Plumpe
Von 1924 bis 1968 gab es Heim­spie­le im “Sta­di­on am Gesund­brun­nen”, hier 1974 im Hin­ter­grund. Foto: Andre­as Schwarz­kopf, Wikimedia

125 Jah­re Her­tha BSC – mehr als zwei Drit­tel die­ser lan­gen Zeit war Her­tha ein Ver­ein am Gesund­brun­nen. Am Frei­tag, 21. Juli, wur­de der Han­ne-Sobek-Platz vor dem Bahn­hof Gesund­brun­nen zum zwei­ten Mal ein­ge­weiht. Das Schild mit dem Platz­na­men war durch die Bau­ar­bei­ten am Bahn­hof ver­lo­ren gegan­gen. Mit dabei bei der Wie­der­ho­lung war auch der 74-jäh­ri­ge Bernd Sobeck, der Sohn des berühm­ten Her­tha-Spie­lers aus den 1920er und 1930er Jah­ren. Für Her­tha war die sym­bo­li­sche Rück­kehr an den Gesund­brun­nen der Auf­takt zu einer Jubi­lä­ums­wo­che. Doch auch ohne Her­tha ist Fuß­ball im Wed­ding lebendig.

Skulptur Fußball
Der erfolg­rei­che deut­sche Bild­hau­er Micha­el Schoe­n­holtz erin­nert mit die­ser Skulp­tur an die Plum­pe. Foto: And­rei Schnell­Tod der Plumpe

Die Legen­de geht so: Weil 1971 den Her­tha­spie­lern Bar­geld wich­ti­ger war als ein gewon­ne­nes Spiel gegen Armi­nia Bie­le­feld, muss­te der Ver­ein das Sta­di­on am Gesund­brun­nen ver­kau­fen, um die hohen Stra­fen des berühm­ten Bun­des­li­ga-Skan­dals zah­len zu kön­nen. Die Wahr­heit dürf­te nüch­ter­ner sein: Der Ver­ein war mög­li­cher­wei­se heim­lich froh, auf die­se Wei­se das Tra­di­ti­ons­sta­di­on los­wer­den zu kön­nen. Rasen und Tri­bü­ne genüg­te zwar für die Regio­nal­li­ga, aber hielt nicht den Anfor­de­run­gen an den Bun­des­li­ga­be­trieb stand. 1974 wur­de das Sta­di­on abge­ris­sen und 440 Woh­nun­gen gebaut. Heu­te erin­nert nur noch eine Skulp­tur des deut­schen Bild­hau­ers Micha­el Schoe­n­holtz an den Fuß­ball­platz, der im Volks­mund “Die Plum­pe” genannt wur­de. Her­tha ver­ließ den Wed­ding in Rich­tung Olym­pia-Sta­di­on und hin­ter­ließ durch­aus eine gewis­se Lee­re. Heu­te sind Wed­ding und Her­tha zwei ver­schie­de­ne Paar Toep­pen. Einer­seits. (Eine aus­führ­li­che Geschich­te der Her­tha fin­det sich in unse­rer Buch­re­zen­si­on “Als die Plum­pe noch Nabel der Fuß­bell­welt war.) Ande­rer­seits: es regt sich durch­aus etwas.

Blasse Erinnerungen

Gut, nur Fans wis­sen, wer Han­ne Sobek war. Dass er mit der Her­tha sechs Mal im Fina­le um die deut­sche Fuß­ball-Meis­ter­schaft stand und davon zwei Mal gewann? Von 1925 bis 1939 stürm­te er für Her­tha. Von 1959 bis 1963 war er Trai­ner der blau-wei­ßen Spie­ler. Und 1965 war er kurz­zei­tig Vor­stands­vor­sit­zen­der des Vereins.

Er starb 1989. Zehn Jah­re spä­ter wur­de der “Sport­ring Wed­ding” neben dem Loui­se-Schroe­der-Platz in Han­ne-Sobek-Sport­an­la­ge umbe­nannt. Und 2006 wur­de der Vor­platz, damals wirk­lich noch ein Platz, vor dem Bahn­hof Gesund­brun­nen in Han­ne-Sobek-Platz getauft. Und heute?

Fußball lebt im Wedding

Fußball
Poli­zis­ten und Kiez spie­len Fuß­ball beim VIP Cup. Foto: And­rei Schnell

Schein­bar glau­ben auch Schrift­stel­ler und Dreh­buch­au­toren für den Tat­ort nicht an den Fuß­ball im Wed­ding. Sie sind mehr fas­zi­niert von der Vor­stel­lung, dass im Wed­ding geboxt wird. Mög­li­cher­wei­se weil sie noch nie auf einem die­ser Bolz­plät­ze im Kiez waren. Wer dort ein­mal mit den 10-jäh­ri­gen Jungs (und lei­der nicht Mäd­chen) mit­ge­kickt hat, der weiß, der Fuß­ball lebt. Geschenkt wird sich nichts, Zurück­hal­tung wird dort nicht geübt. Geübt wird, Tore zu schießen.

Wer Jungs von der so genann­ten Stra­ße holen will, der muss nur einen Trai­ner mit einem Leder­ball zu einem die­ser Bolz­plät­ze schi­cken. So tut es zum Bei­spiel der Ver­ein Vik­to­ria Mit­te auf einem Bolz­platz im Brun­nen­vier­tel. Im Nu ist der Platz voll mit Kin­dern, von denen längst nicht alle in einem Ver­ein kicken.

