Karneval und der Wedding

Foto: Klaus Lebe­de, Prinzengarde

An der när­ri­schen Zeit kommt man, ob man es mag oder nicht, in man­chen Gegen­den nicht vor­bei. Anders in Ber­lin. Hier weiß kein Mensch, wann Alt­wei­ber gefei­ert wird oder Rosen­mon­tag. Allen­falls bekommt man es in den Abend­nach­rich­ten mit, und dann fühlt es sich so exo­tisch an wie ein ent­fern­ter Krieg oder ein Vul­kan­aus­bruch in Indo­ne­si­en. Zwei unse­rer Autoren sind in Kar­ne­vals­ge­gen­den auf­ge­wach­sen. Und haben ernst­haft im Wed­ding zwei Kar­ne­vals­ver­ei­ne entdeckt!

Wolle mer se reilasse?

In mei­ner Hei­mat­ge­gend in Rhein­land-Pfalz wird der Win­ter ein­ge­teilt in die Zeit vor der “Fas­se­nacht” und in die Zeit danach. Mei­ne Eltern waren nie in einer Kar­ne­vals­ge­sell­schaft und so sind wir als Kin­der auch nicht in die Tra­di­tio­nen hin­ein­ge­wach­sen. Klar, der Besuch des Umzugs mit “Kamel­le-Sam­meln” gehör­te für uns dazu, und auch die Fern­seh­sit­zun­gen aus dem nahen Mainz wur­den mit einer Mischung aus Abscheu und Begeis­te­rung gese­hen. Ich erin­ne­re mich an einen Kos­tüm­wett­be­werb in der Grund­schu­le, den ich gewon­nen hat­te, weil mich eine Bekann­te mei­ner Eltern mit viel Freu­de in einen Zau­be­rer ver­wan­delt hat­te. Das war es dann aber auch, und als ich nach Ber­lin zog, fehl­te mir ehr­lich gesagt nichts von dem gan­zen Zir­kus, der das Rhein­land in der 5. Jah­res­zeit in Atem hält. Vor ein paar Jah­ren habe ich mir mal die Bas­ler Fas­nacht ange­se­hen, das war in der Tat ein sehr gespens­ti­sches und atmo­sphä­ri­sches Event, das mit allem ande­ren Kar­ne­va­lis­ti­schen in Deutsch­land wenig zu tun hat. 

Joa­chim Faust

Als Rhein­län­de­rin, die nur 35 Minu­ten von Köln auf­ge­wach­sen ist, ist es mir ein Bedürf­nis, die­se Jah­res­zeit Kar­ne­val zu nen­nen, nicht Fasching. Genau wie der kor­rek­te Nar­ren­ruf ‚Alaaf‘ heißt und nicht etwa ‚Hel­au‘. Ja, da kön­nen Kölner:innen und vie­le Rheinländer:innen auch mal humor­los sein.

Karneval im Rheinland
Unse­re Autorin als Kind im Karneval

Lan­ge Zeit war ich selbst in einem Kar­ne­vals­ver­ein mei­nes Hei­mat­orts tätig und tanz­te in der loka­len Gar­de. Bis heu­te ist Kar­ne­val ein wich­ti­ger Anlass für mich, die 600 Kilo­me­ter Bahn zu fah­ren und die letz­ten fünf Tage der Ses­si­on ‚jeck‘ zu sein.

Eigent­lich ist Kar­ne­val aber viel mehr als die Tage zwi­schen Alt­wei­ber und Rosen­mon­tag, sie bil­den, wenn man so will, ledig­lich das ‚Fina­le‘. Ich erin­ne­re mich an die Auf­trit­te ab dem 11.11. Jedes Wochen­en­de hat sich der Ver­ein auf den Weg in vie­le Städ­te NRWs gemacht, um auf den ver­schie­dens­ten Kar­ne­vals­sit­zun­gen aufzutreten.

Für die­je­ni­gen, die nicht wis­sen, was eine ‚Kar­ne­vals­sit­zung‘ über­haupt ist: Es han­delt sich um ver­schie­de­ne Ver­an­stal­tun­gen im Kar­ne­val, von Kin­der- über Damen- und Her­ren­sit­zun­gen bis hin zu Senio­ren­sit­zun­gen fin­det man vie­le Vari­an­ten, aber eines haben sie gemein­sam: Das Pro­gramm ist immer sehr viel­fäl­tig. Es wird gesun­gen und getanzt, auch Reden wer­den gehal­ten und – nicht zu ver­ges­sen – die Sit­zun­gen fin­den kos­tü­miert statt.

