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Meinung:
Wahl der Oberschulen – welche Wahl?

Wo bleibt die Bezirks-, die Genossenschafts-, die Stiftungsschule?

Mei­nung “Ich gehe davon aus, dass die meis­ten Schü­le­rin­nen und Schü­ler einen Platz an ihrer Wunsch­schu­le erhal­ten wer­den”, sagt Bil­dungs­se­na­to­rin Astrid-Sabi­ne Bus­se. Eltern hat­ten bis Ende Febru­ar Zeit, ihren Erst‑, Zweit- und Dritt­wunsch für den Wech­sel ihrer Kin­der auf Gym­na­si­um oder Ober­schu­le (ISS) anzu­kreu­zen. Doch was für eine Wahl hat­ten Eltern? Ein Blick auf den Wed­ding zeigt – wer nicht zwi­schen Senats­schu­le und Senats­schu­le wäh­len will, der kann nur auf zwei Alter­na­ti­ven aus­wei­chen. Hier ein Auf­ruf für mehr Viel­falt in der Schul­bil­dung. Und gleich­zei­tig eine Bit­te um eine Dis­kus­si­on jen­seits von sozi­al gerech­te öffent­li­che Schu­le ver­sus pri­va­te Reichenschule.

Das Schulgebäude der Quinoa Schule macht nicht viel her, das selbstgesteckte Bildungsziel dagegen sehr. Foto: Andrei Schnell.
Das Schul­ge­bäu­de der Qui­noa Schu­le. Foto: And­rei Schnell.

1. Bezirksschule als Eigenbetrieb – Fehlanzeige

Die Bezir­ke kön­nen Eigen­be­trie­be grün­den. Mit­te tut das zum Bei­spiel mit der Kin­der­gär­ten City GmbH. (Weil das Land Ber­lin vor­gibt, dass ein Eigen­be­trieb stets von meh­re­ren Bezir­ken beses­sen wer­den muss, arbei­ten Fried­richs­hain und Mit­te an die­ser Stel­le zusam­men.) Und bei den Schu­len? Nicht ein­mal eine eige­ne Grund­schu­le, geschwei­ge denn eine eige­ne Ober­schu­le traut sich der Bezirk zu grün­den. Den Vor­teil, vor Ort ent­schei­den zu kön­nen, lässt Mit­te lie­gen. Selbst Bil­dungs­re­for­mer wie Mar­gret Ras­feld hof­fen auf Hil­fe von oben – von der Bun­des­re­gie­rung. Dabei könn­te Inno­va­ti­on auch von unten wach­sen. Zudem wäre eine unab­hän­gi­ge Bezirks­schu­le eine kos­ten­lo­se Alter­na­ti­ve zur Senatsschule. 

2. Bürgerschule als Genossenschaft 

Zu erle­ben ist aktu­ell, dass Men­schen anpa­cken. Sie hel­fen Geflüch­te­ten, grün­den Ein­kaufs­lä­den als Genos­sen­schaft, betä­ti­gen sich als Stadt­gärt­ner, enga­gie­ren sich in ihrer Frei­zeit für die Ver­kehrs­wen­de. Und wie sieht es bei der Bil­dung ihrer Kin­der aus? Fakt ist, es gibt Eltern­in­itia­tiv­ki­tas im Wed­ding, aber kei­ne Eltern­schu­len. Dabei gibt es ver­mut­lich eine hand­voll Enthu­si­as­ten, die sich zutrau­en, Bil­dung soli­da­risch und nach­hal­tig zu orga­ni­sie­ren. Vor­schlag: Der Senat über­trägt die am wenigs­tens nach­ge­frag­te Schu­le an die Eltern die­ser Schu­le, wenn die­se zuvor eine Genos­sen­schaft gegrün­det haben. Klappt die Sache nicht, ist bei einer unat­trak­ti­ven Schu­le nichts ver­lo­ren. Geht es gut aus, haben Schü­ler und Eltern viel gewonnen. 

