ExRotaprint: Strahlkraft für Kunst und Gewerbe im Wedding

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Das Pro­jekt ExRo­ta­print steht für eine behut­sa­me Ent­wick­lung des Kiezes an der Rei­ni­cken­dor­fer Stra­ße in Ber­lin-Wed­ding. Denn die Gesell­schaf­ter der gemein­nüt­zi­gen ExRo­ta­print-GmbH pro­fi­tie­ren nicht von den Ein­nah­men des Gelän­des und kön­nen bei Ver­kauf ihrer Gesell­schafts­an­tei­le kei­nen Mehr­wert rea­li­sie­ren. Dadurch kann lang­fris­tig sta­bil zu selbst geschaf­fe­nen Kon­di­tio­nen gear­bei­tet wer­den. Dass sie gera­de hier blei­ben und alles lang­fris­tig gestal­ten kön­nen, dar­in liegt für die Initia­to­ren der wirk­li­che Profit.

Klaus Kirs­ten – den Namen die­ses Archi­tek­ten dürf­ten nur die wenigs­ten ken­nen. Die von ihm gebau­ten Häu­ser sind kaum bekannt, sein Lebens­weg ist schwer zu rekon­stru­ie­ren.  Hin­ge­gen sind die Erwei­te­rungs- und Ergän­zungs­bau­ten der Fabrik “Rota­print” in Ber­lin-Wed­ding, die er als jun­ger Archi­tekt in den Fünf­zi­ger­jah­ren rea­li­sier­te, umso bemer­kens­wer­ter. “Gera­de die Archi­tek­tur die­ser Gebäu­de hat uns dazu inspi­riert, uns hier dau­er­haft zu enga­gie­ren”, sagt Danie­la Brahm, Gesell­schaf­te­rin der “Ex-Rota­print”- gGmbH und zusam­men mit Les Schlies­ser und Anna Schus­ter Mit-Initia­to­rin von ExRo­ta­print. Man sieht ihr auch nach zehn Jah­ren noch die Begeis­te­rung für die­sen ein­zig­ar­ti­gen Gebäu­de­kom­plex im Wed­ding an. Die Künst­le­rin hat ihr Ate­lier in einem der bei­den Gebäu­de­tei­le aus den Fünf­zi­ger­jah­ren. “Der Eck­bau an der Gott­sched­stra­ße und die­ses Gebäu­de sind wie unglei­che Zwil­lin­ge”, fin­det Danie­la Brahm. Das reprä­sen­ta­ti­ve Quer­ge­bäu­de hin­ge­gen, das durch sei­ne rie­si­ge, recht­ecki­ge Glas­front beein­druckt, bie­tet sich für die Ein­bin­dung in die Öffent­lich­keit gera­de­zu an: “Hier könn­ten wir uns per­spek­ti­visch eine Art Kon­gress­zen­trum vor­stel­len”, sagt Danie­la Brahm mit einem Augen­zwin­kern. Das geht bei die­sem Modell nicht kurz­fris­tig – es ist klar, dass die Sanie­rung der erhal­te­nen Fabrik­ge­bäu­de nur lang­fris­tig von­stat­ten gehen kann: “Hier soll etwas Dau­er­haf­tes pas­sie­ren. Die Leu­te, die sich hier enga­gie­ren, wol­len in Ber­lin etwas auf­bau­en, was funktioniert.”

Die ein­zig­ar­ti­ge Archi­tek­tur der frü­he­ren Fabrik für Druck­of­fset­ma­schi­nen, die zwar noch Bau­ten aus der Vor­kriegs­zeit umfasst, aber kei­ne Fer­ti­gungs­hal­len mehr, ist ein Allein­stel­lungs­merk­mal. Auch Außen­ste­hen­de ver­mag die­se Archi­tek­tur für das gesam­te Pro­jekt zu begeis­tern. Das Umfeld, ein sozi­al schwa­cher Kiez, erfor­dert zudem Rück­sicht – anders als es Immo­bi­li­en­spe­ku­lan­ten für gewöhn­lich tun: “Wir wol­len den Stand­ort hier nicht über­rol­len und ihm etwas Frem­des über­stül­pen”; erklärt Brahm. “Daher haben wir hier zu je einem Drit­tel eine Nut­zung durch sozia­le Trä­ger, Gewer­be und Kul­tur­wirt­schaft. Fast die gesam­ten 10 000 Qua­drat­me­ter sind ver­mie­tet.” Das Klein­ge­wer­be – immer noch typisch für den Orts­teil – soll so ein­be­zo­gen und eben nicht ver­drängt wer­den. Danie­la Brahm weiß, wovon sie spricht: sie hat “ihren” Ver­drän­gungs­pro­zess ab 1990 in Ber­lin-Mit­te erlebt: “Da ist es mir spä­ter fremd gewor­den”, sagt sie, “als Künst­ler haben wir uns durch unse­re Vor­ar­beit selbst hin­aus­ge­trie­ben.” Die so genann­te Gen­tri­fi­zie­rung droht dem Gebiet rund um die Rei­ni­cken­dor­fer Stra­ße zwar nicht im glei­chen Maße wie die his­to­ri­sche Innen­stadt, aber man kann man schon von der obers­ten Eta­ge des Fabrik­ge­bäu­des sehen, dass Luxus-Dach­ge­schos­se ent­stan­den sind, erzählt Danie­la Brahm.  Die Künst­le­rin kennt die­sen Teil des Wed­ding seit über einem Jahr­zehnt und ist sich bewusst, dass das von ihr mit­ver­ant­wor­te­te Pro­jekt auch eine Strahl­kraft für den Kiez besitzt: “Man macht letzt­lich immer mit bei der Auf­wer­tung eines Vier­tels – aber die­ser Kiez kann das gut gebrauchen!”

