///

Müll Museum Soldiner Kiez:
Zwei Pfade über den Müllberg

Ein ungewöhnliches Museum an einem ungewöhnlichen Ort.

Dassel (Bezirksbürgermeister) und Reich (vom Müll Museum)
Bezirks­bür­ger­meis­ter Ste­phan von Das­sel und Lena Reich vom Müll Muse­um Sol­di­ner Kiez. Foto And­rei Schnell

Müll als Abfall auf Geh­we­gen und Sperr­müll am Stra­ßen­rand ist ein prak­ti­sches Pro­blem. Gleich­zei­tig zeigt sich im Müll wie bei allem, was Men­schen tun und las­sen, ein Pro­blem auf der Bedeu­tungs­ebe­ne. Des­halb nähert sich Lena Reich vom Müll Muse­um Sol­di­ner Kiez der Dis­kus­si­on um Müll mit künst­le­ri­schen Mit­teln. Sie sagt dop­pel­deu­tig, sie „wol­le dem Müll ein Zuhau­se geben“. Dage­gen blickt Bezirks­bür­ger­meis­ter Ste­phan von Das­sel nicht von der Meta­ebe­ne her­ab, son­dern küm­mert sich kon­kret. So über­legt er schon mal, ob er den Müll abho­len lässt oder bewusst lie­gen lässt. Die bei­den haben sich vor dem ers­ten Geburts­tag des Müll Muse­ums getrof­fen, um über ihre Sich­ten und ihre Sor­gen mit dem Müll mit­ein­an­der zu spre­chen. Hier Aus­schnit­te des Gesprächs:

Belohnung für sachdienliche Hinweise

Silvestermüll
Ein­fach mal ste­hen las­sen und sach­dien­li­che Hin­wei­se. Foto Weddingweiser

Ste­phan von Das­sel: Wir im Bezirks­amt haben an eini­gen Stel­len pro­be­wei­se ent­schie­den, den Müll mit Absicht nicht abho­len zu las­sen. Wir wol­len bei den Bewoh­nern und Bewoh­ne­rin­nen ein Bewusst­sein dafür schaf­fen, dass sie uns auch hel­fen müs­sen. Wir sagen dann, schau­en Sie, so sieht es nach vier Wochen aus, wenn Sie uns nicht hel­fen und uns infor­mie­ren, wer das hin­ge­stellt hat. Wir über­le­gen sogar – mal sehen, was für einen Auf­schrei das gibt – Beloh­nun­gen aus­zu­set­zen für sach­dien­li­che Hin­wei­se. Man­che sagen, das ist Denun­zia­ti­on. Aber einen alten Kühl­schrank raus zu stel­len, das ist kein Kava­liers­de­likt. Das ist zum Teil auch ein Umwelt­ver­bre­chen, eine Straftat.

Müll und Rassismus

Lena Reich: Die Dis­kus­si­on, so wie sie bei uns geführt wird, befeu­ert die sozia­le Spal­tung, weil sie auf der Ebe­ne des von­ein­an­der Abgren­zens funk­tio­niert. Von wegen die Ande­ren sind schuld. Die Urwed­din­ger sagen, das sind die Tür­ken, und die Tür­ken sagen, das sind die Ara­ber, und die Ara­ber sagen, das sind die Bul­ga­ren, und die Bul­ga­ren sagen, das sind die Rumä­nen. Es ist immer der Ande­re, der in der Spra­che sehr fremd daher­kommt. Anders­ar­tig. Das ist eine Art des Redens, wo der Müll sel­ber als Sprach­müll auf­tritt. Und dass ist das eine sehr ras­sis­ti­sche, sehr abgren­zen­de Sprache.

von Das­sel: Haben Sie jetzt Sprach­müll gesagt?

Dassel und Reich
Lena Reich und Ste­phan von Dass­sel mit der Ein­la­dung zur Geburts­tags­fei­er des Müll Muse­ums. Foto And­rei Schnell

Reich: Ja.

von Das­sel: Ich muss sagen, das ist ein sehr gro­ßer Bogen.