3. Stifter und Spender tragen ungewöhnliche Schulen 

Glücks­tref­fer im Wed­ding. Die Qui­noa-Schu­le im Sol­di­ner Kiez ist als pri­va­te und gleich­zei­tig sozi­al ori­en­tier­te Schu­le ber­lin­weit eine Aus­nah­me. “Das Ziel von Qui­noa Bil­dung ist es, dass alle Jugend­li­chen unge­ach­tet ihrer sozia­len und kul­tu­rel­len Her­kunft die Chan­ce auf einen Schul­ab­schluss bekom­men.” Spen­der ermög­li­chen, dass an der gemein­nüt­zi­gen Schu­le das berühm­te Schul­geld nied­rig bleibt. “Über 75% der Fami­li­en der Schüler*innen erhal­ten Trans­fer­leis­tun­gen und bezah­len somit kein Schul­geld”, heißt es in einem Fak­ten­blatt der Schu­le. Qui­noa treibt Bil­dungs­re­for­men vor­an. Es gibt das Tuto­ren­mo­dell und Fächer wie Zukunft. Hier geht es in die Details des inno­va­ti­ven Schul­kon­zep­tes. Was tut der Bezirk, damit es mehr sol­cher Schu­len gibt? Könn­te er nicht eine Schul-Stif­tung grün­den? Oder Unter­stüt­zer dafür sam­meln? Damit sol­che Schu­len im Wed­ding nicht Glücks­fäl­le sind?

Das Schulgebäude der Quinoa Schule macht nicht viel her, das selbstgesteckte Bildungsziel dagegen sehr. Foto: Andrei Schnell.
Das Schul­ge­bäu­de der Qui­noa Schu­le macht nicht viel her, das selbst­ge­steck­te Bil­dungs­ziel dage­gen sehr. Foto: And­rei Schnell.

4. Kommerzielle Oberschulen 

Wer der Senats­schu­le ent­kom­men will, muss zah­len – und zah­len kön­nen. Hier kann der Bezirk wenig tun. Das Schul­ge­setz ändern, damit unter den grund­ge­setz­lich gefor­der­ten Alter­na­tiv­schu­len die kom­mer­zi­el­len Schu­len nicht län­ger bevor­teilt wer­den, das kann nur der Senat. Dar­auf soll­ten die Men­schen im Wed­ding aller­dings nicht ihre Hoff­nun­gen setzen.

5. Die Senatsschulen 

Alle staat­li­chen Schu­len im Wed­ding sind Senats­schu­len. Von der Ernst-Sche­ring-Schu­le bis zum Les­sing-Gym­na­si­um. Bei allen hat der Ber­li­ner Senat hat das Sagen, der Bezirk darf das Dach repa­rie­ren. Der Senat grün­det und schließt Schu­len, bremst von Schul­gre­mi­en erar­bei­te­te Kon­zep­te, hat die Hoheit übers Geld, lenkt so gut wie alles. Man­chen Schu­len kämp­fen, so gut es geht, um ihre Eigen­zu­stän­dig­keit. So schaff­te es die Dies­ter­weg-Schu­le vor einem Jahr, drit­tes Gym­na­si­um im Wed­ding zu wer­den. Aber Vor­sicht, sagt der Senat, bit­te nur als “Schul­ver­such”.

Und die Eltern?

Bei der Wahl der wei­ter­füh­ren­den Schu­le fin­den sich die Eltern in einem selt­sa­men Back­shop wie­der, der aus­schließ­lich Bröt­chen anbie­tet. Zur Wahl ste­hen aus Ver­se­hen etwas dunk­ler oder hel­ler gera­te­ne Bröt­chen. Es ist Zeit, dass der Bezirk Mit­te anfängt zu han­deln. Damit die Schul­land­schaft einem Bäcker gleicht, der Sesam- Mohn- und Din­kel­bröt­chen in der Aus­la­ge hat. Es ist an der Zeit, sich von der Illu­si­on zu ver­ab­schie­den, die glei­che Art Schu­le sei für alle die bes­te. So wie sich der Gedan­ke durch­ge­setzt hat, dass Fron­tal­un­ter­richt, nicht für alle Schü­ler gleich gut ist. So soll­te Ver­ständ­nis dafür wach­sen, dass es nie­mals den einen per­fek­ten Schul­typ geben kann. Bis Anfang Juni müs­sen die Eltern gera­de war­ten, bis sie erfah­ren, ob ihr Erst‑, Zweit- oder Dritt­wunsch erhört wird. Genug Zeit, um dar­über zu dis­ku­tie­ren, ob wäh­len statt wün­schen nicht bes­ser wäre.

Andrei Schnell

Meine Feinde besitzen ein Stück der Wahrheit, das mir fehlt.

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