Unsere Autor:innen sind nicht nur im Wedding unterwegs – sie sind mittendrin im Alltag. Im Supermarkt, auf dem Spielplatz oder beim Schlendern durchs Viertel: Überall warten Geschichten, Geräusche, Begegnungen. Und manchmal schreiben uns sogar Leser:innen direkt. So entstehen sie – diese kleinen, echten Kiezmomente. Alles echt, alles Wedding. Heute feiert unsere Autorin den Frühling.
Wie schön die Sonne scheint! Inzwischen ist es Mai. Warm und allround. Ich mache mich auf zu einem Spaziergang durch den geraden begrünten Straßenzug der Antwerpener und der Togostraße, und auf dem Rückweg Richtung Zeppi.
Ein Sonntagsspaziergang zum Zeppelinplatz und weiter, denn die Sonnenwärme liegt so fein temperiert und friedlich in der Luft, dass einem selbst warm uns Herz wird. Und stille, friedvolle und rundum beglückende Mittagsstimmungen mit leisen Vibrationen in der Luft und harmlose Tage wie dieser sind in Städten eher selten.





Fotos: Renate Straetling
Auf meinem Weg dorthin liegt jedoch auch ein ahnungsweise eher trauriger Moment, denn ich möchte nach der Adresse einer älteren Dame schauen, die ich schon viel Monate lang nicht beim Einkaufen gesehen habe. So komme ich an ihrem Wohnhaus an und sehe auf dem Klingelbrett nicht mehr ihren Namen. Das scheint mir eindeutig zu sein. Es ist schade, wenn langjährige Nachbarn für immer gehen, ohne Tschüss sagen zu können und ohne davon zu erfahren, weil kaum jemand weiß, wer wen wie kannte.
Große formschöne Wolken ziehen so langsam, dass man bemerkt, wie schwer sie sind. Die Bäume tragen nicht mehr nur den hellgrünen Flor, sondern junge Blätter, die noch kein Blätterdach bieten, aber die Hitze ist noch weit. Mir fiel auf, dass dieses Frühjahr so anschwoll wie in meiner Kindheit in den 1960ern auf meinen täglichen Schulwegen.
Ich laufe über den Platz, dessen Wege seit 2017, nach der Sanierung, immer breiter und sandiger werden und wo entfernt Dönerverpackungen aus Alu im Rhythmus der Bisse in der Sonne aufblitzen. Auf der anderen Wiese spielen juchzende Kinder. Zudem ist heute ein Tag für kleine Mädchen, die erstmals mit dem kleinen Kettenrad und Helm unter den Linden am Zeppi üben dürfen. Ich bleibe stehen, weil der Lenker noch so wackelig gesteuert wird, dass das sichere Spurhalten noch ungewiss ist, aber immerhin bleibt das Kind aufrecht im Sattel und das Rädchen fährt im Gleichgewicht. Große runde Augen schauen zu mir auf, denn hier ist Kommunikation zwischen großen und kleinen Verkehrsteilnehmerinnen gefragt, obwohl ich nicht befürchten muss, umgenietet zu werden, wie dies wieder mit kreuzenden eScootern gleich am Montag wieder passieren könnte.





Fotos: Renate Straetling
Ich setze mich ins Cafe namens „Bäckerei“ und hole ein spätes Frühstück nach, denn manchmal hat die morgendliche Neugierde auf Content Vorrang vor allem, was beinhaltet, das Rundherum zu vergessen. Auf dem Rückweg mache ich eine weitere kleine Pause, weil ich zwar den oft beschriebenen verspielten Krähenschwarm auf und unter den hohen Linden des Platzes vermisse, aber die schattigen Bänke zwischen BHT und beliebtem Zeppi-Spielplatz an der Allee der über dreißig Jahre alten Winterlinden mag ich. Dort kann man ohne die geräuschvollen hektischen Sensationen der Müllerstraße sitzen und dennoch viele Passanten im entspannten Modus voller Vorfreude auf ihre Sonntagsziele hin beobachten.
Wer jetzt glaubte, an diesem schönen warmen Mittag wäre etwas Schrilles geschehen, weiß noch immer nicht, wie aufregend diese wirklich sehr seltenen urbanen stillen harmonisch-sonnigen Sonntagsmomente sind.


Was ich ich ergänzen möchte:
Karpfenfahnen –
in den Himmel schauend
hat man keine Sorgen
mehr
Kaya Shirao (1738-1791)
Die Karpfenfahnen wurden traditionell
zum 5 Mai gehisst.
Karpfen gelten als Symbol der Stärke, weil sie
gegen den Strom schwimmen