Kommentar: Alle Dämme gebrochen am Plötzensee

21
Wildes am Plötzensee - Foto: Andrei Schnell
Wil­des Baden am Plöt­zen­see – Foto: And­rei Schnell

Es geht um die Men­schen, die den Plöt­zen­see nut­zen – falsch nut­zen. Es geht dar­um, dass am Plöt­zen­see alle Däm­me der Zurück­hal­tung gebro­chen sind. So darf es nicht wei­ter­ge­hen. Mög­lich, dass eini­ge Leser des Wed­ding­wei­sers jetzt die Stirn run­zeln und fra­gen: Wo bit­te, ist über­haupt das Pro­blem? Ihnen sei gesagt: Ja, es besteht eins. Das über­mä­ßi­ge Wildbaden.

Ist das cool?
Wer kurz inne­hält und mal ein­fach schaut, was er am Plöt­zen­see sieht, der erblickt fol­gen­des: Als ob es sich um den Mau­er­park han­deln wür­de, springt man über den Zaun, der den See vom Weg trennt. Obwohl Baden aus­drück­lich nur im Frei­bad erlaubt ist. Nie­man­den schert es mehr. Schlüpf­ten vor weni­gen Jah­ren aus­schließ­lich die Nackt­ba­der am Nord­ufer durch eine Zaun­lü­cke, so wird nun bei 30 Grad das kom­plet­te Ufer als Ein­stieg benutzt. Geht es so wei­ter, dient bald der Steg der Boots­aus­lei­he als Sprung­turm. Müll bleibt lie­gen. Wer glaubt, gut erzo­gen zu sein, hängt den Müll in Tüten an den Zaun und ver­gisst sich zu fra­gen, wer ihn dort abho­len soll. Sogar Fahr­rä­der wer­den über den Zaun geho­ben. Ufer­schutz? Die­be gel­ten wohl als gefähr­li­cher! Ein Schild weist einen Kin­der­spiel­platz aus. Käme jedoch eines vor­bei, wäre kein Platz, weil alles mit Hand­tuch­par­zel­len besetzt ist. Trotz Wald­brand­warn­stu­fe wird lus­tig ein offe­nes Feu­er angezündet.

Räder in der Uferböschung, Zaun ist kein Hindernis - Foto: Andrei Schnell
Wo Ufer­bö­schung sein soll­te, par­ken Räder – Foto: And­rei Schnell

Nie­mand der sich fragt: Ist das noch cool? Oder ein­fach nur jugendlich?

Das Pro­blem bei all dem? Es sind ein­fach zu vie­le Leu­te, die sich über alle Regeln hin­weg­set­zen. Zu vie­le, die das Land­schafts­schutz­ge­biet Plöt­zen­see mit der Bra­che Mau­er­park ver­wech­seln, der all­ge­mein für exter­ri­to­ria­les Gelän­de gehal­ten wird.

Nein, das ist nicht cool!
Men­schen sind kei­ne Com­pu­ter, die aus­schließ­lich rich­tig und falsch ken­nen. Und so kann auch nie­mand etwas dage­gen haben, wenn mal einer schnell in den See springt. Aller­dings ist es ein­deu­tig falsch, wenn täg­lich hun­der­te den Zaun igno­rie­ren und durch Ein- und Aus­stieg aus dem Was­ser das Ufer abtra­gen. Ehe­ma­li­ge Ufer­buh­nen befin­den sich bereits ein bis zwei Meter im See. Natür­lich wach­sen auch kei­ne Ufer­pflan­zen mehr – die wären ja auch eklig an den Beinen.

Wer räumt den Müll der Bader weg? - Foto: Andrei Schnell
Wer räumt den Müll der Bader weg? Nicht alle tra­gen den Müll immer­hin bis hier her – Foto: And­rei Schnell

Vie­le Ber­li­ner sind immer auf der Suche nach Orten, die ange­sagt sind. Der Plöt­zen­see ist offen­bar ange­sagt, mitt­ler­wei­le ver­wei­sen auch Rei­se­füh­rer als Geheim­tipp auf ihn. Das Lebens­ge­fühl, in Ber­lin dür­fe man ein­fach über einen Zaun sprin­gen, wenn einem danach ist, sei das Beson­de­re an Ber­lin. Glau­ben vie­le. Aber das Beson­de­re an Ber­lin sind nicht die Nihi­lis­ten, son­dern dass es in die­ser Stadt uner­hört vie­le Leu­te gibt, die auch ohne Kon­trol­len im Limit bleiben.

