Unsere Autor:innen sind nicht nur im Wedding unterwegs – sie sind mittendrin im Alltag. Im Supermarkt, auf dem Spielplatz oder beim Schlendern durchs Viertel: Überall warten Geschichten, Geräusche, Begegnungen. Und manchmal schreiben uns sogar Leser:innen direkt. So entstehen sie – diese kleinen, echten Kiezmomente. Alles Wedding.
Frechdachse
Abends vor Denns Biomarkt in der Müllerstraße. Ich will mein Fahrrad vor dem Ladenschaufenster in der Seitenstraße abstellen. Zwei Jugendliche kommen auf mich zu: „Da dürfen Sie keine Fahrräder abstellen“, sagt der Kleinere wichtigtuerisch im Straßenslang. Der Ältere weist mit dem Arm ins Dunkle, wo an einem Laternenmast mehrere Fahrräder stehen. „Da hinten müssen Sie hin!“, will er mich dirigieren. Die beiden können das schon ganz gut nachmachen, das typisch berlinerische Rumkommandieren. „So so“, sag ich. „Ich bleib aber mal hier stehen.“ Der Kleine gibt noch nicht auf. Er hebt sein riesiges Handy vor seinen Mund: „Dann ruf ich jetzt die Polizei“, droht er und versucht, dabei so entschlossen zu klingen, wie ein 12-Jähriger klingen kann . Wo er das nur her hat? Lernen die Kinder das jetzt in der Schule, oder ist die Straße ihre Schule? Ich greife in meine Hosentasche und hole meinen Dienstausweis raus. Der ist grau und sieht sehr amtlich aus. In der Dunkelheit sollte es für einen Bluff reichen: „Ich bin von der Polizei“, brumme ich und hebe den Ausweis nur ein bisschen hoch. „Au Scheiße!“ Der Kleine hüpft ein Stück zurück und verschwindet blitzschnell in der Dunkelheit. Er grinst dabei diebisch. Wir sind quitt.
Rolf Fischer
Krähen-Update
Letztlich war ich in der Ostender Straße nahe der BHT unterwegs, dort, wo es etliche Haselnussbäume gibt, etliche von über 8000, die Berlin im Stadtgebiet hat. Dort liegen die üppigen Nussrispen auf den Gehwegen und manche sind so reif, dass sie aus den Hülsen fallen und sich rotbraun schimmernd anbieten.



Krähen im Laub am Zeppelinplatz – Fotos Renate Straetling
Auf einem Autodach macht sich mit kratzenden Krallen eine Krähe geräuschvoll breit. Je näher ich komme, desto mehr bemerke ich, dass sie wesentlich größer ist als die üblichen Vögel ihrer Art. Als ich auf derselben Höhe bin, erkenne ich, dass der Vogel etwas mit seiner rechten Kralle macht und bekomme einen Innehalt machenden Schrecken: was für gigantische Krallen! Liebe Leute, Schuhgröße 34-35, echt wahr! Die Krähe dreht und wendet eine eher kleine Haselnuss in ihrer tiefschwarzen Pratze und macht recht langsam mit diesen langen dicken Gliedern einen Klammergriff: Sie nimmt die Nuss während sie mich von der Seite starr in den Blick nimmt. Nein, ich bin keine Fressfeindin! Ich schleiche mit dem Schrecken im Bauch leise davon und sehe über die linke Schulter hinweg, wie sie die Nuss vom Dach auf das harte Kopfsteinpflaster schubst und in einem kurzen Sturzflug mit stramm angelegten Flügeln auf die Straße stürzt und sich das geknackte Nüsschen holt. Ein intelligentes Kern-Geschäft: ätschbäätsch!
Renate Straetling
Und jetzt seid ihr dran!
Ihr habt etwas gesehen oder erlebt, das in die Kiez-Momente gehört? Dann schickt uns eure Entdeckung – gern mit Foto – an:
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Und wenn ihr Lust auf mehr Wedding habt: Bleibt dran! Wir sammeln weiter für euch – kleine und große Geschichten aus dem Kiez.


Ach, Rolf, aber früher war es doch so, dass die Alten mit der Polizei drohten und die Kleenen mit Papi’s Dienstausweis.. .. ?! 😀