Bericht aus der BVV:
Politik mit Herzilein

Mei­ne Mei­nung Heu­te berich­te ich ein­mal etwas lax von der letz­ten BVV-Sit­zung. Grund: Die Bezirks­po­li­ti­ker lieb­ten bei ihrem letz­ten Date die Har­mo­nie. Grü­ne, SPD und Lin­ke haben sich offen­bar gefun­den. Das kann man nicht in Wor­te fas­sen, das kann man nur als Rom­Com (Roman­tic Come­dy) beschrei­ben. So wie ich sie von den bil­li­gen Plät­zen aus beob­ach­ten konnte.

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Love. Foto: And­rei Schnell

Immer­hin hiel­ten die acht Ver­ord­ne­ten der CDU als put­zi­ger Side­kick die spa­ßi­ge Tra­di­ti­on der Wider­wor­te hoch. Hier die herz­er­grei­fends­ten Sze­nen und Sta­tio­nen des BVV-Films vom letz­ten Don­ners­tag (19. Mai).

Die herzliche Vorsteherin

Am Anfang der roman­ti­schen Komö­die steht Jeli­sa­we­ta Kamm. Sie ist die Vor­ste­he­rin, also Ver­samm­lungs­lei­te­rin. Sie stimmt die lie­ben Zuschau­er und die lie­ben Kol­le­gen auf das dar­ge­bo­te­ne Stück “ganz herz­lich” ein. Titel: Mehr­heit der Zähl­ge­mein­schaft aus Grü­ne und SPD ist lieb­rei­zend, doch Zwei­drit­tel­mehr­heit aus Grü­ne, SPD und Lin­ke ist wah­re Lie­be. Ok, ein lan­ger Titel, aber er trifft es. Kür­zer wäre viel­leicht: Streit, nein dan­ke. Oder: Sag nie­mals Nein.

Der liebe Einwohner

Damit man ver­steht, dass man im fal­schen (oder eben im rich­ti­gen) Film ist, braucht der Strei­fen gleich zu Beginn kit­schi­ge Signa­le. Dafür sorgt der “lie­be Ein­woh­ner”. Denn jede Sit­zung der BVV beginnt mit einer Ein­woh­ner­fra­ge­stun­de. Und plauz, der ers­te Span­nungs­hö­he­punkt. Also ein nur klei­ner; ist ja erst der Anfang des Rühr­stücks. Für die ers­te klei­ne Auf­re­gung braucht es einen Pseu­do­kon­flikt. Für den sorg­te ein fre­cher Bür­ger, der um ein Hun­de­aus­lauf­ge­biet im Park bat. Die CDU fand das duf­te und fand auch, dass man sich in die­sem Fall nicht hin­ter Flä­chen­kon­kur­renz und Nut­zungs­druck ver­ste­cken soll­te, denn durch ein Hun­de­aus­lauf­ge­biet gehe kein Stück Grün ver­lo­ren. Zuschau­er, denen an die­ser unhar­mo­ni­schen Stel­le vor Auf­re­gung das Herz bis zum Hal­se schlug, konn­ten gleich aus­at­men. Es war nur eine Fra­ge­stun­de, es ging um kei­ner­lei Beschlüs­se oder so. Alles fol­gen­los. Kei­ne gefähr­li­che Pro­be, nur ein Test­chen, wie tief die Lie­be zwi­schen Grü­nen, SPD und Lin­ken ist. Schnell ein paar Pop­corn in den Mund!

Stunde der tief verbundenen Mehrheit

Als Zuschau­er vor dem Live­stream der BVV will ich einen Box­kampf sehen; also ich will dabei sein, wenn mei­ne Par­tei mit einem blau­en Auge davon­kommt und der Geg­ner was auf die Nase bekommt. Ich will wis­sen, bei wel­chen Schlä­gen mei­ne Par­tei steht und ein­steckt und bei wel­chen sie sich weg­duckt und auf­steckt. Des­halb war­te ich auf die the­ma­ti­sche Stun­de. Bei der war­tet auf die Wort­bo­xer bis zum erlö­sen­den Gong eine lan­ge Run­de. Sprich: Viel Platz für Rede und Gegen­re­de und damit viel Zeit, dass mal einer aus­rutscht oder ent­gleist. Zu sehen bekam ich am 19. Mai von all­dem ledig­lich ein Häpp­chen, kein gro­ßes Kino. Denn alles steu­er­te auf den einen Moment zu, in dem zu zwei Drit­teln ewi­ge Treue und Lie­be geschwo­ren wur­de, näm­lich die Abstim­mung. Vier Anträ­ge pass­ten zum The­ma und Grü­ne, SPD und Lin­ke sahen sich tief in die Augen und sag­ten Ja. Und hiel­ten sich dabei an den Händ­chen. Ein­mal kam es zu Ent­hal­tun­gen – ist das schon Ghosting? 

Ach ja, wor­um ging es eigent­lich in der the­ma­ti­schen Stun­de? Um den Abriss der Tege­ler Stra­ße und die Räu­mung Haber­saath­stra­ße. Bei­na­he ver­ges­sen, das zu schreiben.

Bleibt die zen­tra­le Fra­ge, sind die Grü­nen nach links gerutscht oder die Lin­ken nach Grün? Oder ist die SPD an allem schuld?

Kuss zum Schluss

Am Ende muss der Dreh­buch­schrei­ber noch ein­mal alles wie­der­ho­len, was schon tau­send­mal zu hören war. Und der Regis­seur muss noch ein­mal alles Dra­ma (nicht die Dra­ma­tik!) bis zum Letz­ten her­aus­kit­zeln. Und der Kame­ra­mann muss den Weich­zeich­ner vor die Lin­se schrau­ben. Trä­nen der Rüh­rung sol­len flie­ßen, ach was, strö­men. Und was wäre dafür bes­ser geeig­net, um ins Schluch­zen zu kom­men, als das Café Leo? Und so geschah es auch: Grü­ne, SPD und Lin­ke lagen sich wei­nend in den Armen und stimm­ten über­wäl­ti­gend für den Wei­ter­be­trieb durch Huseyin Ünlü. Der hat­te im letz­ten Jahr ein böses Inter­es­sen­be­kun­dungs­ver­fah­ren ver­lo­ren und nun will ihm der Herr vom Amt das Café wegnehmen.

Wem warm ums Herz wer­den möch­te, hier die Argu­men­te von Grü­nen, SPD und Lin­ken, war­um das Café Leo nicht an den neu gefun­de­nen Betrei­ber über­ge­ben wer­den soll: Huseyin Ünlü ist Migrant. Er macht es schon soooo lan­ge. Der Leo soll doch für alle sein. Der Gerichts­streit mit Huseyin Ünlü könn­te sich hin­zie­hen (Der warm­her­zi­ge Café­be­trei­ber hat näm­lich gegen den Bezirk geklagt). Und lief die Aus­schrei­bung nicht irgend­wie unge­recht ab?

Wer den berühm­ten Wer­muts­trop­fen liebt, lauscht zum Aus­klang der Rom­Com der CDU: irrepa­ra­bler Image­ver­lust für den Bezirk. Poli­ti­sche Bei­hil­fe für einen Unter­neh­mer. Herr Ünlü hat sich bewor­ben und ver­lo­ren, so ist das Leben.

Wie, das Leben? Nein, nein, das ist eine grün-rot-rote Rom­Com. Und jetzt bit­te der Abspann mit schwe­ben­der Musik, bei der man bis zum letz­ten Ton im Ses­sel sit­zen bleibt.

Andrei Schnell

Meine Feinde besitzen ein Stück der Wahrheit, das mir fehlt.

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