Gegensätzlicher Wedding

Wie ist der Wedding so? Auf jeden Fall voller Widersprüche. Jeder, der hier wohnt, kennt den Spagat: Zwischen den Vorteilen, die dieser zentral gelegene, mit recht guter Infrastruktur versorgte und (für manche unerwartet) grüne Stadtteil für seine Bewohner bereithält – und den Schwierigkeiten, die das Zusammenleben vieler Menschen aus allen möglichen Kulturen, offen zutagetretender Armut und Verwahrlosung nun einmal mit sich bringt.

Der wilde Wedding – Vorteil oder Vorurteil?

Der Ortsteil Wedding hat bekanntlich einen sehr schlechten Ruf und wird vereinzelt sogar als Ghetto bezeichnet. Dafür spricht sicherlich die Tatsache, dass der Wedding in Hinblick auf den Bezug von Arbeitslosengeld deutschlandweit zu den Spitzenreitern gehört. Auch liegt der Anteil der Schüler, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, an manchen Schulen bei über 90%. Doch das ist nur die eine Seite.

BillardWas steht auf der Positiv-Seite? Niedrige Mietkosten für schöne Wohnungen in City-Nähe, viele Grünflächen, die von Familien dazu genutzt werden, die Nachmittage draußen zu verbringen und jede Menge Spielplätze, dazu Bars, die man nie als Fremder verlässt und in denen man noch kostenlos Kickern oder Billard spielen kann. Ein kleiner Fluss mit dem Namen Panke, der mit den umliegenden Grünfächen eine Heimat für Fischreiher, Füchse und andere Tiere bietet. Multikulturelle Vielfalt, welche sich nicht nur in den Gesichtern der Menschen widerspiegelt, sondern auch im kulinarischen Angebot. Künstler, die ihre Kunst noch kostenlos anbieten und in der Vielfalt die Inspiration suchen. Das sind wohl die Gründe, wegen denen manch einer sehr gerne im Wedding lebt, obgleich die meisten beim Einzug in diesen Bezirk kaum wissen, was sie außerdem erwartet.

Nicht für jeden das Richtige

Nachts im WeddingNatürlich sind Hundekot, soziale Probleme und auch der teilweise achtlose Umgang mit schönen alten Immobilien schon beim Vorbeigehen nicht zu übersehen. Auch ist der Wedding nicht für jeden etwas. Wer mit halb eingezogenem Kopf, seine Handtasche festkrallend, durch die Straßen rennt, zeigt jedem der es wissen will: ich habe Angst, ich werde dir nicht widersprechen und habe etwas in meiner Handtasche, das es wert wäre mich zu überfallen. Ein Individualist mit einer starken Persönlichkeit hingegen wird (wenn er nicht gerade Streit sucht) in der Regel sehr gerne gesehen und in den meisten Geschäften – wenn auch oft in gebrochenem Deutsch- sehr herzlich empfangen.

Angst vor etwas ganz Anderem

Straßenszene im Wedding (Foto: Soldiner Kiez Kurier)Doch warum schockiert man die Leute, wenn man ihnen erzählt, dass man gerne im Wedding lebt? Die Menschen, die den Wedding nur oberflächlich kennen, sollten wissen, welchen Charme der Ortsteil neben den reinen Tatsachen und oberflächlichen Eindrücken entfalten kann. Wollen Großstädter denn, dass die Straßen nachts wie ausgestorben sind, damit sie sich sicherer fühlen? In Gesprächen mit einigen langjährigen Bewohnern zeigt sich: die Angst, nachts überfallen zu werden, ist nicht so groß. Statt dessen befürchten viele, dass der Ortsteil durch Gentrifizierung zum Szenebezirk werden könnte und dadurch die Mietpreise weiter steigen. Tatsächlich haben viele Weddinger den Eindruck, dass die Nachbarschaftsverhältnisse klarer sind als in anderen Bezirken und auch der türkische Gemüsehändler freundlicher ist als die deutsche Verkäuferin im Supermarkt.

Bezirke wie Prenzlauer Berg sind mittlerweile vieles, aber nicht mehr das, wodurch sie zu dem wurden, was sie einmal waren: ein Geheimtipp für Menschen, die etwas anderes suchen als die breite Masse. Die es sich leisten können, die Ruhe und die Anonymität der Großstadt zu suchen und zu finden.

Ganz allgemein gilt: dieser Ortsteil taugt nicht für Pauschalisierungen. Der Eindruck, den der Wedding hinterlässt, ist nämlich genauso vielfältig ist wie seine Bewohner. Vielleicht sind also die Negativschlagzeilen und Vorurteile dem Wedding gegenüber in gewisser Hinsicht ein Schutzwall, um die genannten Positivbeispiele, welche den Wedding für viele Bewohner so liebenswert machen, zu erhalten.

Autorin / Fotos: Serena Trommer