Wedding: 2040 #4: Ein leerer Keksteller

Das Jahr 2040. 20 Jah­re sind ver­gan­gen, seit Melis­sa, Rias bes­te Freun­din, spur­los ver­schwun­den ist. Ria kehrt an die­sem schmerz­er­füll­ten Jah­res­tag wie­der zurück an den Ort, wo Melis­sa das letz­te Mal gese­hen wur­de – und trifft sie dort plötz­lich wieder.

Eine Fort­set­zungs­ge­schich­te von Net­hais Sandt und Ruben Faust

(Teil 1 zum Nach­le­sen) (Teil 2 zum Nach­le­sen) ( Teil 3 zum Nachlesen)

 

„Das ist also die Zukunft, rich­tig?“, fra­ge ich halb scherz­haft, halb ein­ge­schüch­tert. „Ja“, bekom­me ich als Ant­wort. „Es scheint sich vie­les ver­än­dert zu haben.“
(Teil 3) 

 

In mir hat sich ein unru­hi­ges Gefühl breit­ge­macht. Es schlägt sei­ne Klau­en in mei­nen Lun­gen, was mir das Atmen erschwert. Es hin­dert mich dar­an, zu reden. Ich habe gele­sen, dass jeder Mensch von Grund auf den Instinkt zur Flucht beher­bergt.  Dass Angst nichts Schlech­tes sei, weil es zum Über­le­ben des Men­schen bei­trägt. Gera­de möch­te ich flie­hen.  Ich möch­te die Zeit zurück­dre­hen.  Ich möch­te die Augen ver­schlie­ßen vor dem, was weni­ge Meter vor mir in federn­den Schrit­ten läuft.
Melis­sa ist wie­der da. Melis­sa, die tot sein soll­te, ver­gra­ben in einem dunk­len, kal­ten Ort, allei­ne. Ich habe mir oft unter Trä­nen vor­ge­stellt, wie es für sie gewe­sen sein muss zu sterben.
“Also…”, räus­pert Melis­sa sich, “… Was genau erzäh­len wir dei­ner Fami­lie?”  Sie guckt vom Boden hoch und betrach­tet mich unsi­cher von der Sei­te aus.  Ihr glat­tes Gesicht lässt mich an mein altes, fal­ti­ges den­ken.  Zwan­zig Jahre.
“Jona­than – so heißt mein Sohn- ist gera­de in der Schu­le. Anni macht einen Ein­kauf. Wir wer­den jetzt also nie­man­den antref­fen”, ant­wor­te ich. Ner­vös hole ich mei­nen  Schlüs­sel her­vor und schlie­ße die Tür auf.  Ich habe mir nie Gedan­ken gemacht, wie mei­ne Woh­nung wohl auf Frem­de wirkt (abge­se­hen von Anni, die ich erst nach einer Ewig­keit zu mir ein­ge­la­den habe). Jetzt, wo Melis­sa in mei­nem Flur steht und alles unauf­fäl­lig mus­tert, fällt mir der Staub auf den Bil­der­rah­men auf. Wie unauf­ge­räumt die Küche eigent­lich ist. Habe ich die Hei­zung über­haupt angestellt?
“Möch­test du einen Tee oder Kaf­fee?”, fra­ge ich, wäh­rend ich mir die Schu­he ausziehe.
“Einen Tee, bit­te…” mur­melt Melis­sa. Sie steht jetzt vor dem Bild von Anni, Jona­tan und mir.  Sie hat einen neu­gie­ri­gen Blick auf­ge­setzt, wie als ver­su­che sie, mein altes Ich mit mei­nem gegen­wär­ti­gem Ich zu ver­ein­ba­ren.  Gefällt ihr, was sie sieht?
Ich nicke und lau­fe in die Küche. Schnell räu­me ich die unge­wa­sche­nen Tel­ler in die Spü­le, wische ein paar Krüm­mel vom Tisch und stel­le ein paar Kek­se hin. Weni­ge Minu­ten spä­ter hat sich eine Kan­ne damp­fen­den Tees dazu­ge­sellt sowie zwei klei­ne wei­ße Tassen.
“Irre, wie sehr sich alles ver­än­dert hat…”, sagt Melis­sa und setzt sich hin. “Du bist ver­hei­ra­tet und hast Kin­der! Aus­ge­rech­net Du!” Sie wirft mir einen kur­zen Blick zu. “Nimm es nicht per­sön­lich. Wie hast du dei­ne Frau kennengelernt?”