Reich: Aber ein wich­ti­ger. Wenn es heißt, die Ande­ren, die sind Ver­ur­sa­cher des Mülls, die sind dre­ckig, die kön­nen nicht rich­tig trennen.

von Das­sel: Wenn ich mal eine Erfah­rung bei­steu­ern darf. Wir hat­ten lan­ge das Pro­blem, mit dem Gril­len im Tier­gar­ten. Gegrillt wur­de in der Regel von migran­ti­schen Grup­pen und Fami­li­en. Da hieß es immer, dass so aus­sieht, wie es aus­sieht, hat eben auch etwas mit dem kul­tu­rel­len Hin­ter­grund zu tun. Und das ist aus mei­ner Sicht falsch. Denn wir haben am Spree­ufer­weg genau­so viel Müll gefun­den, ver­ur­sacht durch Mit­glie­der eines ganz ande­ren Milieus. Nur mit dem Unter­schied, dass statt Ayran­ver­pa­ckun­gen Sekt­fla­schen weg­ge­wor­fen wurden.

Reich: Man­che Men­schen leben auf Park­bän­ken, auch im Sol­di­ner Kiez. Ich ken­ne vie­le, die aus dem Aus­land kom­men, die im Abriss unter­wegs sind, auf Bau­stel­len – und im Auto woh­nen. Sie sind EU-Bür­ger und genie­ßen ihr Recht auf Frei­zü­gig­keit. Aber sie sind in die­sem Sin­ne in unse­rer Gesell­schaft nicht aner­kannt. Weil sie Roma sind, weil sie woh­nungs­los oder im Auto sind, weil sie sich anders ver­hal­ten als es die preu­ßi­sche Erzie­hung ver­langt hat. Zu denen gesellt sich merk­wür­di­ger­wei­se immer wie­der Müll, den jedoch nicht die Roma dahin­stel­len. Das habe ich mehr­mals selbst gesehen.

Sperrmülltage – zweimal im Jahr?

Mitarbeiter der Stadtreinigung reinigen eine Grünfläche. Foto: BSR
Zwei Sperr­müll­ta­ge pro Jahr? Foto: BSR

Reich: Die Sperr­müll­ta­ge sind in unse­rem Kiez bei den Leu­ten unglaub­lich gut ange­kom­men. Das war eine total gute Akti­on, weil man gese­hen hat, dass alle mit­ma­chen und es war ganz wich­tig mal mit den Müll­män­nern ins Gespräch zu kommen.

von Das­sel: Ich fin­de auch, dass die 2019 an eini­gen Ecken orga­ni­sier­ten Sperr­müll­ta­ge, super sinn­voll ein­ge­setz­tes Geld sind. Wir haben fest­ge­stellt, dass danach die Stra­ßen nicht so schnell wie­der ver­müllt waren, weil die Men­schen etwas los­ge­wor­den sind. Wir kön­nen es uns natür­lich nicht leis­ten, dass das alle sechs Wochen pas­siert. Der gewoll­te Neben­ef­fekt der Sperr­müll­ta­ge in bestimm­ten Kiezen war, dass wir mit der BSR und der Lan­des­po­li­tik ins Gespräch kom­men. Wir müs­sen mit der Ent­sor­gung von Sperr­müll anders umge­hen als bis­her. Denn immer weni­ger Men­schen besit­zen ein Auto und gewis­se Din­ge sind ein­fach sper­rig. Ich glau­be, wenn die BSR einen Kalen­der her­aus­ge­ben wür­de, auf dem steht, zwei­mal im Jahr ist Sperr­müll­tag, dass eine sol­che Orga­ni­sa­ti­on güns­ti­ger und preis­wer­ter wäre, als das, wie das jetzt orga­ni­siert ist. Näm­lich, die BSR kommt, holt das gemel­de­te Sofa von der Stra­ße und drei Stun­den spä­ter steht dort ein Stuhl, der dann erneut von der BSR abge­holt wer­den muss.

Fra­ge: Ist die Aus­wei­tung der Sperr­müll­ta­ge bloß ein Wunsch?

von Das­sel: Nein, da ist die Dis­kus­si­on schon ziem­lich kon­kret. Vie­le Betei­lig­te in Poli­tik und Ver­wal­tung wol­len fes­te Sperrmülltage.

