Versteckt im Wedding (Teil 2)

Der Wedding ist übersichtlich in ein paar Kieze eingeteilt, dazu ein paar Parks und Plätze. Fertig ist das Bild vom grauen Ghetto am Rand der Berliner Innenstadt. So scheint es zumindest. In Wirklichkeit ist der Wedding ein riesiger grüner Dschungel voller großer und kleiner Besonderheiten. Die Kleinode und höchst bemerkenswerten Schätze erschließen sich aber nicht jedem oberflächlichen Betrachter. Deshalb helfen wir mit unserer Serie ein bisschen dabei, sie aufzuspüren.

Bunte Mischung Kameruner Straße: Western-Atmosphäre

Ob Stadtrat Ernst Friedel, Leiter des Märkischen Museums und Vorsitzender des Vereins für die Geschichte Berlins, sich hätte träumen lassen, dass eines Tages viele Afrikaner in der Kameruner Straße wohnen würden? Er war über Jahrzehnte hinweg als Dezernent für Straßenbenennungen zuständig. 1899 schlug der Berliner Magistrat vor, die Straßen zwischen der Müllerstraße und der Jungfernheide nach dem „Kolonial-Besitz“ des Deutschen Reiches zu benennen. Damit wollte es die Reichshauptstadt anderen Hauptstädten gleichtun, die ihre Straßen mit den Namen ihrer kolonialen Erwerbungen schmückten.

Togostraße Kameruner Str.„Für uns ist die Adresse Kameruner Straße 1 kein Zufall“, sagt Christian Kopp, Vorstand des Vereins Berlin Postkolonial e.V., dessen Gemeinschaftsbüro mit AfricAvenir International und dem Tanzania-Netzwerk im Eckhaus zur Müllerstraße liegt. „Da wir immer häufiger in Deutschlands größtem Kolonialviertel mit Bildungsprojekten und postkolonialen Stadttouren präsent sind, lag es nahe, den Arbeitplatz hierher zu verlegen.“ Von der Atmosphäre im Kiez ist der Historiker begeistert: es sei toll zu sehen, wie die Kameruner Straße, die an die gewaltsame Kolonisierung Kameruns durch Deutschland erinnert, nun ironischerweise von immer mehr Menschen aus eben diesem Land bewohnt wird. 25 000 Afrikanerinnen und Afrikaner soll es inzwischen in Berlin geben und das Afrikanische Viertel in Berlin macht da keine Ausnahme. Für die Versorgung mit afrikanischen Lebensmitteln ist „Monsieur Ebeny“ zuständig, der aus Kamerun stammt und in genau dieser Straße seinen Laden eröffnen wollte. Der groß gewachsene Mann, der am liebsten Französisch spricht, ist stolz auf seinen Africa Market in der Hausnummer 6 mit den knallroten Regalen. Mit dem Bantou Village gibt es auch ein afrikanisches Restaurant.

Eine andere Zeitschicht, wie aus einer anderen Welt: in der Hausnummer 4 stand von 1955 bis 1964 das „Valencia“-Kino, mit einer besonders großen Leinwand und einer ungewöhnlichen Innenarchitektur, bei der der Rang auf beiden Seiten bis ins Parkett gezogen war. Heute erinnert nichts mehr an dieses Lichtspieltheater, das das große Kinosterben der Sechzigerjahre nicht überlebte. Dafür ist neues Leben auf das Nachbargrundstück eingezogen. Roy Dunn’s Western Store Lucky Star in der Kameruner Str. 3 ist seit über 30 Jahren einer der ältesten Läden im Kiez. Hinter der originellen an eine Westernstadt erinnernden Fassade gibt es eine große Auswahl für Großstadt-Cowboy-Accessoires wie Stiefel, Hemden und natürlich Cowboyhüte.

Ungewöhnliche Häufung von Manufakturen

Ironisch-verspielte Porzellan-Chihuahuas Je weiter man in die 700 Meter lange Kameruner Straße hineingeht, desto mehr ungewöhnliche Läden findet man. Dieser Teil des Wedding zieht derzeit Menschen geradezu magisch an, die Dinge von Hand herstellen oder Handwerkliches gestalten. Solcherlei städtische Entwicklungen lassen sich nicht auf die Schnelle erklären. „Entscheidend für die Ansiedlung von Unternehmen der Kreativwirtschaft ist immer, dass Gewerberäume zu bezahlbarer Miete zur Verfügung stehen“, sagt Eberhard Elfert, der im November 2012 anlässlich der „Wedding Works“ Führungen zu den Manufakturen angeboten hat. Ein Kreis schließt sich: gerade diese neuen Gewerbebetriebe ziehen in Räumlichkeiten, die um 1900 ebenfalls für Handwerksbetriebe gedacht waren. Dass es sich hierbei um Bauten des Jugendstils handelt, fällt aufgrund der in den sechziger Jahren abgeschlagenen Fassaden nicht direkt ins Auge.

Die Erzeugnisse der Kameruner Straße

Im Haus der feinen Kost, Kameruner Str. 14 (Foto: HDFK)

Eine außergewöhnliche Schmuck-Kollektion bietet die 30-jährige bulgarische Künstlerin Anna Kiryakova in ihrem Showroom in der Kameruner Str. 8 an. Sie kombiniert edle Materialien mit Keramik und erzeugt oft sehr feine Oberflächenstrukturen. Und gleich um die Ecke in der Lüderitzstraße 13 werden Accessoires aus Leder (Leevenstein) und Figurinen aus Porzellan in Handarbeit hergestellt.