Andäch­tig neh­me ich einen klei­nen Schluck. Natür­lich. Von allen Din­gen, die sie hät­te fra­gen kön­nen, erkun­digt sie sich zuerst nach mei­nem Lie­bes­le­ben. Prioritäten.
“An der Uni”, ant­wor­te ich. “Sie saß neben mir im Saal.”
Melis­sa hebt die Augen­brau­en und beugt sich vor. “Und..?”
“Nichts und. Eins kam zum ande­ren.” Mei­ne Tas­se gibt ein klei­nes Pling! von sich, als ich sie abstel­le.  Wir schwei­gen eine Wei­le. Dann sage ich: “Melis­sa, erzäh­le mir, was damals pas­siert ist.”
Und sie erzählt. Wir ihr plötz­lich schwin­de­lig gewor­den ist. Wie sie das Bewusst­sein ver­lo­ren hat.  Es gibt nicht wirk­lich viel zu erzäh­len, und als sie fer­tig ist, bin ich genau­so rat­los wie vor­her. “Okay, gehen wir mal davon aus, dass du wirk­lich ein zwei­ter Mar­ty McFly bist und durch die Zeit gereist bist…”, fan­ge ich nach einem wei­te­rem Schluck an, “… dann stellt sich mir die Fra­ge, wie­so und war­um zu genau die­sem Zeitpunkt.”
Melis­sa sieht mich rat­los an. “Ich weiß es nicht.”
“Da wären wir schon zu zweit.”   Frus­triert neh­me ich mir einen Keks. Es macht alles kei­nen Sinn. Melis­sa tunkt schwei­gend ihren Keks in den Tee und fragt dann: “Viel­leicht könn­test du mich auf den neu­es­ten Stand brin­gen. Viel­leicht hab ich eine Auf­ga­be, von der ich nichts weiß, und viel­leicht erin­ne­re ich mich an sie, wenn ich gene­rell etwas weiß.”
“Das waren viel­leicht vie­le Viel­leichts” , ant­wor­te ich. Wir bei­de grin­sen, wer­den dann aber wie­der schnell ernst.
“Du weißt ja, dass zu der Zeit, in der du ver­schwun­den bist, schon eine Pan­de­mie namens Coro­na aus­ge­bro­chen war”, fan­ge ich  schließ­lich an, mit lei­ser Stim­me  zu erzäh­len. “Die Pan­de­mie hat sich anschlie­ßend über ganz Euro­pa und Ame­ri­ka aus­ge­brei­tet. Sozia­le Kon­tak­te muss­ten auf ein Mini­mum beschränkt wer­den, Kul­tur­ver­an­stal­tun­gen wur­den abge­sagt, die Geschäf­te geschlos­sen. Ein­kau­fen durf­te man nur noch mit Atem­schutz­mas­ke. In Ita­li­en und Frank­reich herrsch­te eine abso­lu­te Qua­ran­tä­ne, das heißt,  man durf­te sei­ne Woh­nung meh­re­re Mona­te nicht ver­las­sen. Bei Ver­stoß gegen die Regeln muss­te man ent­we­der eine sehr hohe Geld­stra­fe bezah­len oder kam direkt ins Gefäng­nis. Unis und Schu­len wur­den eben­falls geschlos­sen und sind erst weni­ge Mona­te nach Ein­bruch der Pan­de­mie wie­der unter stren­gen Maß­nah­men geöff­net worden. ”
“Ich hät­te nie gedacht, dass das sol­che Aus­nah­men neh­men wür­de”, mur­melt Melis­sa und isst den letz­ten Keks. Ich stel­le neue hin.  “Wir haben uns ja sogar noch dar­über lus­tig gemacht! Was ist danach passiert?”
“Wie jede Pan­de­mie ver­läuft. Men­schen ster­ben. Men­schen for­schen. Men­schen wer­den krea­tiv und suchen Lösun­gen. Ein Impf­stoff kommt auf den Markt und ver­sagt. Ein zwei­ter Impf­stoff wird prä­sen­tiert. Es hat Jah­re gedau­ert, bin man end­lich eine Sub­stanz gefun­den hat, die die Muta­tio­nen des Virus’ stoppt und den Virus an sich neutralisiert.”
“Und dann…?”Graphic Design: Ruben Faust
