Die Geschichte des Jüdischen Krankenhaus im Gesundbrunnen

Gesundbrunnen Iranische Straße Iranische Straße 2 Krankenhaus der Jüdischen GemeindeAm westlichen Rand des Gesundbrunnens, an der Kreuzung Iranische Straße Ecke Heinz-Galinski-Straße, befindet sich seit nunmehr über 100 Jahren das Jüdische Krankenhaus. Die Anfänge jener Einrichtung liegen jedoch gar nicht im ehemaligen Arbeiterbezirk, sondern befinden sich ganz woanders.

Über die Anfänge des Jüdischen Krankenhaus

Das Recht, innerhalb der Berliner Stadtmauer dauerhaft siedeln zu dürfen, erhielten die ersten jüdischen Familien im Jahr 1671. Dieses Recht war mit einer höheren Abgabelast verbunden und nur die reichsten Familien durften sich dieses Recht erkaufen. Und doch, dieses Jahr markierte den schrittweisen Neubeginn einer jüdischen Gemeinde zu Berlin.

Sodann wurde im Jahr 1756 die später so genannte erste Krankenverpflegungsanstalt der Jüdischen Gemeinde mit insgesamt 12 Zimmern in der Spandauer Vorstadt, Oranienburger Straße begründet. Im Verlauf der Jahrzehnte wuchsen Gemeinde und Bedarf langsam, aber stetig und alsbald wurde in der Auguststraße, in direkter Nachbarschaft also, ein neues Jüdisches Krankenhaus errichtet. Man schrieb das Jahr 1861. Vielleicht aufgrund der Nähe, vielleicht aufgrund der modernen Ausstattung, umgangssprachlich wurd’s von den Berlinern gern auch die „kleine Charité“ genannt.

Als Architekt zeichnete damals kein geringerer als Eduard Knoblauch (1801-1865), Gründer des Vereins jüdischer Architekten und vertrauter Kollege des preußischen Baumeisters und Architekten Friedrich August Stüler (1800-1865), verantwortlich. Beide arbeiteten gemeinsam u.a. am Entwurf der Neuen Synagoge, die fünf Jahre später 1866 feierlich eingeweiht werden sollte. Bis heute ist die Neue Synagoge – Centrum Judaicum eine der Attraktionen auf der Oranienburger Straße in Berlin-Mitte. Nicht ohne Tragik, denn weder Knoblauch noch Stüler selbst durften ihre feierliche Eröffnung miterleben.

Neugründung des Jüdischen Krankenhaus im Arbeiterbezirk

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wuchs mit der Einwohnerzahl Berlins auch die jüdische Gemeinde beträchtlich an, nämlich auf fast 5% der Berliner Gesamtbevölkerung. Und so wurde das Krankenhaus in der Auguststraße abermals zu klein.

Den im Jahr 1906 neuerlich von der Gemeinde ausgeschriebenen Wettbewerb gewannen die Architekten Reimer & Körte. In ihrem Entwurf entschieden sie sich gegen die damals für Krankenhäuser übliche Pavillonbauweise und betonten statt dessen ein zentrales Hauptkrankengebäude für die stationäre Behandlung. Die Krankensäle wurden so angelegt, dass sie von zwei oder drei Seiten Tageslicht erhielten. Dieser Entwurf sollte wegweisend für die Bauweise moderner Krankenhäuser werden.

Wer eine Idee von der bis dahin üblichen Pavillonbauweise gewinnen möchte, dem sei hier ein Besuch des nahe gelegenen Virchow-Klinikums angeraten.

Am 22. Juni 1914, vor mehr als hundert Jahren also, sollte es soweit sein: das neue Haus wurde an seinem neuem Standort in der Schulstraße der Öffentlichkeit übergeben. Seit 1998 heißt dieser Teil der Straße Heinz-Galinski-Straße. Zu Ehren des Mannes, der als Überlebender nach dem Krieg in Deutschland blieb und von 1949 bis 1992 als erster Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin wirkte.

