Unsere Autor:innen sind nicht nur im Wedding unterwegs – sie sind mittendrin im Alltag. Im Supermarkt, auf dem Spielplatz oder beim Schlendern durchs Viertel: Überall warten Geschichten, Geräusche, Begegnungen. Und manchmal schreiben uns sogar Leser:innen direkt. So entstehen sie – diese kleinen, echten Kiezmomente. Alles Wedding.

Gute Laune-Nudeln
Ich komme von der Arbeit und habe Glück: Vor dem angesagten „Mr. Noodle Chen“-Restaurant in der Triftstraße steht ausnahmsweise mal keine Schlange. Schon ein paar Mal hatte ich mit meiner Tochter versucht hier rein zu kommen, aber jedes Mal haben wir nach einer Viertelstunde in der Schlange enttäuscht aufgegeben. Es ging einfach nicht vorwärts und wir gingen ins DUKKI um die Ecke. Auch sehr lecker.
Heute steht nur ein junger Mann vor der Tür und ich frage ihn, ob er die Schlange ist. Er findet das nicht witzig, denn anscheinend wartet er schon eine Weile, während an uns vorbei Essenslieferanten mit ihren riesigen Thermo-Taschen ein und aus gehen. Irgendwann hat der Mann an der Kasse dann auch dem arabischen Grüppchen vor uns seine riesige Take-Away-Bestellung in die Hand gedrückt. Dann bin ich drin.
Alles ist hell und übersichtlich. Keine goldenen Drachen oder anderer China-Kitsch. Auch die Speisekarte ist sehr klar: Nudelsuppe mit oder ohne Fleisch. Nur bei den vielen Nudelsorten brauche ich Entscheidungshilfe vom Mann an der Kasse, der hier anscheinend für alles zuständig ist, und entscheide mich für die dreieckigen. Als ich mich setze sehe ich um mich rum fast nur junge Chinesen. Das Studentenwohnheim ist um die Ecke und das Restaurant ist wohl der Platz, an dem man sich abends trifft. Zu mir setzen sich ohne groß zu fragen drei junge Kerle, die sich fröhlich auf Chinesisch Zoten erzählen und ständig lachen. Sie stellen ihre riesigen Trinkflaschen auf den Tisch. Sein Getränk darf man hier wohl mitbringen. Durch sie lerne ich auch, wo man das Besteck findet: In einer Schublade unter dem Tisch. Wie früher bei uns zu Hause. Der größte und munterste von ihnen hat das kleinste und billigste Gericht bestellt. Aber ständig ruft er die Bedienung und sie bringt ihm mit ausdruckslosem Gesicht immer neue Schalen mit frisch gemachten Bandnudeln. „Are they for free?“, frage ich. „Yes, for free. Order some“, lädt er mich auf beiden Backen kauend ein. Ich lehne dankend ab. Die Suppe, die ich vor mir habe ist wirklich üppig. Aber die gute Laune der Burschen, die sich hier für kleines Geld satt essen können, ist ansteckend.
Rolf Fischer
Ton in Ton

Im kleinen DB-Reisezentrum am Bahnhof Gesundbrunnen ist zum Glück nur eine kleine Schlange, sodass ich mich nicht im zugigen Außenbereich anstellen muss. Vor mir warten lediglich drei Personen, von denen eine verhaltensauffällig ist und nicht warten will. Sie beschwert sich an einem der drei Schalter, wie man denn für eine Beratung soooo lange brauchen könne, und als sie dann endlich dran ist, möchte sie nicht von der Mitarbeiterin mit Kopftuch beraten werden. Statt dessen drängelt sie sich vor mich, als ich kurz nach ihr an der Reihe bin. Kopfschüttelnd wende ich mich an den Nachbarschalter, wo die von der Dame verschmähte junge Muslima sitzt, die – wie immer in diesem Reisezentrum – die besten Tipps und die preiswertesten Verbindungen für mich parat hält. Wir lächeln uns an, und nachdem ich mit ihrer Hilfe wirklich preiswerte Bahntickets geschossen habe, muss ich ihr eine Frage stellen: Ist das Kopftuch, das exakt in dem Lila-Farbton des DB-Halstuchs und der Weste ist, eigentlich Teil ihrer Dienstbekleidung? Sie lacht und sagt nein, sie habe dafür lange in mehreren Geschäften gesucht und Kopftücher anprobiert, bis es endlich Ton in Ton war. Doch eines Tages sei dies vielleicht ganz normal Teil der Eisenbahneruniform, sagt sie, und wir verabschieden uns. Immerhin hatte sie Zeit für diesen Smalltalk, die Schlange ist nämlich wieder länger geworden.
Joachim Faust

Und jetzt seid ihr dran!
Ihr habt etwas gesehen oder erlebt, das in die Kiez-Momente gehört? Dann schickt uns eure Entdeckung – gern mit Foto – an: [email protected]

Und wenn ihr Lust auf mehr Wedding habt: Bleibt dran! Wir sammeln weiter für euch – kleine und große Geschichten aus dem Kiez.


ad DB-Reisezentrum Gesundbrunnen: Mit 192 (Nationalitäten) mal 3 (3 für m/w/d) national-kulturell orientierten Dienstbekleidungen hätten wir viel viel mehr oder weniger bezahlbare Folklore in der Stadt. 🙂