Wedding:2040 #1: Die Vergangenheit ist Prolog

Das Jahr 2040. 20 Jahre sind vergangen, seit Melissa, Rias beste Freundin, spurlos verschwunden ist. Ria kehrt an diesem schmerzerfüllten Jahrestag wieder zurück an den Ort, wo Melissa das letzte Mal gesehen wurde – und trifft sie dort plötzlich wieder.

Eine Fortsetzungsgeschichte von Nethais Sandt und Ruben Faust.

1 – Die Vergangenheit ist Prolog

Laute Musik umhüllt die Menge an tanzenden Menschen.  Während ich herzhaft in den Kuchen auf meinem Teller beiße, schaue ich immer mal wieder auf meine Armbanduhr. Die Zeiger kommen der Zwölf verdächtig näher. Gleich würde es soweit sein. Gleich würde ich auf einen Tisch steigen und der Menge eine Rede halten. Mein Herz klopft ganz wild vor Aufregung und meine Hände schwitzen. Als der Zeiger fünf vor zwölf zeigt, steige ich auf den Tisch und schreie einmal laut „Leute! Leute! Ruhe bitte!“ Ein Typ, den ich noch nie zuvor gesehen habe, ist geistesgegenwärtig genug und dreht die Musik leiser. Um mich herum stehen meine Schulfreunde und deren Freunde . „Wie ihr alle wisst, sind wir heute alle nicht nur hier, um Party zu machen, sondern auch vor allem wegen Rias Geburtstag“, sage ich und drehe mich kurz  zu Ria um. „Lasst mich deswegen kurz eine Geschichte erzählen.“ Ein Raunen geht durch die Menge. Ria, die sich zur Feier des Tages eine komplizierte Hochsteckfrisur gemacht hat, wird rot. „Musst du das machen?“, fragt sie vorwurfsvoll.Graphic Design: Ruben Faust“ Ja. Muss ich. Heute. Vor 20 Jahren. Am 29. Februar 2000. Ja, damals, da ist etwas ganz Besonderes auf der Welt passiert: Ich wurde geboren. Und nur ein paar Stunden später ist die Welt noch ein ganzes Stück besser geworden, als Ria das erste Mal losgeschrien hat. Und weil ich jetzt gleich 20 geworden bin, habe ich mir das Recht erarbeitet, eine super-peinliche Geschichte zu erzählen.“ – „Bitte nicht“, fleht Ria jetzt lachend als Antwort. Sie weiß leider zu gut, was für eine Geschichte gleich kommt.  „Doch, doch. das muss erzählt werden“, entgegne ich.  Theatralisch lasse ich meinen Blick über die Menge schweifen und genieße die Aufmerksamkeit, die mir zuteil wird.  „Wir waren in der vierten oder fünften Klasse auf einer Fahrt im kleinen Dorf Gollwitz. Und dort gab es einen Diskoabend. Und weil wir so coole, junge Damen damals waren, haben wir uns entschieden, die Herzen der anwesenden Achtklässler-Jungs zu erobern“, erzähle ich weiter, während Ria ihr Gesicht in ihren Händen vergräbt und versucht sich zu verstecken. „Sie hat sich also einen der Jungs ausgesucht, Manuel – richtig? – und sie ist zu ihm hin und hat ihn einfach geküsst.“ – Einige Leute fangen an zu lachen, der Rest versucht sich zurückzuhalten. Der Gedanke, dass Klein-Ria einfach zu einem um weitem älteren Typen gegangen war, um ihn zu küssen, ist einfach zu gut. Ich erinnere mich an seinen verwunderten Ausdruck und wie ihm seine Kumpels lachend auf die Schultern geklopft haben.
„Ich hätte mir keinen besseren ersten Kuss wünschen können“, wirft Ria nun sarkastisch ein, was ihr ein paar weitere Lacher einbringt. Sie versucht wohl, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Ich lache ebenfalls und schaue dann auf meine Armbanduhr. 23:59 Uhr.
„So, nachdem ich das jetzt endlich losgeworden bin: Lasset uns gemeinsam runterzählen!“, rufe ich. Unsere Gäste folgen meinem Beispiel und blicken runter auf ihre Handys und Uhren.  „10… 9… 8… 7… 6… 5…“ Wir schreien immer lauter und lauter.  Die Luft um uns herum fühlt sich wie elektrisch aufgeladen an. Rote Wangen, strahlende Augen. “ 4… 3… 2… 1…“ ALLES GUTE ZUM GEBURTSTAG RIA!“, schreien wir im Chor. Die Musik wird wieder lauter, ich steige vom Tisch herunter und umarme Ria. „Frohen 20. Geburtstag“, sage ich ihr, „Wie fühlt es sich an, alt zu sein?“ – „Keine Ahnung, sag du es mir“, lacht sie zurück. Dann verschwindet sie in der Masse von Leuten und gibt sich der Menge an Umarmungen und Gratulationen hin.

