Ma Towu: Die Geschichte jüdischen Lebens im Wedding, 1900-1938

Jüdisches Krankenhaus – Verwaltungsgebäude

Viele Wege führen in den Wedding. Einer geht über die Putlitzbrücke am Westhafen, wo das expressive Mahnmal des Künstlers Volkmar Haase an die mehr als 32.000 jüdischen Bürger erinnert, die von hier ab 1942 deportiert wurden. Zehn Jahre zuvor wohnten rund 3.500 Juden im Wedding. Wo fand jüdisches Leben im Wedding von 1900 bis 1938 statt? Folgen sie mit mir den Spuren jüdischen Lebens durch den Wedding und Gesundbrunnen.

Das zarte Pflänzchen jüdischen Lebens

Unbekannt ist, wann sich die ersten jüdischen Bürger im Wedding niederließen. Fakt ist, im Wedding gab es jüdisches Leben. Laut der statistischen Angabe von 1906 bis 1907 lag der Anteil jüdischer Bürger im Wedding bei unter einem Prozent. Im Vergleich dazu waren 12 Prozent der Bürger in der Altstadt (Berlin, Cölln, Friedrichswerder, Dorotheenstadt) Juden.

Im Februar 1907 berichtete die Allgemeine Zeitung des Judenthums davon, dass die Bewohner des Nordwestens (Wedding, Moabit, Hansaviertel und Alt-Charlottenburg) den Wunsch nach einer eigenen Synagoge hätten. Der Gemeindevorstand solle bereits ein Grundstück erwerben. Jedoch war zu diesem Zeitpunkt ein weiterer Synagogen-Neubau nicht möglich, so das Antwortschreiben des Gemeindevorstands. Gleichzeitig bestätigte der Vorstand das Bedürfnis des Nordwestens nach einer Synagoge.

Jüdisches Altersheim und der Religionsverein Ahawas Achim

Gebäude jüdischen Lebens: Jüdisches Krankenhaus
Ehemaliges Jüdisches Altersheim, Iranische Str. ehemals Exerzierstraße

Zwei Institutionen setzten um 1900 wichtige Impulse für das spätere jüdische Leben im Wedding: das Altersheim an der Exerzierstraße (heute Iranische Straße) und der Verein Ahawas Achim (Ahavas Achim) auf dem Gesundbrunnen.

Die ersten Planungen für das Altersheim begannen im April 1899. In der Beilage zur Allgemeinen Zeitung des Judenthums vom 28. April 1899 wird berichtet, dass die Altenversorgung eine immer dringlichere Aufgabe darstelle. Die beiden Häuser für jüdische Menschen in der Schönhauser Allee und Großen Hamburger Straße seien überlastet. Daher muss ein weiteres Gebäude entstehen. Jedoch fehle der Gemeinde das Geld, um Bauland zu erwerben.

Zur großen Überraschung der jüdischen Gemeinde stimmte die Stadtverordnetenversammlung am 4. Mai 1899 dem Beschluss des Magistrats zu, ihr ein 6.419 m² umfassendes Grundstück im Wedding an der Exerzierstraße unentgeltlich zu überlassen. Somit konnte der Neubau geplant und 1899 bis 1902 errichtet werden. Am 21. September 1902 weihte die Gemeinde den Neubau in der festlich geschmückten Synagoge ein, so die Allgemeine Zeitung des Judenthums in ihrer Ausgabe vom 26. September 1902. Die Feierlichkeit eröffnete der Chor mit „Wie schön sind deine Zelte, Jakob“ (Ma Towu).

Das dreigeschossige Gebäude zeigt eine rote Backsteinfassade, einen betonten Mittelbau im neogotischen Stil mit einem großen durchbrochenen Fenster im Zentrum. Und für die 35 Bewohner gab es im zweiten Obergeschoss eine „einfache aber würdig ausgestattete Synagoge“. Am Gebäude erfolgte eine Erweiterung um zwei Flügelanbauten, die am 15. April 1907 feierlich eingeweiht wurde. Insgesamt beherbergte das Heim 1908 circa 60 Personen, während es 1910 bereits gut 100 Personen waren.

Der Religionsverein Verein Ahawas Achim (Ahavas Achim), gegründet 1889, taucht in der zeitgenössischen Berliner Tagespresse um 1900 auf. Die Allgemeine Zeitung des Judenthums berichtete am 5. März 1900, dass der Vorstand in kurzer Zeit auf dem Gesundbrunnen ein „kleines würdiges Bethaus“ ausgestattet hat. Ferner plane der Verein eine Religionsschule. Eine kleine Erfolgsgeschichte jüdischen Lebens im Norden Berlins nahm ihren Lauf, denn bereits am 27. August 1900 berichtete die Zeitung erneut von der positiven Entwicklung des Religionsvereins Ahawas Achim: „Der Gottesdienst, der anfänglich nur an Sabbathen und Festtagen stattfand, hat sich zu einem alltäglichen erweitert“. Und das Bethaus soll durch ein größeres getauscht werden. Es befinde sich in der Prinzenallee. Darüber hinaus findet seit Juni Religionsunterricht in der Gemeindeschule in der Prinzenallee statt. Am 20. Oktober 1900 wurde das neue Bethaus mit dem hereinbringen der Torarollen und dem entzünden des ewigen Lichts eingeweiht.

