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Eine heitere Weddinger Weihnachtsgeschichte:
Eine wundersame Weddinger Weihnachtsparty

25. Dezember 2025

Auf dem Leopoldplatz war es nach dem vierten Advent still geworden. Der letzte Weihnachtsmarkt war vor Tagen zu Ende gegangen, alle Buden waren abgebaut, auch die Nazarethgemeinde hatte ihre heutige Christvesper schon abgeschlossen, die Gäste waren heimgegangen und die Tore der Kirche waren wieder geschlossen, wenngleich noch warmer Lichtglanz heimelig durch die Fenster und die Rosette über dem Portal schien.

Es war abends und schon stockdunkel, das Café Leo war voll geschmückt, aber verlassen, die Statue des Betenden Knaben stand wie immer andächtig auf ihrem Sockel, die meisten Familien waren schon daheim, um sich auf ein weihnachtliches Treffen oder Fest zu freuen. Der Platz erstrahlte unter Lichternetzen mit tausenden LEDs, ein prächtiger Anblick und eine Einladung zum Verweilen. Und soeben erglüht mitten auf dem großen Platz vor der Schinkelkirche ein heiteres Feuer.

Ein in einen dicken Lammfellmantel eingemummelter junger Mann mit blinkender blauer Nikolausmütze stand neben dem Feuerkessel im Schein der Flammen und in seinem Profil konnte man erkennen, dass er mit seinem Handy telefonierte; immer wieder und kurz hintereinander. Wie war er dorthin gekommen ohne dass man ahnen und beobachten konnte, wie das Feuer entfacht worden war? Der Mann gestikuliert wie im persönlichen Gespräch, es schien alles ok zu sein für ihn. Nun kramt er in seinem Lastenrad herum und er entnimmt den Taschen eine Drohne, die er einstellt und einschaltet.

Jemand geht auf ihn zu und fragte recht forsch mit einer gedehnten Anrede: „Was machen Sie denn hier?“ „Erst einmal sage ich: Frohe Weihnachten!“, war die fröhliche Entgegnung. Etwas verlegen gab auch der mahnend Fragende sein etwas brummiges „Frohe Weihnachten!“ zu hören. „Ja, sag schon, was wird das hier?“ „Warum so aggressiv?“ „Fändest du es nicht auch sonderbar, wenn auf einem leeren Platz an Heiligabend einer sein Rad parkt, ein Feuer macht, am Kopf blinkt und eine Drohne startet?“ Der Angesprochene gab keine Reaktion preis, ein unmerkliches unerschrockenes Grinsen war dennoch zu erkennen, und er gab auch keine Erklärung, sondern schaute den Fragenden tief bohrend an, und er schaute ihm in die Augen. „Findest du nicht, dass das aussieht wie ein geplanter Anschlag in Ausführung?“, war die stakkatoartige Fortsetzung der Frage. „Denk doch mal nach!“, sagt der blinkende Nikolaus: „Glaubst du, jemand macht am Vierundzwanzigsten ein Feuer mitten auf dem Leo, wenn er einen Anschlag an Weihnachten vorhat?“ Weiterhin ohne Punkt und Komma fragt er: „Wer will das wissen?“ Klein beigebend kommt die Antwort: „Ääähm, ich bin auf dem Weg zu meiner Familie in die Turiner Straße …. und bin einfach nur bass erstaunt. .. Naja, man kann ja nie wissen! Na gut, ich bin Jan! Und du?“ „Ich bin Basti, und heute bin ich ein Weihnachtsmann!“, kommt die Antwort mit fröhlichem Stolz.