Die Nacht ist noch jung und die Musik ist noch laut. Als einige Stunden später die meisten Leute schon gegangen sind, tanze ich alleine vor mich hin.  „Melissa!“, ruft Erik nach mir, „mach die Musik aus. Es ist jetzt fünf Uhr morgens.“ – „Ich bin aber noch gar nicht müde“, murmle ich wütend. Jedoch muss ich geklungen haben wir ein bockiges Kleinkind, denn Erik entgegnet nur: „Doch, bist du. Und alle anderen sind weg oder schlafen.“ Ich sehe mich kurz um und bemerke, dass tatsächlich kaum jemand noch da ist.  Selbst Ria ist nicht zu finden.  Erik dreht die Musik vollständig aus und nimmt mich in den Arm. „Komm schon. Wir bringen dich jetzt ins Bett.“
Etwas beleidigt von dem Wissen, dass er recht hat, komme ich mit und lege mich in mein Bett. Dieses haben wir erst vor ein paar Tagen, als Ria und ich frisch in diese Wohnung gezogen sind – aufgebaut. Erik gibt mir einen Kuss auf die Stirn und deckt mich einer Fleecedecke zu. Bereits im Halbschlaf sehe ich, wie sich Erik neben mich auf das Bett legt. Ich bin jedoch  zu müde, um ihn weiter davon abzuhalten.

