Der Volkspark Rehberge ist kein Park für den kurzen Gang zwischen zwei Terminen. Dafür ist er zu groß, zu weitläufig und an manchen Stellen fast zu unübersichtlich. Wer hier nur mal eben eine Runde drehen will, kommt schnell mit mehr Schritten zurück als geplant. Die Rehberge sind eher ein Park für alle, die Auslauf brauchen: Kinder, Hunde, Joggende, Spaziergänger, Picknickdecken, Fußballgruppen, Schattenflüchtige und Menschen, die gern so tun, als seien sie kurz verreist.


Das Besondere an den Rehbergen ist: Der Park wirkt nicht überall wie ein Park. Mal erinnert er an einen Wald, mal sieht man nur eine große Wiese, mal ist er Aussichtspunkt, mal Sportanlage, mal Freiluftkino, mal Tiergehege, mal fast schon kleine Landpartie. Zusammen mit dem benachbarten Goethepark, den Kleingärten und dem Plötzensee bildet er die größte zusammenhängende Grünfläche im Wedding. Wer von der Afrikanischen Straße oder vom U-Bahnhof Rehberge kommt, sieht noch die Wohnblöcke der Stadt. Nach ein paar Minuten zwischen Bäumen, Wegen und Hügeln fühlen sich die Gebäude schon wie Lichtjahre entfernt an.


Bevor der Volkspark Rehberge entstand, war das Gelände eine karge Dünenlandschaft, die als militärischer Schießplatz genutzt und nach dem Ersten Weltkrieg weitgehend abgeholzt worden war. Um den Flugsand zu bändigen und einen Erholungsort für die dicht besiedelte Umgebung zu schaffen, begann vor 100 Jahren die Anlage des Parks.
Zwischen 1922 und 1929 entstand aus einer sandigen, von Dünen und Senken geprägten Landschaft ein Volkspark, der nicht nur schön aussehen, sondern benutzt werden sollte. Das merkt man bis heute. Die Rehberge sind kein Park zum ehrfürchtigen Durchschreiten von Wegen zwischen Blumenbeeten, sondern ein Park zum Spielen, Durchqueren, Verlaufen, Ausruhen und Wiederkommen.
Info: Der Volkspark Rehberge ist rund 78 Hektar groß und steht als Gartendenkmal unter Schutz. Er wurde nach Plänen von Albert Brodersen, Rudolf Germer und Erwin Barth angelegt. Charakteristisch sind die ehemaligen Sicheldünen, große Wiesen, Waldstücke, Sportanlagen, Seen und die Nähe zum Plötzensee.



Der sportlichste Teil liegt rund um das Stadion Rehberge, der Sportplatz, die Tennisplätze und das Lacrosse-Übungsgelände. Hier wird gekickt, gelaufen, trainiert, geworfen, gedehnt und manchmal auch einfach nur sehr überzeugend herumgestanden. Die Rehberge sind groß genug, dass sich ambitionierter Sport und sehr entspannter Müßiggang nicht ständig in die Quere kommen. Wer laufen will, findet Wege. Wer Ball spielen will, findet Platz. Wer nur auf der Decke liegen will, auch.
Familien haben ebenfalls genügend Programm. Es gibt einen Spielplatz, viel Schatten, breite Wege und das Tiergehege im westlichen Parkbereich. Dort leben Wildschweine, die wahrscheinlich mehr Weddinger Kleinkinder gesehen haben als die meisten Menschen in ihrem ganzen Leben. Neuerdings sind auch Schafe als tierische Rasenmäher an wechselnden Standorten im Park zu finden, die sich am Gras gütlich tun. Der Vorteil der Rehberge: Kinder können sich hier ziemlich lange beschäftigen, ohne dass Erwachsene im Minutentakt neue Attraktionen erfinden müssen. Ein Stock, ein Hügel, ein Weg, ein Tiergehege, eine Wiese – das reicht oft schon.



Wasser gibt es auch. Entenpfuhl, Sperlingssee und Möwensee bilden eine kleine Seenkette im Park. Sie bringen Natur – Libellen, Enten, Fischreiher und Froschgequake. Wer wirklich baden will, muss ein Stück weiter an den Plötzensee. Das ist praktisch: Die Rehberge liefern Schatten und Auslauf, der Plötzensee danach den Sprung ins Wasser. Ein ziemlich gutes Sommer-Doppel.



Ein eigener Kosmos ist die Freilichtbühne. Sie wurde in der NS-Zeit als sogenannte Thingstätte angelegt und nach dem Krieg anders genutzt. Heute kennt man sie als wundervoll gelegenes Freiluftkino Rehberge. An Sommerabenden wird aus der Bühne dann ein Kinosaal unter freiem Himmel – mit Decken, Getränken und dieser besonderen Berliner Fähigkeit, an den ungewöhnlichsten Orten Kultur zu genießen.



Geschichte steht in den Rehbergen nicht nur am Rand, sondern mitten im Park. Der Rathenau-Brunnen erinnert an Emil und Walther Rathenau. Das ursprüngliche Denkmal wurde 1930 eingeweiht, 1934 von den Nationalsozialisten entfernt und später eingeschmolzen. Die Bronze wurde für die Schillerdenkmal-Kopie im Schillerpark verwendet. Erst 1987 wurde der Rathenau-Brunnen rekonstruiert. Ein Weddinger Denkmal mit Brüchen also: mehrfach beschädigt, verschoben, politisch aufgeladen – und trotzdem wieder da, wenn auch leider ganz ohne Wasser.
Auch die Ringerplastik an der Catcherwiese hat eine kleine Wanderbiografie. Sie stand ursprünglich im Schillerpark und wurde 1941 in die Rehberge umgesetzt. Seitdem ringen die beiden dort weiter, als hätten sie nur kurz den Park gewechselt. Die Catcherwiese selbst gehört zu den Orten, an denen man sofort versteht, warum die Rehberge so beliebt sind: viel Platz, viel Himmel, genug Abstand zur nächsten Hauswand.



Im Winter können die Rehberge übrigens auch Rodelpark sein. Die Rodelbahn nutzt den Höhenunterschied des Geländes, und plötzlich wird aus dem Sommer-Auslauf ein Ort für Schlitten, nasse Handschuhe und übermotivierte Erwachsene. Das ist vielleicht die größte Stärke dieses Parks: Er kann viele Jahreszeiten, ohne jedes Mal neu erfunden werden zu müssen.

Natürlich sind die Rehberge nicht überall perfekt. Manche Wege wirken abgelegen, manche Ecken etwas rau, und wer gepflegte Blumenrabatten sucht, wird hier nicht fündig. Insgesamt gehören die Rehberge zu den am wenigstens überlaufenen Freiflächen in der Innenstadt. Seit Jahren versucht außerdem eine bunt zusammengesetzte Initiative, das leerstehende Parkcafé wieder zu beleben. Im Moment sieht es so aus, als ob das bald gelingt. Genau dieses Potenzial macht die Rehberge für viele so attraktiv. Man muss hier nicht ständig etwas konsumieren oder erklären. Man kann einfach gehen. Oder bleiben.

Große Wiesen, alte Bäume, Sportflächen, Waldwege, Seen, Wildgehege, Freiluftkino, Rodelbahn, Geschichte und der Plötzensee gleich nebenan: Der Volkspark Rehberge ist der Park für alle, denen der kleine Spaziergang nicht reicht. Kein Park für fünf Minuten. Eher einer für den halben Tag. Und manchmal für das Gefühl, dass der Wedding doch mehr Platz hat, als man auf der Müllerstraße vermuten würde.