Zehn Jahre später weihte der Verein Ahawas Achim in der Prinzenallee 87 eine neue Synagoge ein. In der Allgemeinen Zeitung des Judenthums vom 16. Dezember 1910 heißt es über den Neubau: „Das neue Gotteshaus, im maurischen Stil gehalten und von eigenartigem architektonischen Reiz (…) macht einen ungemein gefälligen Eindruck. Auf dunkelbraunem Gestühl finden hier 175 Personen, auf den drei Frauenemporen in Stockwerkshöhe ebensoviele Damen Platz“. Nach der Beschreibung des Einweihungsakts heißt es abschließend: „In der Reihe der Privatsynagogen bildet dieses neue Gotteshaus zweifellos eine der Schönsten“. Bis in die späten 1930er Jahre fanden regelmäßig Veranstaltungen statt. Im Sommer 1935 wurden Renovierungsarbeiten ausgeführt, die im August abgeschlossen waren. Und im straßenseitigen Wohnhaus Prinzenallee 87 wohnten 1931 u.a. Adolf Wolff, Cecilie Ullrath und Else Rosenbaum, so die Angaben aus dem Jüdischen Adressbuch.

Jüdisches Krankenhaus mit eigenem Betsaal

Jüdisches Krankenhaus an der Exerzierstraße, 1915

Ein besonderes Ereignis für die Jüdische Gemeinde war die Eröffnung des neuen Krankenhauses am 22. Juni 1914 an der Exerzierstraße (heute Iranische Straße). Erste Planungen dazu begannen 1903, als der Grundstückserwerb ins Auge gefasst wurde. Auf dem Areal stand die Laubenkolonie Nordkap, die 1906/07 geräumt wurde.

Am 5. November 1911 wurde der Grundstein für das neue Jüdische Krankenhaus gelegt und bereits im Juli 1912 stand der Rohbau. Es sollten weitere zwei Jahre vergehen, bis die Gebäude und das Gelände seiner Bestimmung übergeben werden konnten. Davon berichtete die Allgemeine Zeitung des Judentums in ihrer Ausgabe vom 26. Juni 1914. Nach den Plänen der Architekten Reimer & Körte entstanden auf dem knapp 40 Hektar Areal sieben Gebäude.

Jüdisches Krankenhaus, Gesamtareal

Es dominiert eine symmetrische Gartenanlage zwischen den großen Hauptgebäuden, während an den Nebengebäuden eine verschlungene Wegführung überwiegt. Der Hauptzugang erfolgt an der Exerzierstraße. Es gab zwei weitere Zugänge: einer am Schwesternheim und einen an der Schulstraße. Von der Straße aus war das Krankenhaus 1914 durchaus beeindruckend, denn der betonte Mittelbau des Verwaltungsbaus mitsamt Uhrturm und die anschließenden Seitenflügel mit Walmdach schirmen breitgelagert das dahinterliegende Ensemble von der Straße ab.

Im Hauptgebäude wurden Männer und Frauen getrennt untergebracht. Im Mittelbau gab es Anwendungsräume für beide Geschlechter. Und im straßenseitigen Verwaltungsgebäude wurden auch arme Menschen anderer Konfessionen behandelt. Dafür waren 15 Räume sowie Nebenräume eingerichtet.

Jüdisches Krankenhaus, Verwaltungsgebäude Grundriss mit Betsaal

Einen wichtigen Hinweis auf einen Betsaal im Jüdischen Krankenhaus findet sich in der Beilage der Allgemeinen Zeitung des Judentums vom 24. Juli 1914. Demnach gab es im Seitenflügel des Verwaltungsgebäudes im Erdgeschoss einen einfachen Betsaal. Über die konkrete Nutzung kann wenig berichtet werden. Im Grundriss ist der Betsaal links eingezeichnet. Demnach war eine kleine Empore von der Gartenseite aus zugänglich. Im Betsaal, circa 6 m breit und knapp 12 m lang, gab es vier Reihen im vorderen und zwei Reihen im hinteren Bereich. Eine Außenaufnahme von Herbert Sonnenfeld von 1935, im Besitz des Jüdischen Museums, zeigt die Fenster der Längsseite und den Davidstern.