Seit­dem ich im Wed­ding woh­ne, ver­mis­se ich jedes Jahr die gan­ze Ses­si­on. Denn sie hat die grau­en Mona­te von Novem­ber bis Febru­ar, wenn vie­le grund­los schlecht gelaunt sind, irgend­wie auf­ge­frischt. Die Wochen­en­den waren bunt, laut und spa­ßig, es war eben was los.

Aber Kar­ne­val bedeu­tet für mich vor allem auch Gleich­heit. An den letz­ten fünf Tagen der Ses­si­on, an denen Kar­ne­val nicht nur von den ‚Nerds‘ gefei­ert wird, son­dern auch von vie­len ande­ren Men­schen, kom­men alle kos­tü­miert zusam­men. In unse­ren Rol­len der Cowboys/Cowgirls, ver­schie­de­ner Tie­re, Feen oder Super­hel­den sind wir alle aus­ge­las­sen und ver­ges­sen kurz den stres­si­gen All­tag. Jung und Alt schun­keln mit­ein­an­der, es wird gebützt (Bützche=Küsschen), getrun­ken und eben gefei­ert, ohne Vor­ur­tei­le, denn man ist dann eben eine Fee oder ein Super­held. Die­se feh­len­de Tra­di­ti­on ist für mich ein nega­ti­ver Punkt der Haupt­stadt, des­halb habe ich mich gefreut, als ich erfuhr, dass es im Wed­ding Kar­ne­vals­ver­ei­ne gibt. Ob ich an einer Sit­zung teil­neh­men wür­de? Ich wür­de mir defi­ni­tiv ein Bild davon machen, denn man soll ja nicht urtei­len, bevor man etwas nicht selbst erlebt, aber ehr­li­cher­wei­se sind mei­ne Anfor­de­run­gen an eine Sit­zung oder einen Ver­ein sehr hoch und ich bin mir nicht sicher, ob ein Ver­ein außer­halb des Rhein­lands dem gerecht wer­den kann.

Ich schrei­be die­sen Text am Abend des Kar­ne­vals­sams­tag. Unter ande­ren Umstän­den wäre ich heu­te jeck in Köl­le, das fällt ver­ständ­li­cher­wei­se die­ses Jahr für alle Nar­ren und När­rinn­nen aus. Uns bleibt nichts ande­res übrig, als sich auf nächs­tes Jahr zu freu­en. Also mei­ner­seits: Kar­ne­val 2022 – Alaaf!, Köl­le – Alaaf!, Wed­ding – Alaaf!

Oli­wia Nowakowska

Und was ist mit dem Wedding?

Quel­le: narrenkappe-berlin.de

Im Wed­ding hat doch tat­säch­lich ein Ver­ein zur Pfle­ge des kar­ne­va­lis­ti­schen Brauch­tums sei­nen Sitz, der Nar­ren­kap­pe e.V. Auch hier gibt es (außer in die­sem Jahr) Sit­zun­gen und im Vor­feld wird flei­ßig für die Tanz­auf­trit­te geübt. Unter Lei­tung der Trai­ne­rin Mar­ti­na Giersch wird geprobt, und es gibt Auf­trit­te zu meh­re­ren Anläs­sen. “Neben Jugend­ar­beit und Leis­tungs­sport oder gesell­schaft­li­chem Enga­ge­ment wäh­rend der Ses­si­on unter­stüt­zen wir vie­le sozia­le Pro­jek­te”, schreibt der Ver­ein auf sei­ner Web­site. So wer­den seit Jah­ren auch Senio­renevents ver­an­stal­tet. “Mit unse­ren Tän­zen, Gesang und gespro­che­nen Bei­trä­gen auf den zahl­rei­chen Aktio­nen, tra­gen wir geziel­te Kurz­weil in die Her­zen unse­rer Zuschau­er.” Und eine Recher­che ergab: Auch die Prin­zen­gar­de hat ihren Sitz im Wed­ding! Dort spie­len ver­schie­de­ne Corps (wie Show­tanz) eine gro­ße Rolle. 

Na dann, da bleibt uns nur zu sagen: Ber­lin Hei Jo! (Alaaf und Hel­au sind in Ber­lin jeden­falls tabu). Auch wenn in die­sem Jahr vie­les ausfällt… 


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