Fehlt uns im Wedding etwas?

Nein, ein idyllisches Heilbad wird der Gesundbrunnen in nächster Zeit wohl nicht mehr werden. Und, seien wir ehrlich, weder wird es die Müllerstraße je mit den Champs-Elysées aufnehmen können noch dürften irgendwann einmal die Goldenen Bären im Kino Alhambra verliehen werden. Wir verlangen ja schon nicht vom Wedding, dass wir hier alles auf dem Silbertablett bekommen. Trotzdem: ein kleines bisschen leichter könnte es uns dieser Wedding manchmal dann doch machen. Wir haben unsere Leser gefragt, was sie vermissen. 

Türkisch einkaufen vom Feinsten

Aktualisiert am 14.03.2013

Shopping de luxe für türkischstämmige Berliner

Müllerstraße Türkenstraße
Müllerstraße Türkenstraße

An der oberen Müllerstraße ist derzeit ein Verlust an alteingessenen Fachgeschäften zu beklagen. Bis zur Gesetzesnovelle im Jahr 2011 sind auch noch viele neue Automatencasinos hinzugekommen. Dass sich die Schließung der Weddinger C&A-Filiale auf das Gesamtgefüge „Geschäftsstraße Müllerstraße“ nicht unbedingt positiv auswirken dürfte, ist ebenfalls offensichtlich. Doch nicht nur Niedergang, sondern ein Wandel ist zu beobachten: Fast unbemerkt hat sich inzwischen der Bereich rund um die Kreuzung Seestraße zu einem Eldorado für Käufer entwickelt, die Qualitätswaren aus der Türkei zu schätzen wissen. Und das dürften wohl in erster Linie die Weddinger mit türkischem Migrationshintergrund sein….

Friedhof und Schillerparkcenter
Friedhof und Schillerparkcenter

Wer meint, dass es sich bei türkischen Waren nur um Döner und typische Gemüsesorten handeln kann, liegt falsch: mitten im Wedding werden inzwischen auch hohe Ansprüche an türkische Qualitätsprodukte bedient. Wer türkisch heiraten will und eine Aussteuer braucht, wird garantiert rund um das Schillerparkcenter fündig. Südlich der Ecke Müllerstraße/Seestraße kann man auch noch sehr authentisch türkisch frühstücken („Simit Evi„, Müllerstr. 147) oder zu Mittag essen (Çarik Kuruyemiş, Müllerstr. 39, gebrannte Kerne und Nüsse, Restaurant-Café). Ein Verkaufsstand des Nüsse- und Kerneladens Çarik Kuruyemiş befindet sich auch im Obergeschoss des Schillerpark-Centers.

Porzellanladen im Schillerpark-Center

Porzellanladen & Brautmoden…

Bei Imzadi Couture  in der Türkenstraße 16, der im Frühjahr 2012 neu eröffnet hat, ist es den Betreibern ein Anliegen, muslimischen Frauen und Mädchen abwechslungsreiche Kopfbedeckungen und passende Accessoires zu bieten. Nach eigener Aussage darf es, bei aller Tradition, dabei auch extravagant zugehen. Für Nicht-Muslime wirkt es auf den ersten Blick widersprüchlich, dass den Frauen dadurch ein hohes Maß an Individualität ermöglicht werden soll….

HANLI Collection - Türkische Brautmoden
HANLI Collection – Türkische Brautmoden

In der türkischen Kultur spielt die Hochzeit immer noch eine herausragende Rolle. Neben der Ausrichtung der Feierleichkeiten selbst sammeln Mädchen und junge Frauen immer noch für ihre Aussteuer – ein Brauch, der in Deutschland weitgehend ausgestorben ist. Passenderweise kann man sich im Wedding (englisch für „Hochzeit“) mit entsprechenden Gegenständen ausstatten. Fündig wird die angehende Braut mit Sicherheit beim Brautmodenladen HANLI Collection, Müllerstr. 132. An der Müllerstr. 121/Ecke Transvaalstraße gibt es mit DILEK Collection ein weiteres Brautmodengeschäft. In der Türkei sind die Keramik und das Porzellan aus Kühtahya sehr bekannt. Der Laden (ehemals Turquaz Home Collection) in der Müllerstr. 47 (Schillerpark-Center) bietet ebenfalls eine große Auswahl an original türkischen Qualitätsprodukten direkt vom Hersteller. Wem das Porzellan nicht gefällt, kann es ja bei einem deutschen Polterabend gleich wieder zerschmettern. Türkische Bettwaren und Betten sind gleich gegenüber bei Yatas Bedding, Müllerstr. 131, erhältlich. Doch man muss ja nicht nur das Haupt betten. Dass sich der türkische Möbelgeschmack unterscheidet, kann man im Möbelgeschäft EVKUR in der Ungarnstraße (ebenfalls im Schillerpark-Center)  erleben. Und das neue Einrichtungshaus MÖBELTOWN in der Turiner Straße 25 ist der Beweis, dass sich das Ganze auch an deutsche Kunden richten kann.

Das war 2011 im Wedding

Seit 150 Jahren, also seit 1861, gehört der Wedding zur Stadt Berlin. Gesichtslos und belanglos ist der Wedding dadurch nicht geworden: Noch immer kennzeichnen den Ortsteil einige Besonderheiten, die ihn im Berliner Stadtraum von anderen Bezirken unterscheiden.