In diesem Moment winkt Basti mit der blinkenden blauen Zipfelmütze jemandem zu, der von der Müllerstraße her kommt – und einen Esel an der Leine führt! „Neiiiiiin, ihr wollt doch kein Krippenspiel aufführen, oder? Keiner weiß davon, oder?“, entgleitet es Jan. „Jetzt rege dich erst einmal ab, du wirst in der Malplaquetstraße gleich noch mehr Überraschungen erleben!“, klärt Basti auf. „Also doch eine Umzingelung!“, beharrt Jan. „Nuuu is aba juut“, sagt Basti gedehnt und betont berlinernd. Ich habe zu tun, jetzt hör auf zu nerven. Entweder du schaust zu oder du gehst besser zu Mami und Papi!“

Die beiden Nikoläuse mit blau blinkenden Mützen begrüßen sich herzlich, Basti hatte eine Möhre für den Esel in der Manteltasche, und mit einem dicken Seil und Knoten parkt Dani das kauende Tier am Lenker des Lastenrades. Basti macht ein paar Gesten, Dani bestätigt und mit angenehmem Summen geht die Drohe steil in die Luft. Richtung Martha-Ndumbe-Platz, früher bekannt als Nettelbeckplatz, fliegt sie. Jan dreht sich um, er hatte wegen anderer Passanten geschaut, und sah im nächsten Moment, dass Basti mit Mixed-Media-Brille die Drohne am Controller steuert. Ach, was soll’s, sagt er sich, und er denkt sich, Leute mit Esel sind doch eher öko und harmlos. Er verabschiedet sich mit einem kurzen ernüchterten Tschüss. Jan grollt den beiden Nikoläusen nicht, er zieht davon, mit guter Laune.

Dani sagt grinsend zu Basti: „Gut, dass wir heute ein gutes Team sind, denn das Ganze macht doch mehr Aufwand als man denkt!“ Nach einer Weile meldet Basti: „Am Nettelbeck … ähm, am Ndumbe-Platz, ist schon was los! Die anderen haben das Feuer auch schon am Brunnen neben dem Satyr angemacht und stehen in einem großen Kreis!“ „Prima! Das ist das Wichtigste, dort gibt es außerdem so viele Sitzbänke um die Platanen.“

„Ich klappere mal die anderen Standorte ab“, sagt Basti und lenkt die entfernte Drohne weiter, hinter seiner so anonym, ja gespenstisch wirkenden schwarzen Maske ohne Gesichtszüge.

Dani holt ein paar Sachen aus dem Lastenrad und sortiert bunte Pappen, er hängt weihnachtliche Girlanden an der Ladefläche des Rades auf und stellt die LED an. Natürlich blinken die Licherbällchen, die Basti vermutlich seiner Schwester abgeschwätzt hatte, nicht auch noch, denn der Esel würde huschig werden. Ein paar weitere Leute kommen hinzu. „Habt ihr noch zwei Mützen für uns? Gern Einheitsgröße!“, fragt eine junge Frau namens Kate, die ihren Freund Wolle mit dabei hat. Beide wissen kein Wort von einem flash mob auf dem Leo, hatten sofort begriffen und sind neugierig mit großen weit geöffneten Augen dabei, denn sie erahnen etwas Größeres, was sie nicht versäumen möchten und gut in ihren Spaziergang zum Heiligabend passt.

Nach einer Weile verkündet Basti: „Überall alles ok. Alles läuft. Am Nordufer, an der Liebenwalder, am Zeppelinplatz und am Lesegarten bei den bunten Stehleuchten. Genter Straße und Nauener Platz sind auch schon ganz krekel. Sieht gut aus! Ich beame das mal auf die Leinwand!“ Dani riss es sofort vom Klappstuhl hoch, und er kramt eine rollbare Leinwand hervor. Wolle ist begeistert und beide stellen entfernt vom Esel, entfernt von dem heißen lodernden Feuertopf die Wand für die Projektionen auf. Basti beamt sechs Videos der Drohne auf die Leinwand, die nun nonstop gezeigt werden.

„Hey, was is’n hier los? … Feiert ihr sooo Weihnachten?“, kommen drei arabische Jungs vorbei. „Ja, wie feierst du denn?“ fragt Dani zurück. „Ist ja schon gut, … wollten ja nicht stören. Aber das Feuer ist cool, nee, ich meine .. schön warm. Gute Idee“, sagt einer der drei. „Hey, dieser kauende Esel, …. habt ihr auch so eine Jesus-Babypuppe dabei?“, fragt einer schon etwas kesser. Die drei machen sich davon und kichern.

