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Große und kleine Geschichten:
Kiez-Momente: Herbstsonne im Wedding

13. Oktober 2025
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Wenn man am frühen Mittag durch die Antwerpener Straße Richtung BHT oder Zeppi geht, muss man sich fast immer eine Sonnenbrille aufsetzen, da man direkt in die Sonne läuft, so wie auf der Müllerstraße, wenn man Richtung S-Bahnring unterwegs ist. Ich gehe also heimwärts, freue mich über die angenehme Wärme und die herbstliche Stille in den Höfen, die offen stehen. Wenn man nach den langen Strecken auf der Müller rauf und runter dann in die Antwerpener von der Seestraße einbiegt, spätestens dann muss man wieder die Sonnenbrille zücken.

Ich gehe vorbei an kleinen Büros und Läden und so mancher Büromensch nutzt die Gelegenheit, in den Türnischen auf der Stufe zu sitzen die Sonne einzufangen und dort zu telefonieren.

Ich zücke den Hausschlüssel und komme mal wieder auf die Idee, Ideen zu verbreiten: „Sie sollten sich drei Klappstühle und einen Ascher unter dem Fensterbrett anbringen. Das wäre etwas komfortabler, oder?“ Ich grinse. Die junge Frau schaut vom Handy auf und meint, das koste doch bestimmt Strafe, so etwas zu tun. „Ja“, sage ich beipflichtend, „und vermutlich auch Steuern wegen des Kaffeeausschanks!“

Wir kichern, und ich verschwinde im schattigen Hausflur.

Expressiv skulpturiert

Man kommt um das Queren oder Streifen der Kreuzung Müller-/Ecke Schulstraße am Leopoldplatz nicht herum. Dort aber, auf der Zielgeraden zur Antonstraße bzw. zum Postbank FinanzCenter oder Bahnhof Wedding passiert man seit Jahren immer wieder eine alte Frau, Marianne genannt, die dort auf der Straße oder direkt an der Apothekenecke übernachtet. Oft sieht man auch nur das leere Nest mit dutzenden Decken und Dingen. Ihre Orte wandern die Müllerstraße rauf und runter.

Heute aber erstaunte mich dieses quasi-institutionalisierte öffentliche Dasein am Bürgersteig doch sehr. Vor dem Abgang zur U-Bahn stand ein gedrungener Koloss in Decken gehüllt, alle gingen daran vorbei, die grüne Ampel nicht verpassen wollend.

Es steht dort also ein von Weitem schon irgendwie auch menschlich anmutender Klotz, der in der Silhouette Züge einer Skulptur von Käthe Kollwitz trägt.

Sollen wir das Tragische auch so verstehen?

Renate Straetling

Unsere Leserin Bettina hat diesen „Frühling im Herbst“ fotografiert und schreibt: „Eine „Notblüte“ in dieser Pracht an einer fast toten Kastanie sieht man selten. Vielleicht möchten auch andere Leser darüber staunen? Wieviel Leben und Kraft doch noch in einem totgeglaubten Baum steckt.
Die Hoffnung blüht (und stirbt noch lange nicht)?“

Und jetzt seid ihr dran!

Ihr habt etwas gesehen oder erlebt, das in die Kiez-Momente gehört? Dann schickt uns eure Entdeckung – gern mit Foto – an:
📩 [email protected]

Und wenn ihr Lust auf mehr Wedding habt: Bleibt dran! Wir sammeln weiter für euch – kleine und große Geschichten aus dem Kiez.

Renate Straetling

Renate Straetling

Jg 1955, aufgewachsen in Hessen; ab 1973 Studium an der FU Berlin, Sozialforschung, Projekte und Publikationen.
Selfpublisherin seit 2011 bei epubli.com, u.a. Kinder_SciFi
www.renatestraetling.wordpress.com
Im Wedding seit 2007.
Mein Wedding-Motto:
Unser Wedding: ein großes lebendiges Wimmelbild ernsthafter Menschen!

3 Comments Schreibe einen Kommentar

  1. Liebe Renate,
    deine Kollwitzfigur heißt Olga und hat nichts Tragisches. Schau dieser Institution einfach mal ins Gesicht. Alle Jubeljahre wird sie, von wem auch immer, „generalüberholt“. Dann erkennen sie in ihrer Normalität nur Insider. Das dauert nicht sehr lange. Dann hat sie wieder Quartier in ihrer Deckenburg Leoapotheke bezogen und nicht nur für mich, sondern auch für sie stimmt die Welt wieder .
    Simone

    • Hallo Simone!
      Tragisch ist es schon, wie sehr die Gesundheit beim Aufenthalt und Übernachten an stark befahrenen Kreuzungen strapaziert und überstrapaziert wird, für den Rest eines Menschenlebens.
      Andere schlafen umringt von Einkaufswagen auf Baenken, wieder andere in versteckten, und daher gefährlichen Ecken hinter Büschen.
      Zeltgrosse Hütten oder offene Wetterschutzdaecher könnte man doch aufstellen im Stadtgebiet.
      Aber ich bin nicht professionell mit diesem Problem Obdachlosigkeit befasst.

      • Liebe Renate,
        dass Obdachlosigkeit in unserem reichen Land eine Schande ist, steht doch außer Frage. Es gibt aber auch Ausnahmen: Olga, die ich seit Jahrzehnten kenne, die von einem Jahrzehnt aus dem ruhigen Brüsseler /Togostr Kiez in die City Leopoldplatz umgesiedelt ist. Sie würde keine beheizte Wohnung gegen Ihre Bettenburg Leoapotheke eintauschen. ihre Silhouette erinnert mich mit ihrem Umhang eher an Barlach als an Kollwitz.
        Simone

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