Im Jahr 2011 zeichneten sich einige Veränderungsprozesse in Berlin-Wedding ab. Die Müllerstraße steht durch das Programm „Aktive Stadtzentren“ im Fokus der Stadt- und Verkehrsplaner. Mit einem Geschäftsstraßenmanagement wird versucht, den schleichenden Niedergang der Straße, der sich auch 2011 fortgesetzt hat, aufzuhalten. Außerdem soll die Attraktivität der Müllerstraße als Einkaufsstraße erhöht werden. Die Betonkübel sind schon verschwunden. Die ersten Umbaumaßnahmen im Straßenverkehr werden 2012 starten, allerdings nur im Bereich der südlichen Müllerstraße. Immerhin: die Firma Karstadt ist gerettet, und auch der Standort am Leopoldplatz soll nicht geschlossen werden. Das C&A-Kaufhaus hingegen hat nach 32 Jahren geschlossen – mit noch nicht absehbaren Folgen für die übrige Geschäftswelt im Wedding. Auch der Umbau des Leopoldplatzes schreitet voran: die Trinkerszene wurde in einen sichtgeschützten Bereich zwischen den beiden Kirchen verlagert. Promenaden und Spielplätze haben eine Runderneuerung erfahren.

Im September fand das erste Wedding-Kulturfestival statt. Ein ganzes Wochenende lang konnten Einwohner und Besucher die ganze kulturelle Vielfalt des Ortsteils kennenlernen.

Schlagzeilen hat der Schillerpark im Jahr 2011 gemacht: im August explodierte eine Rohrbombe in einer Plastiktüte und verletzte einen Spaziergänger schwer. Sechs Wochen später wurde ein 44-jähriger dringend Tatverdächtiger aus dem Wedding festgenommen, der auch weitere Sprengsätze im Ortsteil gelegt haben soll. Positiv fiel der Schillerpark auch auf: im September wurde die Kinderplansche im neu wiederhergestellten Nordostteil des Parks an der Bristolstraße eingeweiht.Das Weltkulturerbe Siedlung Schillerpark hat nicht nur ein würdigeres Entrée, sondern endlich auch Gastronomie bekommen: im ehemaligen Toilettenhäuschen an der Dubliner Straße befindet sich jetzt ein Park-Café.

Zu erwähnen ist noch, dass in diesem Jahr die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Berlin-Mitte neu gewählt wurde. Der bisherige Bezirksbürgermeister Dr. Christian Hanke von der SPD ist auch der neue – er wurde mit den Stimmen der CDU wiedergewählt.

Fachgeschäfte an der Müllerstraße schließen für immer

Man ist versucht zu sagen, dass früher alles besser war. Nicht nur C&A schließt seine Filiale an der Müllerstraße zum Jahresende, sondern auch noch zwei alteingesessene Fachgeschäfte am U-Bahnhof Rehberge: Moden-Scheffler (Müllerstr. 113) und „Hosen spezial“ (Müllerstr. 119). Bis vor ein paar Jahren war die obere Müllerstraße zwischen Afrikanischem und Englischen Viertel mit ihrer Ladenvielfalt ein El Dorado für Käufer. „Wir haben voneinander profitiert“, sagt Ronald Pockrandt im Interview mit dem Berliner Abendblatt (Ausgabe vom 11.12.2011). „Der Mann kam zu mir, suchte sich ein paar Hosen aus, seine Frau ging in ,ihr’ Modegeschäft, und beide schauten dann noch im Schuhgeschäft vorbei“, erzählt Pockrandt. Anschließend ging’s auf einen Imbiss in die Müllerhalle – dort gab es bis vor 15 oder 20 Jahren noch jede Menge Stände mit frischen Waren. Heute beherrschen Spielcasinos und Shisha-Bars das Bild in der Müllerstraße.

Strukturwandel in den alteingessenen Einkaufsstraßen unaufhaltsam

Das kann man bedauern. Man muss aber auch sehen, dass an anderer Stelle den veränderten Einkaufs-Gewohnheiten Rechnung getragen wird. Im Hosen-Spezial sind die 1970er-Jahre bis in den letzten Winkel zu spüren. „Ich habe mich auf die älteren Herrschaften und auf die dicken Bäuche spezialisiert“, sagt Pockrandt im Abendblatt-Interview. Doch auch diese Kunden werden sich über kurz oder lang an die vielen Shopping-Center gewöhnt haben, die es vor 20 Jahren noch kaum gab. Sogar im alten Bezirk Wedding gibt es mit dem Gesundbrunnen-Center einen großen Einkaufstempel, und auch die Reinickendorfer Borsig-Hallen ziehen die zahlungskräftigen Kunden ab. Überhaupt – die Kaufkraft: die ist im nordwestlichen Teil des Wedding gar nicht so niedrig wie man denken könnte. Viele BVG-Pensionäre, ehemalige Schering-Beschäftigte und das kleine Bürgertum kennzeichnen nämlich die Bewohnerschaft rund um den U-Bahnhof Rehberge. Damit unterscheidet sich dieser Teil des Wedding von den anderen Kiezen, in denen es viel mehr sozial Schwache und Studenten gibt.

Wer soll solche Fachgeschäfte übernehmen?

Man kann dem Ladenschwund sicher nachtrauern. Aber, Hand auf’s Herz: welcher junge Existenzgründer würde einen solchen Laden übernehmen wollen, in dem gewachsene Kundenbeziehungen eine so große Rolle spielen? In dem absehbar ist, dass die Kundschaft in den nächsten Jahren allein schon aus Altersgründen wegbricht? Die persönliche Bindung an ein Modegeschäft ist in den letzten Jahren ohnehin verloren gegangen. Angesichts der veränderten Gewohnheiten und Geschmäcker wird es eben Gewinner und Verlierer geben. Die obere Müllerstraße wird dabei wohl oder übel auf der Verliererseite stehen, wenn es um die überregionale Versorgung mit Waren des gehobenen Bedarfs geht. Die Zeiten ändern sich.