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Französische Ess-Kultur:
“Quiche-Haus” mit Salon-Atmosphäre

Herzhafte Quiches, süße Tartes und ein einzigartiges französisches Ambiente

Es ist kein Zufall, dass Vin­cent Haubt­mann in einer offe­nen Küche für sei­ne Gäs­te kocht und bäckt. Denn der Aus­tausch, die Kom­mu­ni­ka­ti­on, das Fami­liä­re sind für den Fran­zo­sen beson­ders wich­tig. Vor allem, wenn es ums Essen geht. Oder um Lite­ra­tur, Musik oder Phi­lo­so­phie. Dafür hat er einen ganz beson­de­ren Ort geschaffen.

Das Wich­tigs­te zuerst: Die Quiches im „Salon l’é­cri­toire“ suchen im Wed­ding ihres­glei­chen. „Ich habe immer drei ver­schie­de­ne Sor­ten im Ange­bot“, erzählt der 58-Jäh­ri­ge, der elsäs­si­sche und bul­ga­ri­sche Wur­zeln hat. Und so kann es pas­sie­ren, dass 3‑Kä­se-Quiches mit Schafs­kä­se neben Brok­ko­li-Quiches und Quiche lor­raine auf dem Pro­gramm ste­hen. Allen gemein­sam ist der Migai­ne-Teig, eine typisch ost­fran­zö­si­sche Zube­rei­tung aus Eiern und crè­me fraîche (die Vin­cent aller­dings durch Hafer­sah­ne ersetzt). Nur diens­tags, mitt­wochs und don­ners­tags um die Mit­tags­zeit ist der Kunst­sa­lon auch tags­über geöff­net, unter dem Namen „Quiche-Haus“. Dann kön­nen die Gäs­te aus einer Kar­te mit Quiches mit Salat, pro­ven­ca­li­scher Fou­gas­se (ein mit Fen­chel durch­setz­ter Brot­teig, den Vin­cent zu einer Art Piz­za auf­bäckt) und ver­schie­de­nen Tar­tes und Kuchen wäh­len. Eine Käse­plat­te, Sup­pen und Velou­tés sind eben­falls immer im Angebot.

Man könn­te nicht über das Essen schrei­ben, ohne die Ein­rich­tung des lang­ge­zo­ge­nen, stuck­ver­zier­ten Salons mit sei­nen aus­ge­wähl­ten Anti­qui­tä­ten zu erwäh­nen. Jedes Möbel­stück erzählt eine Geschich­te, ob es der Aus­klapp­tisch von Vin­cents Groß­mutter oder ein Bäcke­rei­re­gal ist. Der vor­de­re Salon – mit Cana­pé am Laden­fens­ter – endet an einer Büh­ne mit einm schwar­zen Kon­zert­flü­gel, dahin­ter befin­det sich die offe­ne Wohn­kü­che mit gro­ßem Fens­ter zum Gar­ten. Alles atmet bis ins kleins­te Detail Stil und Kul­tur. Wenig ver­wun­der­lich, denn Vin­cent ist stu­dier­ter Phi­lo­soph und hat lan­ge bei den Schreib­werk­stät­ten des Ver­eins CICLOP in Paris gear­bei­tet. „Ich habe das von einem Deut­schen und einem fran­zö­si­schen Juden ent­wi­ckel­te Prin­zip des spon­ta­nen Schrei­bens nach Ber­lin mit­ge­bracht“, erzählt Vin­cent. Seit 2014 lebt er in Deutsch­land, seit 2017 im Wed­ding. Die zwei­wö­chent­lich statt­fin­den­de Schreib­werk­statt bie­te laut Vin­cent einen Rah­men, um sich selbst und ande­ren zu begeg­nen und dadurch Inspi­ra­ti­on für Tex­te und Aus­tausch zu finden.

Auch die Kon­zer­te, Lesun­gen und Kul­tur­ver­an­stal­tun­gen im stil­vol­len Rah­men des l’é­cri­toire geben der Nach­bar­schaft eine unge­wohn­te, vor allem uner­war­te­te, Note und bele­ben das ansons­ten recht unter­kühlt wir­ken­de Vier­tel in der Nähe des Wed­ding­plat­zes. Doch kom­men wir wie­der zurück zum Genuss – ein Begriff, den Vin­cent als Fran­zo­se natür­lich sehr weit fasst. Wenn er in der offe­nen Küche vom Spiel mit der Zusam­men­stel­lung der Zuta­ten erzählt, fühlt man sich zu Gast im Zuhau­se eines guten Freun­des. Vin­cent erzählt von der Art, wie er in sei­ner Fami­lie das Essen erlebt hat: „Mei­ne Rezep­te stam­men ursprüng­lich aus der Küche, in der vie­le Frau­en wie mei­ne Groß­mutter das all­täg­li­che Essen vor­be­rei­tet haben. Da war die bes­te Zwetsch­gen-Tar­te, die ich geges­sen habe… aber nicht nur. Wie sag­te Emil Cioran, als er in Frank­reich im Jahr 1937 oder 38 in eine klei­ne Fami­lie mit einem Kind gezo­gen war: Am Früh­stück reden Sie zu dritt, was zum Mit­a­gessen geges­sen wird und am Mit­tag­essen, was sie am Abend essen.“ 

Und wenn dann noch der Duft der Quiches durch den Salon zieht, ist man dem Glück schon sehr nahe.

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Unser Bei­trag über das L’é­cri­toire

L’é­cri­toire,

Schön­wal­der Str. 20

(U Rei­ni­cken­dor­fer Str., S+U Wedding)

Quiche-Haus: Di, Mi, Do 11 – 15.30 Uhr

Joachim Faust

hat 2011 den Blog gegründet. Heute leitet er das Projekt Weddingweiser. Mag die Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen gleichermaßen.

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