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Eine Hausgemeinschaft gegen einen Investor:
Was nützt Milieuschutz, wenn der Bezirk und Mieter kein Geld haben?

"Der Wedding knickt ein."
19. August 2021
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Das Haus Kame­ru­ner Stra­ße 55 liegt im Milieu­schutz­ge­biet „See­stra­ße“ im Wed­ding. Gekauft wur­de es von Immo­bi­li­en­mil­lio­när Chris­toph Grö­ner und sei­ner CG Group. Zuvor hat er es in der glei­chen Stra­ße auch bei der Kame­ru­ner Stra­ße 58 (Eck­haus zur Mül­lerstra­ße) ver­sucht (sie­he Bericht). Die Mieter:innen des Hau­ses Nr. 55 haben uns ver­zwei­felt ange­schrie­ben, denn sie fürch­ten: Milieu­schutz mit Vor­kaufs­recht nützt nichts, wenn kein Akteur über das nöti­ge Geld ver­fügt. Ein Meinungsbeitrag. 

“Der Bezirk Mit­te hat­te bereits zu dem Zeit­punkt des Ver­kaufs der Kame­ru­ner 58 offen­sicht­lich kein Geld mehr dafür, um sein Vor­kaufs­recht aus­zu­üben. Nur aus eige­ner Kraft konn­te sich deren Mie­ter­ge­mein­schaft vor ihrem Aus­ver­kauf trotz Milieu­schutz in die Genos­sen­schaft DPF ret­ten. Wir haben bereits mit Poli­ti­kern diver­ser Bezirks­frak­tio­nen gespro­chen und ver­su­chen aus eige­ner Kraft das­sel­be. Aber wenn man hört, wie vie­len Mieter:innen (sogar im eige­nen Bekann­ten­kreis!) in wie vie­len Häu­sern in Milieu­schutz­ge­bie­ten des Wed­ding es so geht, dann muss man schon von einem „Lot­to­ge­winn“ reden, wenn eine Genos­sen­schaft das betrof­fe­ne Haus kauft. Wir ver­su­chen es mit einem in Eigen­re­gie erstell­ten Expo­sé trotz­dem. Hil­fe kön­nen wir von unse­rer Haus­ver­wal­tung oder dem bis­he­ri­gen Eigen­tü­mer ja nicht ein­mal aus recht­li­chen Grün­den erwarten.

Was beson­ders ärger­lich ist und uns so wütend macht: In unse­rem Haus – wie in vie­len ande­ren betrof­fe­nen Häu­sern – leben u.a. Stu­die­ren­de, Rent­ner, Pfle­ge­be­dürf­ti­ge, Gering­ver­die­nen­de und nicht weni­ge schon seit Jahr­zehn­ten. Wir alle haben einen gewach­se­nen Bezug zum Wed­ding, zu unse­rem Kiez, haben hier Freun­de, Bekann­te, Dienst­leis­tungs­ein­rich­tun­gen, die wir nut­zen. Wir haben inzwi­schen auch net­te Cafés, Knei­pen und kul­tu­rel­le Ange­bo­te, über die wir uns freu­en. Mit­hin, für uns ist der Wed­ding, ist das Afri­ka­ni­sche Vier­tel eine Hei­mat gewor­den. Bei uns im Haus gibt es eine Kin­der­ta­ges­stät­te und einen Laden, der schon vie­le Jah­re lang Treff­punkt der west­afri­ka­ni­schen Gemein­schaft hier im Vier­tel ist.

Was ist der Wed­ding für den Spe­ku­lan­ten und sei­ne Kun­den, die hier den Markt für Eigen­tums­woh­nun­gen ent­de­cken, aber selbst gar nicht in Ber­lin woh­nen oder zumin­dest bis­lang nie in den Wed­ding zie­hen woll­ten, weil es ja angeb­lich sozia­ler Brenn­punkt und dre­ckig ist oder war?! 

Jetzt kann man sagen, wir bekom­men dank des Milieu­schut­zes ja Vor­kaufs­recht für „unse­re“ Woh­nun­gen, in denen wir leben – auch wenn der Spe­ku­lant kauft, luxus­sa­niert und die Miet­woh­nun­gen in abseh­bar teu­re Eigen­tums­woh­nun­gen umwan­delt. Aber ehr­lich, was haben wir denn davon? Wie sol­len sich Men­schen, die sich die Mie­te einer luxus­sa­nier­ten Woh­nung oder den Umzug in eine ande­re Woh­nung im Wed­ding unter den auch hier inzwi­schen über­pro­por­tio­nal gestie­ge­nen Mie­ten defi­ni­tiv nicht leis­ten kön­nen, denn bit­te eine Eigen­tums­woh­nung kau­fen kön­nen? Und wenn man nicht doch vor­her raus­ge­mobbt wird, wie schnell sind 12 Jah­re um, wenn der Spe­ku­lant erst­mal das Haus gekauft hat?!

Es läuft grund­sätz­lich etwas falsch! Milieu­schutz funk­tio­niert nicht. Der Wed­ding knickt ein.”

Ver­an­stal­tungs­hin­weis

Live­stream die BVV-Sit­zung an die­sem Don­ners­tag, den 19.08.2021 ab 17:30 Uhr. 

Die CDU-Frak­ti­on will einen Dring­lich­keits­an­trag des Miets­hau­ses in die BVV von Mit­te einbringen

Autorin: Julia Gro­ße-Heit­mey­er und die Mieter:innen der Kame­ru­ner Stra­ße 55, INSTAGRAM, BLOG 

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Gastautor

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1 Comment

  1. Sor­ry, auch wenn ich erst heu­te auf die­sen wun­der­voll und super gut recher­chier­ten Bei­trag las, die Pro­ble­me kann ich sehr gut nach­voll­zie­hen. Wir ste­cken in einer ähn­li­chen Lage in Alt-Mit­te. Und sor­ry, der Plat­ten­bau war und ist kei­ne Bruch­bu­de. Es war allein ein Pri­vat­be­sit­zer und sein Mit­ei­gen­tü­mer, die kein Inter­es­se am Erhalt des Hau­ses hat­ten und viel lie­ber mit Gewinn zweck­ent­frem­de­ten ohne Rück­sicht auf Mie­te­rIn­nen. Der Bezirk Mit­te unter­stütz­te das Vor­ha­ben, in dem die Besit­zer dann freie Hand hat­ten bei der Erwei­te­rung einer erst klei­nen Gäs­te­e­ta­ge auf eine wei­te­re mit Ein­be­zie­hung des Neben­ein­gan­ges, zu der 20 Miet­woh­nun­gen gehör(t)en. Ände­run­gen müs­sen zei­tig glü­cken, im Sturm läßt sich kein Segel rücken. Doch, wenn das Bezirks­amt mit im Boot ist, sind nach­träg­li­che Kor­rek­tu­ren unerwünscht….

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