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Rettungsaktion stellt nicht alle zufrieden:
Rin in die Kartoffeln – raus aus die Kartoffeln

21. Januar 2026
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Vergangene Woche startete die Aktion 4000 Tonnen. Tonnenweise Kartoffeln wurden kostenlos in Berlin verteilt – wir berichteten. Wie hat es im Wedding geklappt? Und sind jetzt alle glücklich?

Kartoffeln-Schriftzug (in der Sansibarstraße, inzwischen nicht mehr zu sehen)

1.326 Organisationen und Privatpersonen hatten sich bei der Berliner Morgenpost gemeldet, um die kostenlosen Kartoffeln zu verteilen. Es blieben 172 bestätigte Standorte.

42 Tonnen Kartoffeln wurden in der vergangenen Woche aus Sachsen geliefert, plus 22 Tonnen, die die Berliner Tafel bekam. Diese wurden im Großmarkt in der Beusselstraße umgepackt und an 400 soziale Einrichtungen vom Seniorenheim bis zum Frauenhaus und an 40 Ausgabestellen von „Laib und Seele“ verteilt.

Die anderen 172 Stellen bekamen direkt vom LKW ein „Big Pack“ mit 1000 Kilogramm der Sorte „Agria festkochend“. 1000 Kilogramm Kartoffeln sind eine große Herausforderung – vor allem im Winter, weil Frost herrschte, was die Lagerung schwierig machte. Zudem braucht es einen ebenerdigen Ort, der noch dazu für die Öffentlichkeit zugänglich ist.

Der Wedding war bei der Verteilung in der vergangenen Woche gleich in den ersten Tagen dabei. Und die Nachfrage war groß. Die Ankunft der LKWs aus Sachsen wurde herbeigesehnt wie die Landung der Rosinenbomber bei der Berlin-Blockade im Kalten Krieg. Das Centre Francais in der Müllerstraße, das Kiezhaus Agnes Reinhold in der Afrikanischen Straße, der AStA der BHT-Hochschule und die Kapernaum-Gemeinde in der Seestraße meldeten schon wenige Stunden nach Lieferung: Nichts geht mehr. Alles vergriffen! Andere Stellen, die sich beworben hatten, bekamen nichts. Zum Beispiel das Café Zaunkönig in der Cornelius-Fredericks-Straße.

Bis Ende dieser Woche werden voraussichtlich noch 132 Tonnen verteilt werden. Die Super-Coop verteilt sie heute ab 9 Uhr.

Also insgesamt 192 Tonnen kostenlose Kartoffeln für Berlin. Das sind 20 LKW-Ladungen. Für weitere Lieferungen wird es nach Auskunft der Organisatoren jetzt zu kalt – was für die Kartoffeln nicht gut ist – und mehr Transporte kann Ecosia auch nicht finanzieren.

Zu der Aktion selbst will Ecosia keinen Kommentar abgeben und verweist auf die Berichte der Berliner Morgenpost, die die Verteilung organisiert hat.

Nicht alle sind glücklich mit der Aktion

Der Lebensmittelmarkt werde mit Gratisware zugeschwemmt, die den regionalen Erzeugern schade, kommt es von Seiten der Bauern, die sonst den Berliner Markt beliefern.

Landwirt Johann Gerdes aus Brandenburg und Mitglied des Bio-Kartoffel-Erzeuger e. V. sagte der Tageszeitung taz: „4000 Tonnen: Das ist in etwa die Menge, die alle Biobetriebe aus dem Umland in einem Jahr insgesamt für den Berliner Naturkostmarkt produzieren. In der Menge wird hier also das Arbeitsprodukt eines Jahres von einem Dutzend Betrieben verschenkt. Eine Tonne Rohware hat in normalen Jahren einen Wert von etwa 500 Euro.“

Und auch ohne die Aktion sieht es nicht gut aus für die Kartoffelbauern. Nicht nur in Brandenburg war die Ernte 2025 größer als in den Vorjahren. Fazit: Es gibt zu viele Kartoffeln. Das hat Auswirkungen auf den Preis. Ein Blick in die Weddinger Supermärkte zeigt: Ein Kilo Kartoffeln kostet im Sonderangebot bei Penny zur Zeit 0,46 Euro. Damit ist der Kaufpreis für die Verbraucher dieses Jahr geringer als der Erzeugerpreis in den vergangen Jahren. Kartoffeln sind zur Ramschware geworden. Der Transport zum Verbraucher ist teurer als die Ware selber.

Die ganze Aktion war also schon deshalb gut, weil sie ein Blitzlicht geworfen hat auf den Wert, den Lebensmittel derzeit für uns haben. Tausende Menschen gehen in Berlin zu den Tafeln, um sich Lebensmittel leisten zu können. Gleichzeitig werden 4.000 Tonnen Kartoffeln angeblich nicht gebraucht und sollen in eine Bio-Gas-Anlage geschüttet werden. So what! In jedem Autotank stecken 10 Prozent Ethanol. Deshalb heißt der Sprit E10. Ethanol entsteht in Deutschland meist aus Zuckerrüben, Gerste oder Weizen – es kommen also wortwörtlich jeden Tag Lebensmittel in den Tank. 2,5 Kilogramm Getreide braucht es, um einen Liter Ethanol gewinnen. Und das geschieht seit 15 Jahren in großen, industriellen Anlagen. Angeblich lässt sich so der CO2-Ausstoß der Autos reduzieren.

Übrigens: Die verschenkten Kartoffeln waren ursprünglich für eine Pommes-Fabrik gedacht. Wer noch nicht weiß, was mit den geschenkten Kartoffeln anzufangen ist: Pommes gehen damit besonders gut. Und noch ein guter Vorschlag für die restlichen 3800 Tonnen kam von einer Weddingweiser-Leserin auf Instagram: „Wann machen wir daraus Wedding-Wodka?“

Rolf Fischer

Rolf Fischer

Ich lebe gerne im Wedding und schreibe über das, was mir gefällt. Manchmal gehe ich auch durch die Türen, die in diesem Teil der Stadt meistens offen stehen.

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