Jüdische Normalität und die „Madonna vom Wedding“

Alle drei Einrichtungen trugen ihren Teil dazu bei, dass jüdisches Leben im Wedding ab 1900 bzw. 1914 durchaus einen neuen Weg einschlug. Laut dem Jüdischen Adressbuch Groß-Berlin von 1931 wohnten alleine in der kurzen Malplaquetstraße sechs, in der Turiner Straße sieben, in der Amsterdamer Straße acht und in der Liebenwalder Straße elf jüdische Menschen. Es gab auch kleine jüdische Geschäfte wie die koschere Schlächterei Felix Luxenburg in der Lüderitzstraße. Und das Kaufhaus R. & S. Moses hatte über Jahrzehnte eine Filiale am Weddingplatz (Reinickendorfer Straße Ecke Schönwalder Straße). Ein Arbeitszeugnis von 1910 im Archiv des Jüdischen Museums gibt als Absender das Kaufhaus Bernhard Cohn & Cie. in der Müllerstraße 153 an.

Im Jahr 1931 berichtete Hans Rosenkranz für die Juedische Rundschau, dass die Künstlerin Hilde B. Rubinstein (1904-1997) seit kurzem auf dem Wedding wohnt. Rosenkranz kannte ihre Bilder aus Paris, wo sie 1925/26 lebte. Zuvor hatte die junge Künstlerin u.a. 1922/23 am Bauhaus in Weimar studiert. In den späten 1920er Jahren widmete sie sich sowohl der Kunst als auch dem Schreiben. 1929 trat sie der KPD in Berlin bei, was Ende 1933 zur Verhaftung führte. Für Rubinstein begann eine ungewisse Zeit. Über die Zeit im Wedding ist bislang wenig bekannt. Rosenkranz berichtete, dass ein Bild von ihr sie mit ihrem Kind zeige, was jemand als „Madonna vom Wedding“ bezeichnete.

Selbstportrait Hilde B. Rubinstein, Cover des Magazins Jugend 1929
(Nachlass befindet sich in der Akademie der Künste)

Im Jahr 1921 gründete sich der Jüdische Frauenverein Wedding-Gesundbrunnen, der 1928 bereits 170 Mitglieder hatte, so die Angabe im Jüdischen Jahrbuch von 1928. Der Verein organisiert 1929 u.a. ein Vortrag von Rudi Nobel zum Thema „Zionistische Idee und Palästina-Aufbau“. Daneben gab es im Wedding viele Veranstaltungen und Hebräisch-Sprachkurse. Am 24. Februar 1935 fand im Stadtbad Wedding in der Gerichtstraße die erste internationale jüdische Schwimmsportveranstaltung in Deutschland – „Das große Makkabi-Schwimmfest“ – statt, an dem die Besten des jüdischen Schwimmsports teilnahmen. 

Im Wedding verweben sich biografische Neuanfänge, bauliche Ergänzungen und viel Idealismus zu einem besonderen Muster jüdischer Gemeinschaft in einem der ärmsten Stadtteile des aufstrebenden Berlins. Mit diesem Text wurden nur ganz wenige kleine Steine zur jüdischen Geschichte im Wedding umgedreht. Es bleibt vieles im Verborgenen, was es gilt sichtbar zu machen.

Zum Autor: Carsten Schmidt (Dr. phil.), promovierte am Friedrich-Meinecke-Institut der FU Berlin. Sein Interessensschwerpunkt für Stadtgeschichte verfolgt einen interdisziplinären Ansatz zwischen Gesellschaft- und Architekturgeschichte. Er ist Autor des Buchs: Manhattan Modern, Architektur als Gesellschaftsauftrag und Aushandlungsprozess, 1929-1969, und freut sich über Anregungen und Kritik.


3 Kommentare
  1. Herzlichen Dank Carsten Schmidt für diesen interessanten Einblick in die Weddinger Geschichte. Gibt es auch zeitgenössische Fotos von der Synagoge im Wedding?
    Einen schönen Tag von Susanne Haun

    1. Liebe Susanne Haun, vielen Dank für Dein Interesse an dem Thema. Die Synagoge in der Prinzenallee wurde 1938 im Inneren stark zerstört. Nach 1945 nutzten die Zeugen Jehovas das Gebäude. Die Bewohner des Jüdischen Altersheim wurden bis September 1942 deportiert. Über die weitere Verwendung des Gebäudes ist wenig bekannt. Das Jüdische Altersheim stand zuletzt viele Jahre leer. Einige erhaltene rituelle Gegenstände befinden sich seit 1981 in der Leo-Baeck-Synagoge in der Herbartstraße 26. Aufgrund der aktuellen Zugangsbeschränkungen konnte der Zustand des Betsaals des Jüdischen Krankenhauses nicht näher eruiert werden. Bleiben Sie gesund, Ihr Carsten Schmidt

      1. Das ist sehr interessant, auch Ihre Herangehensweise des historischen Forschens. Ich bin im Wedding geboren und merke, wie wenig ich vom jüdischen Leben im Wedding kenne.
        Bleiben Sie ebenso gesund, viele Grüße Susanne Haun

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