“Dann hat sich die Mensch­heit wie­der auf­ge­rafft und hat wei­ter­ge­macht. Auf­grund von Coro­na ist man sich bewusst gewor­den, wie wich­tig Abstand zwi­schen ein­zel­nen Per­so­nen ist. Des­we­gen die brei­ten Stra­ßen und frei­en Flä­chen. Der Flug­ha­fen Tegel wur­de geschlos­sen und gehört nun als neu­er Stadt­teil zum Wed­ding. Wie du viel­leicht schon gese­hen hast, ist jetzt alles viel moder­ner und teu­rer – Ich kann mich glück­lich schät­zen, die­se Woh­nung gekauft zu haben, sonst wäre es mit dem Geld knapp gewor­den. Ber­lin ist mitt­ler­wei­le kei­ne Haupt­stadt mehr, son­dern gehört nur zu einer Viel­zahl von gro­ßen Städ­ten. Und naja, wir kön­nen uns alle jetzt “Die Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Euro­pa” nen­nen. Es gibt kei­ne Gren­zen mehr zwi­schen ein­zel­nen Staa­ten  bezie­hungs­wei­se Ländern.”
Melis­sa pfeift aner­ken­nend. “Das ist eine Men­ge Ver­än­de­rung inner­halb kur­zer Zeit. Unglaub­lich. Hät­te ich gewusst, was noch alles auf mich zukommt… ”
Wir rüh­ren in unse­rem Tee und schwei­gen wie­der. Ich kann Melis­sa anse­hen, wie sehr sie ver­sucht, die Infor­ma­tio­nen zu ver­ar­bei­ten.  Nach einer Wei­le fragt sie: “Was ist mit Erik?”
Erik. Ich schnau­be auf. Allein der Name ruft in mir Ekel her­vor. “Dein Freund  ist gera­de irgend­wo in der Kari­bik und macht wer weiß was.”
Melis­sas Augen fla­ckern. Sie hat mei­nen Ton­fall nur zu gut bemerkt.  “Was ist passiert?”
“Ich kann dir sei­ne Tele­fon­num­mer geben. Kannst ihn selbst fragen…”
In dem Moment öff­net sich die Küchen­tür. Anni schleppt keu­chend zwei Beu­tel Lebens­mit­tel her­ein und hält abrupt inne, als sie Melis­sa sieht. Ungläu­big schaut sie von mir zu Melis­sa und von Melis­sa zu mir.  Ihre Stim­me zit­tert, als sie sagt: “Ria, ist das .…? Also, viel­leicht träu­me ich gera­de… ” Sie reibt sich die Augen und schaut aber­mals ange­strengt zu Melis­sa. Ihre Augen­brau­en zie­hen sich zusam­men. “Sie sieht ihr so ähn­lich. Aber das kann doch nicht sein…”
Melis­sa steht auf und reicht ihr die Hand. “Guten Tag, Anni.  Freut mich, dich ken­nen­zu­ler­nen. Mein Name ist Melis­sa.” Sie wirft mir einen Blick zu, Anni folgt ihrem Bei­spiel. “Ja, die Melis­sa.” Eine klei­ne Pau­se tritt ein, in der Anni mich ein­fach nur anstarrt. Dann rich­tet sie sich urplötz­lich ker­zen­ge­ra­de auf und sagt: ” Da kommt eine lan­ge Geschich­te auf mich zu. Ich ver­lan­ge Erklä­run­gen bis ins kleins­te Detail und..” Sie bemerkt den lee­ren Kek­stel­ler. “.. offen­sicht­lich neue Kek­se. Wür­det ihr mir kurz mit dem Ein­kauf helfen?”
Ich grin­se, ste­he auf und gebe Anni einen klei­nen Wan­gen­kuss.  So unglaub­lich etwas sein mag, Anni lässt sich von nichts unter­krie­gen.  Selbst wenn unser Dach in eine ande­re Dimen­si­on gezo­gen wer­den wür­de,  hät­te Anni nur einen klei­nen Lacher parat und wür­de sich direkt um ein neu­es küm­mern. Ich habe sie schon immer für ihre Stär­ke  und für ihre hohe Anpas­sungs­fä­hig­keit bewun­dert. Bei dem, was auf sie zukommt, wird sie die­se sicher­lich brauchen.

Fort­set­zung folgt!

Alle Figu­ren und Namen sind rein fik­tio­nal und jede Über­ein­stim­mung mit der Rea­li­tät ist nur zufällig.

Wedding:2040 ist eine Wed­ding­wei­ser-Text­rei­he von Ruben Faust und Net­hais Sandt. Sie wird immer diens­tags und frei­tags weitergeführt.


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