Eine Woche später schaue ich auf mein Handgelenk und muss ein Grinsen unterdrücken.  Mein Tattoo ist noch ganz rot und pocht ganz schmerzvoll. An Rias Gesichtsausdruck  sehe ich, dass es ihr ähnlich geht. Nichtsdestotrotz lächelt sie mir zu. „Das waren doch grandiose zwei Stunden unseres Lebens oder?“, fragt sie ironisch und hakt sich bei mir ein.  „Zwei Stunden voller Schmerz und dem Sirren von Nadeln. Ehrlich, ich habe das Gefühl,  zwei Fliegen liefern sich gerade einen Wettkampf in meinem Ohr. SSSSSSSSSss.“   Sie wirft einen kurzen Blick auf ihr eigenes Handgelenk und hält es dann direkt gegen meins.  „Aber das war es wert. Ich könnte mir keine bessere Person vorstellen, mit der ich mir sowas für mein ganzes Leben unter die Haut stechen lasse.“
Ich schneide ihr eine Grimasse und wir fangen an, die Müllerstraße hinunterzulaufen. Es ist ein sein sehr schöner Tag, die Sonne scheint, eine laue Brise weht. Ich strecke meine Nase der Sonne hingegen und genieße das Gefühl von Wärme. Gerade im März sind solche Momente die schönsten. Wenn die Hände, Ohren, Füße frieren und trotzdem kein einziger Haufen Schnee zu sehen ist. Ria neben mir summt eine Melodie, die ich nicht genau einordnen kann, und richtet ihr Augenmerk auf einen netten, kleinen Bücherladen.  „Guck mal!“, ruft sie begeistert. „Ein Bücherladen!“ Sie manövriert ihren Arm geschickt aus meinen heraus und rennt zum Eingang. Ich will ihr folgen, spüre jedoch plötzlich ein starkes Ziehen hinter meiner Stirn. Schmerzerfüllt schließe ich die Augen.  Mir wird auf einmal heiß und kalt zugleich. Meine Beine fühlen sich an wie Pudding und wollen mich nicht so ganz halten, weshalb ich mich an die nächstbeste Laterne lehne und tief ein und ausatme. Ein und Aus. Ein. Und Aus. EinundAusEinUndAusEinUndAus. Es wird nicht besser. Jetzt dreht sich auch noch alles. Mir wird schlecht. Mein Herz klopft, als wolle es sich aus meinen Brustkorb mit Gewalt ausbrechen.  „Ria…“,  krächze ich. Ohne weiter was sagen zu müssen, dreht sie sich zu mir um. Wir sind nun schon exakt zwanzig Jahre befreundet, da kann man die Gedanken der anderen auf fünf Meter Distanz hören. „Hey, was ist los…?“, fragt Ria. Ihre Augen haben einen besorgten Ausdruck angenommen. Sie kommt auf mich zu gerannt und als sie mich an der Schulter berührt, passiert etwas sehr Seltsames. Jedes Gefühl von Schmerz und Übelkeit ist auf einmal weg. Es ist, als hätte das Stechen hinter meinen Augen nie existiert. Ich richte mich verwundert auf, noch unsicher, was ich von diesem Ereignis halten soll.  Habe ich vielleicht die Lasagne nicht vertragen, die wir vor dem Tattoo- Termin gegessen haben? Oder ist das ein Zeichen von Schlafmangel gewesen? Oder ist es gar das Tattoo selbst?
Ria schaut mich immer noch sehr besorgt von der Seite aus an.  „Hey, alles gut…“ , sage ich in einem gekünstelt amüsiertem Ton. Mein Grinsen fühlt sich auf jeder Ebene her falsch an. „Reingefallen?“
Ria schiebt die Augenbrauen zusammen und schlägt mich kurz. „Du Schwein. Ich dachte wirklich, du hättest einen Herzinfarkt oder so.“  Sie sieht mich forschend an. Ich richte mich automatisch auf und bemühe mich, ihrem Blick stand zuhalten. Ria hat vor kurzem mit ihrem Journalismus-Studium angefangen. Sie riecht auf vier Kilomenter Entfernung, wenn jemand lügt. Noch dazu besitzt sie eine solch starke Menschenkenntnis, dass ich ich manchmal frage, wie sie jemals jemand hat täuschen können.  Es ist einfach unmöglich.  Auch jetzt scheint sie zu spüren, dass ich lüge, jedoch dreht sie sich einfach um und läuft langsam zum Bücherladen zurück.  Später wird sie mich nochmal drauf ansprechen, aber vorerst hat sie sich entschieden, nicht weiter nachzubohren.
Ich hole noch einmal tief Atem, schaue kurz in den kristallklaren Himmel hinauf und bemühe mich dann, zu ihr aufzuschließen. Was auch immer diesen Anfall eben ausgelöst hat, er ist einmalig gewesen und wird hoffentlich auch nicht wiederkommen.  Vielleicht ist es eine gute Idee, morgen zum Arzt zu gehen.  Einmal kurz abchecken lassen. Nicht, dass sich ein Tumor in meinem Kopf bildet.  Apropos Tumor…  Neugierig strecke ich meine Hand aus und umfasse ein kleines Buch mit blauem Einband. Das Cover zeigt nicht viel mehr als zwei Blumen, jedoch entdecke ich wenige Seiten später eine Abbildung des menschlichen Körpers, sowie detaillierte Beschreibung von Heilpflanzen. Mein Gebiet ist zwar die Linguistik, aber Heilkunde und Kräuter rufen eine gewisse Faszination in mir hervor. Daran ist bestimmt meine Mutter schuld. Schon als ich ganz klein war, hat sie immer und immer wieder Feldblumen nach Hause gebracht und mir von ihnen erzählt.
„Heilkräuter“, höre ich Ria neben mir belustigt sagen. „Natürlich. Was auch sonst…“ Sie hebt ein Buch hoch. „Während du dir weiter Wissen zu Blumen anhäufst, gehe ich mir mal diesen Thriller drinnen kaufen. Der scheint ganz gut zu sein.“
„Hast du nicht schon genug Geld heute ausgegeben..?“, frage ich skeptisch. Sie zuckt mit den Schulten, dreht sich an der Türschwelle jedoch noch einmal kurz um und meint: „Geburtstagsgeld und so.“
Auf mein Lachen hin betritt sie den Laden. Ich lege das blaue Buch wieder zurück. Ria hat schon Recht. Das Geld für ein Buch auszugeben ist sicherlich keine schlechte Idee. Aber –  nicht schon wieder.
Ein brennender Schmerz hinter meiner Stirn zwingt mich dazu, stehen zu bleiben. Diesmal ist der Schmerz gefühlt mindestens dreimal so intensiv. Die Übelkeit kehrt zurück, die Welt dreht sich. Ich spüre, wie ich das Gleichgewicht verliere und der Länge nach auf den Asphalt falle. Bevor mir schwarz vor Augen wird, sehe ich Ria aus dem Laden wieder herauskommen, in der Hand eine Tüte mit dem Thriller drin. Ich höre ihre verwirrte Stimme, wie sie erst leise, dann immer lauter meinen Namen ruft.  Aber sie kommt nicht auf mich zugerannt,  denke ich in einem letzten bewussten Moment,  Es ist beinahe so, als würde sie mich gar nicht sehen. 

Fortsetzung folgt!

Alle Figuren und Namen sind rein fiktional und jede Übereinstimmung mit der Realität ist nur zufällig.

Wedding:2040 ist eine Weddingweiser-Textreihe von Ruben Faust und Nethais Sandt. Sie wird immer dienstags und freitags weitergeführt.


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