Über Dreck und Mieten

Pla­kat gegen Gen­tri­fi­zie­rung. Foto Hensel

Reich: Was mir Sor­gen macht: Es gibt weni­ger Müll und gleich­zei­tig eine inten­si­ve­re Dis­kus­si­on. Da kann man fra­gen, war­um wird aus­ge­rech­net jetzt so hef­tig debat­tiert? Zu einem Zeit­punkt, an dem die Mie­ten stei­gen. Wer bleibt übrig, wenn alles sau­ber und schön ist? Wenn es so sau­ber ist wie in Mit­te-Mit­te. Dann kön­nen sich die Leu­te die Mie­ten nicht mehr leis­ten. Stel­len Sie sich den Sol­di­ner Kiez mal total sau­ber vor!

von Das­sel: Ich weh­re mich immer dage­gen zu sagen, es muss ein biss­chen abge­rockt aus­se­hen, weil sonst die Mie­ten stei­gen. Natür­lich ist das Ziel von Poli­tik, die Situa­ti­on bes­ser zu machen. Des­we­gen ist Auf­wer­tung für mich über­haupt kein nega­ti­ver Begriff. Wir wol­len es bes­ser machen! Wir wol­len die Bil­dungs­ab­schlüs­se der Kin­der bes­ser machen, wir wol­len die Grün­an­la­gen bes­ser machen, wir wol­len die Ser­vice­qua­li­tät unse­rer Ver­wal­tung bes­ser machen, wir wol­len die öffent­li­che Ord­nung bes­ser machen. Es wider­spricht mei­ner Auf­fas­sung von sozia­ler Gerech­tig­keit, damit die Mie­ten nicht stei­gen, wird kein Spiel­platz gebaut.

Reich: Das wäre nicht die Kon­se­quenz. Das eine wür­de ja nicht das ande­re bedin­gen. Die Fra­ge ist, wie kön­nen wir es schaf­fen – gemein­sam! – dass die Leu­te blei­ben und der Kiez in sei­ner Auf­ent­halts­qua­li­tät auf­ge­wer­tet wird.

von Das­sel: Das Instru­ment ist dann jedoch nicht, es nicht attrak­ti­ver zu machen. Das Instru­ment ist dann die Ent­wick­lung einer Miet­preis­brem­se. Mie­ten­de­ckel. Milieu­schutz­ge­biet, Mieterberatung.

Reich: Die Leu­te beschäf­tigt ganz stark das The­ma Müll. Im Müll Muse­um reden wir mit den Men­schen über Müll. Da heißt es, der Haus­meis­ter ist weg, das Faci­li­ty Manage­ment kommt nur alle drei Wochen vor­bei. Es gibt hier Häu­ser, die sind vol­ler Kakerlaken.

von Das­sel: Wobei: wir haben für öffent­li­che Gebäu­de Haus­meis­ter und Hel­fer neu eingestellt.

Das Gespräch fand am 24. Febru­ar statt. Die Auf­zeich­nung des Gesprächs haben wir mit herz­li­chem Dank über­nom­men vom Quar­tiers­ma­nage­ment Sol­di­ner Quar­tier.

Muse­ums­web­site, Müll Muse­um, Prin­zen­al­lee 39„ 13359 Ber­lin. Work­shops im MüMu fin­den in der Regel frei­tags von 10 bis 18 Uhr, sowie nach Ver­ein­ba­rung statt.

Autorenfoto Andrei SchnellAnd­rei Schnell fin­det es span­nend, dass man Müll so und so betrach­ten kann.

Andrei Schnell

Man hat mir versichert, es gäbe keine Vorschrift zu gendern und ich sei in dieser Frage frei, nicht wahr? Mein Hintergrund ist ostdeutsch, das beruht auf Erlebnissen. Politik sehe ich mir an wie den Sport. Wenn ich ein Buch lese, möchte ich es gleich besprechen. Ich mag Geschichten und Geschichte. Mister Gum möchte ich noch erwähnen.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.