stadt­teil­ma­na­ger der DEGEWO, Achim Wolf, betont, dass sich das Nega­tiv­image vom Sol­di­ner Kiez gewan­delt habe. Des­halb wer­den öffent­lich­keits­wirk­sa­me Aktio­nen wie die Künst­ler­ver­ei­ni­gung Kolo­nie Wed­ding unter­stützt. Als Ziel­grup­pe für die frei­en Woh­nun­gen sind nicht nur Stu­den­ten, son­dern all­ge­mein jun­ge Leu­te im Visier der Woh­nungs­bau­ge­sell­schaft. „Wir set­zen auf die Leu­te, die den Prenz­lau­er Berg zu teu­er fin­den.“ sagt Achim Wolf. Die DEGEWO hat vor allem ein Inter­es­se an einer sta­bi­len Mie­ter­struk­tur. Dies füh­re, laut Wolf, zu weni­ger Nach­bar­schafts­kon­flik­ten und damit auch zu weni­ger Auszügen.

Jut­ta Schä­fer und Chris­toph Schier­holz sind sich nach dem Besuch bei der DEGEWO einig. „Das Preis-Leis­tungs­ver­hält­nis scheint zu stim­men. Jetzt machen wir uns auf den Weg und schau­en uns die Woh­nun­gen erst ein­mal an.“ Es kann also sehr schnell gehen, an eine Woh­nung im Sol­di­ner Kiez zu kommen.

Wie sich die Zei­ten geän­dert haben! 2006 noch kein Pro­blem, ist die Woh­nungs­su­che heu­te fast ein Ding der Unmög­lich­keit, auch im Sol­di­ner Kiez. 

Weddinger Zeitreise
Wed­din­ger Zeitreise

Wei­te­re Fol­gen der Serie: Fri­seur zwi­schen den Kul­tu­ren; Döner­prei­se

Joachim Faust

hat 2011 den Blog gegründet. Heute leitet er das Projekt Weddingweiser. Mag die Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen gleichermaßen.

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