Oft zu hören ist auch das Argu­ment: Ja, wenn die Bäder­be­trie­be nicht 5,50 Euro pro Tag abkas­sie­ren wür­den, müss­te man auch nicht wild baden und dabei das Ufer beschä­di­gen. Dabei ist offen­sicht­lich, dass die­ses Argu­ment so halt­los ist, wie die Annah­me, wegen der gestie­ge­nen Taxi­prei­se dür­fe man des Nach­bars Fahr­rad gegen den Baum fahren.

Ande­re sagen, es gibt eben zu wenig Bade­stel­len in Ber­lin. Da müss­ten die mal Spree und Co sau­ber machen. Im Moment gibts ja nur den Plöt­zen­see. Das stimmt. Wün­schens­wert wären mehr Strän­de in der Was­ser­stadt Ber­lin. Aber es stimmt auch: Die UNO garan­tiert in ihrem weit­ge­fass­ten Men­schen­rechts­ka­ta­log das Recht auf Trink­was­ser, nicht aber das Recht auf Badewasser.

Landschaftsschutzgebiet braucht echte Berliner. - Foto: Andrei Schnell
Land­schafts­schutz­ge­biet braucht ech­te Ber­li­ner – Foto: And­rei Schnell

So geht es nicht weiter
Es führt kein Weg dar­an vor­bei. Der Plöt­zen­see liegt in einem Land­schafts­schutz­ge­biet. Ja, Land­schafts­schutz­ge­bie­te sind nach §26 des Bun­des­na­tur­schutz­ge­set­zes auch und unter ande­rem Gebie­te, die ein­fach nur eine „beson­de­re Bedeu­tung für die Erho­lung“ haben. Damit der Plöt­zen­see die­se Auf­ga­be in Zukunft wei­ter erfül­len kann,  darf es so nicht weitergehen.

Text und Fotos: And­rei Schnell

Andrei Schnell

Man hat mir versichert, es gäbe keine Vorschrift zu gendern und ich sei in dieser Frage frei, nicht wahr? Mein Hintergrund ist ostdeutsch, das beruht auf Erlebnissen. Politik sehe ich mir an wie den Sport. Wenn ich ein Buch lese, möchte ich es gleich besprechen. Ich mag Geschichten und Geschichte. Mister Gum möchte ich noch erwähnen.

21 Comments

  1. Es ist und bleibt ego­is­ti­sches aso­zia­les Pack – auch nach dem X‑ten Bericht über die dor­ti­gen Zustän­de! Dem könn­te man nur durch erhöh­ten Ver­fol­gungs­druck und Aus­spre­chen wirk­li­cher Stra­fen, die zumin­dest im Geld­beu­tel weh­tun, beikommen.
    Lei­der fehlt hier in Ber­lin unter die­ser ver­si­ff­ten links-alter­na­ti­ven Regie­rung der poli­ti­sche Wil­le, der­ar­ti­ge Zustän­de zu ändern!

  2. An alle, die den­ken dass es nur um den Müll geht, es geht dar­um ein Stück Natur mit ihren Lebe­we­sen zu erhal­ten. Ab Mit­te Juni ist der See doch kli­nisch tot und die weni­gen Tie­re sind null bis gar nicht geschützt. Mal abge­se­hen von der Vege­ta­ti­on um den See. Des­halb gibt es eigent­lich auch den Zaun. Aber Haupt­sa­che ich bin cool und gehö­re zur Sze­ne und danach aber ab in den bio­tem­pel und Veg­gie­bur­ger essen. Dop­pel­mo­ral wo es nur geht. Vie­len Dank auch.

  3. Die­ser Arti­kel ist ja mal sowas von schlecht! Natür­lich ist der Ein­tritt von 3,5€ für nach der Arbeit mal kurz Abküh­len ein Argu­ment und auch, dass vie­le erst 19 Uhr ankom­men, wenn das Frei­bad schon schließt. Wenn alle ihren Müll mit­neh­men, wäre das natür­lich viel schö­ner, aber was nützt ein Schutz­ge­biet, wenn man es nicht nut­zen kann. Sehr schlecht argu­men­tier­ter Artikel!