Wie kam es zum Grundstückskauf?

Damit das Gelän­de nicht der Immo­bi­li­en­spe­ku­la­ti­on anheim­fal­len konn­te, war viel Geschick erfor­der­lich: dass es im Sep­tem­ber 2007 gelun­gen ist, die Fabrik durch die “ExRo­ta­print gGmbH” zu über­neh­men, war ein Signal des Auf­bruchs. Eini­ge der dama­li­gen Mie­ter der Rota­print-Fabrik gin­gen gemein­sam vor, um zu ver­hin­dern, dass das Are­al vom Ber­li­ner Lie­gen­schafts­fonds an einen Inves­tor ver­kauft wird, Damit woll­ten sie der Per­spek­tiv­lo­sig­keit der Rota­print-Fabrik etwas ent­ge­gen­set­zen. Die Rechts­form einer nicht-gewinn­ori­en­tier­ten gemein­nüt­zi­gen GmbH war der Kom­pro­miss, auf den sich die dama­li­gen Akteu­re nach lan­gen Dis­kus­sio­nen einig­ten. Zwei Stif­tun­gen, deren Ziel­set­zung es ist, sich gegen die Spe­ku­la­ti­on mit Grund und Boden zu rich­ten und Alter­na­ti­ven zu för­dern, hal­fen beim Kauf des Grund­stücks. Mit den Stif­tun­gen hat die ExRo­ta­print gGmbH einen 99-jäh­ri­gen Erb­bau­pacht­ver­trag geschlos­sen und ist somit allein­ver­ant­wort­li­che Betrei­be­rin des Gelän­des. Statt sich für den Grund­stücks­kauf zu ver­schul­den, kön­nen die Miet­ein­nah­men und Kre­di­te nun für die drin­gend benö­tig­te, behut­sa­me Gebäu­de­sa­nie­rung ver­wen­det wer­den. Dar­in liegt der ent­schei­den­de Vor­teil für ExRotaprint.“Es ist ja so, dass die Bau­ten der Fünf­zi­ger­jah­re nur aus Beton, Glas und Stahl bestehen und dadurch sehr ener­gie­in­ten­siv sind”, erklärt Brahm die heu­ti­ge bau­li­che Situa­ti­on eini­ger Gebäudeteile.”

Schon beim Tag des Offe­nen Denk­mals 2007, als die Archi­tek­tur der Nach­kriegs­mo­der­ne im Mit­tel­punkt stand, fan­den sich erst­mals zahl­rei­che Besu­cher zu den von Danie­la Brahm und dem Archi­tek­ten Bern­hard Hum­mel geführ­ten Besich­ti­gungs­tou­ren in der Fabrik ein. Auch in den fol­gen­den Jah­ren fan­den vie­le Inter­es­sier­te den Weg auf das Rota­print-Gelän­de. “Die Archi­tek­tur gibt uns die Ener­gie für die­ses Pro­jekt, und des­we­gen haben wir’s gewagt” – für Danie­la Brahm ist es das, was das Pro­jekt ExRo­ta­print so attrak­tiv macht.

Zu ver­mie­ten sind ein Pro­jekt­raum und Gäs­te­woh­nun­gen. Seit eini­gen Jah­ren gibt es auch eine Kan­ti­ne, die die Mie­ter und die Nach­bar­schaft mit Früh­stück, Mit­tag­essen, Kaf­fee und Kuchen ver­sorgt. Sie bie­tet gutes Essen für Alle zu fai­ren Prei­sen. Das Team der Kan­ti­ne kann für das Cate­ring von Ver­an­stal­tung in und außer Haus gebucht werden.

ExRo­ta­print

Gott­scheds­tr. 4/Reinickendorfer Str.

U Naue­ner Platz

 

Joachim Faust

hat 2011 den Blog gegründet. Heute leitet er das Projekt Weddingweiser. Mag die Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen gleichermaßen.

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