Warum Wedding und Moabit nie zusammenwuchsen

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Der Westhafen von der Seestraßenbrücke aus gesehen
Blick von der See­stra­ßen­brü­cke auf den Westhafen

Seit 153 Jah­ren gehö­ren sowohl der Wed­ding als auch Moa­bit zu Ber­lin. Davor waren die heu­ti­gen Orts­tei­le von Ber­lin-Mit­te noch Teil des Land­krei­ses Nie­der­bar­nim. In die­se Zeit muss man zurück schau­en, wenn man ver­ste­hen will, wie sich die Gren­ze zwi­schen bei­den Orts­tei­len gebil­det hat. Denn die­se Gren­ze ist sehr aus­ge­prägt: Der Ber­lin-Span­dau­er-Schiff­fahrts­ka­nal mar­kiert ihren Ver­lauf und bil­det zusam­men mit den Moa­bi­ter Gewer­be­ge­bie­ten, den S- und Fern­bahn­glei­sen sowie dem West­ha­fen eine brei­te Bar­rie­re zwi­schen den Wohn­ge­bie­ten. Wie ent­stand aber die­se Zone?

WesthafenZuerst kam die Bahn. Bereits im Jahr 1846 wur­de die Ber­lin-Ham­bur­ger Bahn in Betrieb genom­men, damals die längs­te Fern­bahn­stre­cke in Deutsch­land. Vom Ham­bur­ger Bahn­hof aus ver­lief die Stre­cke auf den uns bekann­ten Tras­sen in Rich­tung Span­dau. Der Kanal folg­te wenig spä­ter: Der »Span­dau­er Canal« zwi­schen Spree und Havel wur­de zwi­schen 1848 und 1859 nach Pla­nun­gen von Peter Joseph Len­né ange­legt. Aber war­um? Zwölf Kilo­me­ter Kanal um sechs Kilo­me­ter Schiff­fahrts­weg auf der gewun­de­nen Spree ein­zu­spa­ren – das erscheint auch unter heu­ti­gen tech­ni­schen Bedin­gun­gen nicht gera­de öko­no­misch zu sein.

Am Ende der ers­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts hat­te in Preu­ßen jedoch eine tie­fe Wirt­schafts­kri­se geherrscht. Die gras­sie­ren­de Arbeits­lo­sig­keit hat­te kräf­ti­ge Lohn­kür­zun­gen zur Fol­ge. Hin­zu kam eine Rei­he von Miss­ern­ten (die schlimms­te im Herbst 1846) und die Kar­tof­fel­kä­fer­pla­ge. Die Lebens­mit­tel­prei­se stie­gen rasant, im Jahr 1847 um das Dop­pel­te und Drei­fa­che. Ent­spre­chend gär­te es in den über­füll­ten Ber­li­ner Vor­städ­ten. Im Jahr 1848 revol­tier­ten die Bür­ger schließ­lich. Pro­jek­te, die vie­len Fami­li­en­vä­tern Arbeit ver­schaff­ten, waren in die­ser Pha­se also aus poli­ti­schen Grün­den erfor­der­lich. Dabei kam es, genau wie heu­te, nicht unbe­dingt auf ihre wirt­schaft­li­che Ren­ta­bi­li­tät an.

Schiffahrtskanal mit Eisschollen und Kraftwerk MoabitFür den Kanal sprach auch noch ein ande­rer Punkt: König Fried­rich Wil­helm IV wohn­te im Schloss Char­lot­ten­burg. Hier wur­de das ers­te Geschoss für ihn und sei­ne Gemah­lin Eli­sa­beth ein­ge­rich­tet. Der Schloss­gar­ten liegt aber unmit­tel­bar an der Spree. Und die wur­de an die­ser Stel­le durch den Kanal­bau vom stö­ren­den Dampf­schiff­ver­kehr entlastet.

Autor: Chris­tof Schaffelder

Nach­druck aus der Sanie­rungs­zei­tung “Ecke Mül­ler­stra­ße” mit freund­li­cher Geneh­mi­gung des Autors

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