Fuß­ball ist auch der Tür­öff­ner, um Ver­trau­en zwi­schen den Kids vom Kiez und der Poli­zei auf­zu­bau­en. Höhe­punkt ist der VIP Cup, den You­sef Ayoub ein­mal im Jahr in der Gus­tav-Böß-Sport­an­la­ge im Sol­di­ner Kiez orga­ni­siert. Mit viel Musik, Tanz und Trom­mel neben Stän­den und Poli­tik­pro­mi­nenz umrahmt er ein Fuß­ball­tur­nier zwi­schen sozia­len Ver­ei­nen. Auch der Poli­zei­ab­schnitt 36 stellt dann regel­mä­ßig eine Mann­schaft. Für die Poli­zis­ten war der Kick im Kiez nicht unge­wöhn­lich, tref­fen sie sich doch jede Woche mit den jun­gen Leu­ten vom Jugend­klub SOKO 116 zum Rasen­du­ell. Hart aber fair wird gespielt und neben­bei ler­nen sich die Beam­ten und die Jugend­li­chen kennen.

Aber auch Mäd­chen inter­es­sie­ren sich für Fuß­ball. Mit den Arti­keln “Mäd­chen am Fuß­ball” aus dem Jahr 2014 und “Kick it like … BSC Reh­ber­ge” aus dem Jahr 2015 hat der Wed­ding­wei­ser ver­sucht, die weni­gen Ange­bo­te bekannt zu machen. Es ist also mög­lich, dass die Fas­zi­na­ti­on Fuß­ball über Geschlech­ter­gren­zen hin­weg aus­ge­lebt wer­den kann. Scha­de, dass dies den­noch immer noch eine Rand­er­schei­nung ist.

Die Berliner Fußballroute

Infotafel
Info­ta­fel der Ber­li­ner Fuß­ball­rou­te. Foto: And­rei Schnell

Der Ber­li­ner Fuß­ball­ver­band hat 2015 die Ber­li­ner Fuß­ball­rou­te eröff­net. Auf drei Wegen kann mit Hil­fe von Info­ta­feln das Fuß­ball­le­ben der Stadt erkun­det wer­den. Und Rou­te Num­mer 2 führt vom Bran­den­bur­ger durch den Wed­ding nach Reinickendorf.

“Icke” Tho­mas Häß­ler lern­te vor nun fast 30 Jah­ren in der Ernst-Reu­ter-Ober­schu­le im Brun­nen­vier­tel. „In der Schu­le gab’s für mich Höhen und Tie­fen. Die Höhen waren der Fuß­ball”, soll er über sei­ne Jugend im Wed­ding gesagt haben. Fuß­ball­spie­len “gelernt” hat er laut Info­ta­fel beim BFC Mete­or in der Sport­an­la­ge neben dem Louise-Schroeder-Platz.

Auch Kevin-Prince Boateng, so ver­ra­ten es die Info­ta­feln, hat zunächst im Wed­ding in einem Bolz­platz in der Nähe der Pan­ke Fuß­ball gespielt. Sein berühm­ter Halb­bru­der Jero­me spiel­te 2007 zehn Spie­le für Her­tha. Der drit­te im Bun­de, Geor­ge Boateng, rappt “Gewach­sen auf Beton” –  doch geht es in dem Song nicht um Fußball.

Fußball-Wedding in der Liga

Sport­lich erfolg­reich sind die Wed­din­ger Fuß­ball­ver­ei­ne nicht unbe­dingt. Immer­hin: der BSC Reh­ber­ge 1945 spielt in der Lan­des­li­ga Staf­fel 1. Mit Platz 12 been­de­ten die 1. Her­ren die gera­de abge­lau­fe­ne Saison.

Der Fuß­ball­ver­ein Tur Abdin Ber­lin e.V. mischt in der Bezirks­li­ga Staf­fel 2 mit. Eine Staf­fel tie­fer, in der 3, spielt der BFC Mete­or 06. Der WFC Cor­so Vine­ta hält in der Kreis­li­ga B Staf­fel 4 mit. Und der SV Nord Wed­ding 1893 spielt in der Kreis­li­ga B Staf­fel 5.

Frau­en­fuß­ball spielt der­zeit im Wed­ding nach wie vor kei­ne Rolle.

Alles Gute Hertha

Ohne Her­tha steht der Wed­ding nicht mehr im Ram­pen­licht des ganz gro­ßen Fuß­balls. Und dass Her­tha aus dem Arbei­ter­be­zirk ent­stammt ist bei den meis­ten Men­schen so ver­ges­sen wie das, was der Begriff Arbei­ter eigent­lich bezeich­nen soll. Da ist es nett, dass sich Her­tha sei­ner fünf­zig Jah­re zurück­lie­gen­den Wed­din­ger Zei­ten erin­nert. Heu­te ist Fuß­ball auch ohne Bun­des­li­ga im Kiez lebendig.

Alle guten Wün­sche zum Jubi­lä­um, Alte Dame Hertha.

Text und drei Fotos: And­rei Schnell, Foto oben: Andre­as Schwarz­kopf, Wikimedia

 

Andrei Schnell

Man hat mir versichert, es gäbe keine Vorschrift zu gendern und ich sei in dieser Frage frei, nicht wahr? Außerdem: Mein Hintergrund ist ostdeutsch, das beruht auf Erlebnissen. Und: Politik sehe ich mir an wie Sportwettbewerbe. Plus: Lese ich ein Buch lese, dann möchte ich es gleich besprechen. Ich mag Geschichten und Geschichte. Mister Gum möchte ich abschließend erwähnen.

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