Gesundbrunnen Heinz-Galinski-Straße Jüdisches Krankenhaus

Tiefgreifende Veränderungen ab 1933

Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten im Januar 1933 wurde das Jüdische Krankenhaus ein von der Allgemeinheit zusehends gemiedener Ort. Viel jüdische Ärzte verloren ihre Approbation oder durften ohnehin nur noch jüdische Patienten behandeln. Darüber hinaus wurde das Haus im Verlauf der Regimejahre immer wieder Ziel von Plünderungen, so dass eine geregelte Krankenversorgung sich ohnehin mehr als schwierig gestalten sollte.

Zudem wurde das Jüdische Krankenhaus mehr und mehr zu einer Sammelstätte für den Abtransport Berliner Juden in die verschiedenen Ghettos, Arbeits- und Vernichtungslager umfunktioniert.

Es steht allerdings auch zu erwähnen, dass es Dank Menschen wie Hermann Strauß oder Paul Rosenstein zu einer Zufluchtsstätte für Untergetauchte und Flüchtige wurde. Strauß und Rosenstein sollen hier lediglich stellvertretend für viele weitere Menschen stehen, die nach 1933 am Jüdischen Krankenhaus im einst roten Wedding tätig waren und hier versuchten, so gut es ging, anderen zu helfen.

Die Rolle des Krankenhaus in der Zeit nach 1945

Am Tag der Befreiung durch sowjetische Truppen im Jahr 1945 sollen sich erstaunlicherweise bis zu 1000 Menschen innerhalb der Krankenhausmauern versteckt gehalten haben. Behutsam versuchte man, die dort Angetroffenen medizinisch zu versorgen und Schritt für Schritt einen geregelten Krankenhausbetrieb auf die Beine zu stellen.

Dies bedeutete auch, dass das Haus kurzweilig, u.a. unter der Ägide des JJDC (Jewish Joint Distribution Committees) als Assembly Center bzw. Displaced Persons Camp (DP-Lager) wurde. Diese Camps sollten von den Nationalsozialisten heimatlos gemachten Juden Unterschlupf gewähren, bevor sie ihren Transit in eine neue Heimat antreten konnten bzw. durften.

Das Jüdische Krankenhaus heute

Vor der Shoah hatten in Berlin mehr als 170000 Juden ihre weltliche wie religiöse Heimat gefunden. 1945 waren es außerhalb der DP-Lager kaum mehr als 5000, wahrscheinlich sogar sehr viel weniger. Die wenigen verbliebenen Gemeindemitglieder konnten ein nunmehr 400-Betten-Krankenhaus finanziell kaum allein aus eigenen Mitteln finanzieren. So wurde nach langen Verhandlungen im Jahr 1963 aus dem Jüdischen Krankenhaus eine „Stiftung des bürgerlichen Rechts“, deren Träger auch das Land Berlin sein sollte.

Heute versteht sich das Jüdische Krankenhaus zum einen als ein modernes, multikulturelles Haus, das wie eh jedem Menschen gleichsam offen steht. Zum anderen sieht es sich als Teil der jüdischen Gemeinde in Berlin. So besucht beispielsweise ein Rabbiner der Gemeinde auf Wunsch die Patienten, kümmert sich um das religiöse Wohl und überwacht u.a. die Versorgung mit koscherem Essen. Seit 2003 befindet ein Betsaal im Krankengebäude. Auch den Schabbat kann man dort freitags, wie samstags begehen. Als Andachtssaal konzipiert, steht er natürlich allen Mitgliedern aller Konfessionen offen.

Als Geschichtspädagoge mit Berliner Wurzeln schreibt Tobias aka Johnny unter http://weddingerberg.de einen Elternblog über das Leben als Neuvater im Wedding mit töchterlicher Naturgewalt.


1 Kommentar
  1. Meine Mutter Margarete Joachim war nach 1045 Sekretärin des Cherarztes Dr. Reimann im Jüdischen Krankenhaus. Ich bin 1943 geboren. Erinnere mich an diese schweren Jahre für Menschen, die eine neue Heimat suchten, Bei uns Zuhause fanden sie zum Teil Aufnahme. Ich habe diese Erinnerungen aufgeschrieben mit dem Titel > Wo mein Herz spazieren geht <.
    das Jüdische Krankenhaus wurde in meiner frühen Kindheit mein Zuhause.

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