    • Ein Schutz­ge­biet ist dazu da, die vor­han­de­ne Natur zu schüt­zen, nicht dazu, dass Men­schen­mas­sen dort machen kön­nen, was sie wol­len. Es heißt schließ­lich Schutz­ge­biet und nicht Nutzgebiet. 

      Ein Schutz­ge­biet darf zwar zur Erho­lung genutzt wer­den; das schließt aber nur Spa­zie­ren­ge­hen, Jog­gen, evtl. Pick­ni­cken ein, nicht aber Wild­ba­den, Zer­tram­peln der Vege­ta­ti­on und Ufer­bö­schun­gen, Weg­wer­fen von Müll und (wenn auch unge­woll­tes und meist unbe­merk­tes) Ver­ja­gen der dort leben­den Tiere. 

      Der Mensch lebt nicht allein auf die­sem Pla­ne­ten. Auch nicht in der Stadt.

  4. Ich ver­mis­se dich alter Wedding.
    Damals als du noch dre­ckig und ohne Stu­den­ten aus­ge­kom­men bist.
    Damals als es an der Plöt­ze noch kei­nen Zaun gab.
    Damals als mei­ne Freund noch zu mir sag­ten “iiiiiiii du wohnst im Wedding”

    Ich ver­mis­se dich mein alter Wed­ding. R.I.P.

  5. Gera­de Ber­lin hat so vie­le Bade­stel­len wie kei­ne ande­re deut­sche Stadt.… Tege­ler See, Wann­see, Müg­gel­see, das gan­ze Umland. Aber das ist halt den meis­ten zu weit weg.
    Ich glau­be nicht, dass der Plöt­zen­see noch zu ret­ten ist, mit den neu­en Clubs in der Nach­bar­schaft wird ihn die Stam­pe­de dahinraffen.

  6. Müll ist sicher­lich unschön – wie auf allen Grün­flä­chen Ber­lins. Aber anders­her­um gibt es ja auch kaum Ange­bo­te an die Besu­cher, etwa grö­ße­re Müll­sam­mel­stel­len an den Park­aus­gän­gen wie anderswo.

    Aber WIld­ba­den?
    Wur­de doch hier auch schon ganz anders bewertet!
    https://weddingweiser.de/2015/06/04/lesermeinung-eine-begebenheit-am-plotzensee/
    Ist das Ufer wirk­lich so schüt­zens­wert, oder geht es viel­mehr dar­um, die Pfrün­de des pri­vat betrie­be­nen Frei­bads zu schützen

    War­um soll man den See, der zur Stadt gehört wie jeder ande­re öffent­li­che Grund einem pri­va­ten Inves­tor überlassen?
    Zumal die Beschäf­ti­gung eines zwei­fel­haf­ten Nazi?-Bademeisters noch ein wei­te­res unschö­nes Geschmäck­le hat und man viel­leicht allei­ne des­halb sein Geld nicht dort­hin tra­gen möchte.
    http://www.tagesspiegel.de/berlin/badeunfall-in-berlin-wedding-35-jaehriger-mit‑2–7‑promille-ertrunken-bademeister-schuldlos/10284130.html

    Und selbst wenn man damit kein Pro­blem hat, ist es viel­leicht ein­fach die besch…eidene Preis­ge­stal­tung. Die meis­ten Leu­te kön­nen erst abends nach der Arbeit und wol­len sich nur mal kurz erfrischen.
    Ein Frei­bad, das nur bis 19 Uhr offen hat – und selbst um 18:30 noch 3€ für ein mal kurz Ein­tau­chen nimmt, passt da ein­fach nicht. Für die Meis­ten ist unter der Woche 18:30 schon illusorisch.
    (ja, bei ‘gutem Wet­ter’ auch län­ger, aber wer schon mal bei augen­schein­lich gutem Wet­ter vor ver­schlos­se­nen Türen stand – denn ans Tele­fon geht kei­ner, der über­legt es sich beim nächs­ten Mal)