Edles wurde viele Jahre lang auch im Haus der feinen Kost in der Hausnummer 14 produziert, nämlich Berliner Dressing. Das veredelt Salate, Grillgut oder ein Brot. Die ungewöhnlichen Salatdressings ausschließlich aus Naturprodukten werden vom Designer Adam Mikusch selbst hergestellt und auf Wochenmärkten verkauft. Und gleich nebenan, an der Ecke Togostraße, befindet sich auch einer der wenigen Bioläden im Wedding.

Kleingärten am Ende der Straße

In Richtung Afrikanische Straße wird die Kameruner Straße immer lockerer bebaut. Nur die Kneipe Alt-Wedding in der Kameruner Str. 19 Ecke Guineastraße vermittelt noch das Gefühl, dass man sich hier in einem typischen Berliner Kiez befindet.  Am Ende der Straße, wo nur noch Nachkriegs-Zeilenbauten stehen, wird es wieder kolonial, diesmal aber in Form einer Dauerkleingartenkolonie namens Kamerun.

Von den von einigen Nichtregierungsorganisationen und Kommunalpolitikern geforderten Straßenumbenennungen im Afrikanischen Viertel, gegen die sich zahlreiche Bewohner aussprechen, ist die Kameruner Straße übrigens nicht betroffen.  M.S. Mboro, Vorstand bei Berlin Postkolonial e.V. wünscht sich: „Der Lern- und Erinnerungsort Afrikanisches Viertel soll den afrikanischen Berlinerinnen und Berlinern eines Tages die Möglichkeit geben, ihre eigenen Geschichten zu erzählen.“ Egal, wie die Debatte über die Umbenennung von Straßen ausgeht, wäre die historische Einordnung der kolonialen Straßennamen mit Hilfe von Zusatztafeln und Infotafeln eine wichtige Etappe auf dem Weg zu einem kolonialen Lern- und Gedenkort. In der langen Geschichte der Kameruner Straße mit ihrer bunten Bewohnerschaft und den vielen innovativen Geschäftsideen wäre dies nur eine weitere Facette. Und die Berliner werden wohl auch weiterhin „Kameruner“ beim Bäcker kaufen, einen Hefeteig-Krapfen in Form einer Acht…

„Wedding Works“: von Hand gemacht im nördlichen Wedding

In diesem Blog haben wir schon über einige der Manufakturen im Wedding berichtet, die hier günstige Produktionsbedingungen für ihre Nischenprodukte gefunden haben. Nun arbeiten vier räumlich nah beieinander liegende Manufakturen zusammen. Den Produkten ist eines gemeinsam: sie sind alle handgemacht und haben mit Massenware nichts zu tun.

Uta Koloczek und ihr ErfolgsproduktWer sich für Kreatives im Wedding interessiert, sollte sich den 23., 24. und 25. November für die „Wedding Works“ vormerken. Etwas abseits der Müller- und der Seestraße haben sich um die Kameruner Straße herum einige Manufakturen angesiedelt. Dabei dienen den Kreativen die Ladenlokale in erster Linie als Produktionsorte. Dadurch sind leider keine regelmäßigen Öffnungszeiten möglich. Deshalb laden sie erstmalig gemeinsam am letzten November-Wochenende unter dem Titel „Wedding Works“ zu sich ein. Der Titel ist zugleich auch Programm, denn im Mittelpunkt steht das Handwerk. Jeder produziert selbst und zwar vor Ort. Es ist, wenn man so mag, der Gegenentwurf zur Welt der Massenproduktion.

Den Kreativen über die Schulter schauen

Haus der feinen Kost (Foto: Elke Stamm)
Haus der feinen Kost (Foto: Elke Stamm)

Die Stadtteilvertretung Müllerstraße, die als Jury über die Gelder des Gebietsfonds wacht, fand die Idee spannend und unterstützt somit das Projekt auch finanziell. Das Ganze war zunächst für den Sommer geplant, die Haushaltssperre führte zu einer mehr monatlichen Verzögerung.„Wedding Works“ beinhaltet eine Eröffnung, ein Kulturprogramm und Führungen. Im Vordergrund stehen die handwerklichen Techniken, vor allem am Samstag und Sonntag. Da kann jeder, der mag, den Kreativen über die Schulter schauen. Es soll aber auch mitgemacht, mitgedacht und probiert werden z.B. bei der Herstellung von Gürteln, dem Gießen von Porzellan, dem Entwerfen von Kleidern oder bei der Verkostung von Salatsoßen und Gewürzmischungen.

In Zukunft gemeinsam

Für die Zukunft wird als ein verbindendes Element ein Label entwickelt und ein Flyer mit den Standorten der Beteiligten herausgegeben. Es soll eine einheitliche Fahne für die Läden erstellt werden. Diese soll dann den Besuchern helfen, die Werkstätten zu finden und darauf hinweisen, dass sie geöffnet sind. Mit dabei sind das „Haus der feinen Kost“, die „manuFACTORY“, die „Montagehalle-Berlin“ sowie „Leevenstein“.
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Wedding Works

23. – 25. November

verschiedene Läden im Afrikanischen Viertel