    Was macht man da? Den Som­mer über auf wochen­tags kurz erfri­schen ver­zich­ten? Ich mei­ne nicht…

    Es sind nicht immer die bösen Jugend­li­chen – es sind auch ganz ger­ne mal die beschei­de­nen äuße­ren Gege­ben­hei­ten, die zu sol­chen Ergeb­nis­sen führen…

  7. Es gab auch Zei­ten, in denen der Plöt­zen­see nicht ein­ge­zäunt war und eini­ge Leu­te immer wild geba­det haben. Seit ca. 5 bis 8 Jah­ren hat sich die Besuchs­kli­en­tel des Plöt­zen­sees und der Reh­ber­ge kom­plett geän­dert. Der See ist von einem Wed­din­ger See – plus ein paar Besu­chern von außer­halb – zu einem inner­städ­tisch lie­gen­den See gewor­den. Eben­so die Reh­ber­ge – als Park. Das ist ja zunächst nichts Schlim­mes. Aller­dings ist es nun mit der Beschau­lich­keit vor­bei. Eine neue Jugend erobert die Flä­che. Das fin­de ich auch manch­mal scha­de, manch­mal gefällt mir aber auch das neue Publi­kum im Wed­ding. Ich wün­sche mir aller­dings auch, dass alle Besu­cher ihren Müll wie­der mit­neh­men, nichts kaputt­ma­chen – und erken­nen, dass der See plus Park nicht einer Grup­pe allein gehört.

  8. Der Müll ist mir auch schon mehr­fach nega­tiv auf­ge­fal­len, aber das Baden? Ist Wild­ba­den ver­bo­ten? Mir wäre nicht bekannt, dass dort Schil­der auf ein Ver­bot hin­wei­sen wür­den. Falls ja, soll­te man viel­leicht ent­spre­chen­de Ver­bots­schil­der aufstellen.

    • Oh ja – die gesam­te Ufer­re­gi­on des Sees ist eine beson­ders schüt­zens­wer­te Zone –> des­halb auch der auf­wen­di­ge Zaun, der aber anschei­nend nur eine Her­aus­for­de­rung darstellt.

      I.Ü. ste­hen ent­spre­chen­de Hin­weis­schil­der – auch was das Gril­len angeht! 

      INTERESSIERT NUR KEINEN.

  9. Nein, dass ist NICHT das Pro­blem: “Es sind ein­fach zu vie­le Leu­te, die sich über alle Regeln hinwegsetzen.”

    Das Pro­blem sind die Ber­li­ner Behör­den, die – mitt­ler­wei­le unterbesetzt/kaputtgespart – ein­fach wegsehen.
    Kei­ner weni­gen der Ord­nungs­amts­mit­ar­bei­ter will sich dem Mob ent­ge­gen­stel­len. Der Trupp gril­len­der und/oder baden­der Jugend­li­cher wür­de unter Andro­hung von kör­per­li­cher Gewalt die Ord­nungs­hü­ter in die Flucht schla­gen und der Poli­zei ist eh alles lästig.
    I.ü. könn­ten dort auch, ala Gesund­brun­nen, ganz vie­le frei­lau­fen­de Hun­de abgeknallt,werden. Gele­gen­heit dazu gäbe es zuhauf…

    • darf ich das erwei­tern? Täg­lich sieht man, wie das Ord­nungs­amt “beque­me” Maß­nah­men ergreift, also z.B. Straf­zet­tel ver­teilt an Autos, die falsch rum­ste­hen und wo der Täter weit und breit nicht zu sehen ist. Wenn’s mal unbe­quem wer­den könn­te, dann sieht man die Damen und Her­ren in Blau-Weiß nie.

  10. So rich­tig ich den Appell fin­de, dass Men­schen auch mit die­sem Stück Ber­lin sorg­sam umge­hen mögen, fällt mir dazu doch auch gleich die Unfä­hig­keit des Lan­des Ber­lin ein, via Ber­li­ner Bäder­be­trie­be z.B. das Außen­be­cken am Post­sta­di­on neu zu bau­en und damit der stei­gen­den Nach­fra­ge nach Was­ser­nut­zung (Mit­te wächst) ein ver­nünf­ti­ges Ange­bot entgegenzustellen.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.