An der Malplaquetstraße Ecke Amsterdamer haben die anderen schon ihre Plakate aus Buchstaben ausgelegt. Im Kreis rund um das Feuer legen sie die für die Aktion abgesprochenen und in rot und grün gestalteten Worte „Mach mit! Komm runter! Zoom für alle!“ aus. Das ist von den Fenstern und Balkonen aus zu sehen. Mal schauen, was passieren würde.

Nach einer Weile gab es Geräusche von Stiefeln auf dem Kopfsteinpflaster zu hören und launige Stimmen näherten sich. „Halloooo, wir haben was zum Trinken mitgebracht!“ Zwei ältere Passantinnen bleiben stehen und staunen über den Aufwand aus heiterem Himmel: „Was für eine Idee ist das denn? Habt ihr auch schöne Tanzmusik?“ „Lasst uns zusammen singen. Wir haben ein paar Instrumente mit!“, sagt einer der blinkenden Nikoläuse lustig und verschwörerisch, denn die Stille am Vierundzwanzigsten wollen sie keinesfalls stören. „Wir kommen gleich mit einem Sack Kekse wieder!“, kündigen die beiden Älteren an. „Wir wohnen um die Ecke!

Klasse Idee von euch! Mal sehen, ob der alte Wolff aus unserem Haus auch mitkommt.“

Irgendwie nimmt die Sache Fahrt auf. Wie es so ist, sprach sich das Ganze nicht an dem festlichen Abend rum, sondern war sofort in den sozialen Netzen weitergeleitet worden, Dutzende waren eingetroffen. Vielen war schon warm ums Herz, hier wie dort an den Feuerstellen. Man trinkt mitgebrachten Punsch und erzählt sich von gelungenen und nicht gelungenen Verabredungen zum Fest. Manche waren froh, dass es so etwas Spontanes direkt vor der Haustüre gibt. „Was habe ich mir den Kopf zerbrochen, wie ich diesen Abend, an dem wirklich nix richtig läuft, weil alles geschlossen ist, einrichte!“, sagt ein Nachbar mit Parka und Basecap, seine Rotweinflasche in der Hand haltend.

„Wie seid ihr nur auf diese Idee gekommen?“, fragt jemand, aber diese begeisterte Frage geht bereits in den angestimmten Liedern unter. Und so werden alle Ohrwürmer der vergangenen Jahrzehnte angestimmt: Jingle bells, White Christmas, Tu scendi dalla stelle, Feliz Navidad, O du fröhliche und natürlich auch Stille Nacht.

So still ist es aber doch nicht, denn der Autoverkehr rund um den Leopoldplatz ist noch recht rege, denn viele eilen zu ihren Einladungen und Familien. El Burrito de Belen wird gerade am Leo angestimmt und man prostete dem Eselchen zu, das ungerührt in seinem dicken Fell auf dem Platz am Feuer steht und den Feuerschein über seine Augen gleiten lässt. Und die Kinder haben ihren Spaß am Tier und streicheln das raue Fell.

Das Lastenrad hat doch mehr drauf, also besser gesagt drinnen, als man meinen kann. Und so gibt es auch kleinen Imbiss, den man über dem Feuer braten kann, Spekulatius macht die Runde. Die Gruppen haben an viele Überraschungen gedacht. Statt der üblichen Geschenke wie Bücher, Schlüsselanhänger und T-Shirts gibt es also Tools für gute Laune, Instrumentalbegleitung und ein wiederholtes Willkommen für alle, die neugierig und mit verzauberter Laune dazukommen.

Eine ältere Dame bemerkt die fortgeschrittene Stunde und jammert, sie habe versäumt, mit ihren Kindern Weihnachtsgrüße auszutauschen. „Aber gar kein Problem!“, verkündet Dani treffsicher. „Wir stellen Ihnen einen Kontakt mit Zoom auf dem Notebook her und Sie sprechen mit ihren Enkeln – mit Esel und Feuerkessel im Hintergrund. Das kommt bestimmt gut an, oder?“ Die alte Dame, Brigitte, winkt bald darauf in den Monitor und schickt Luftküsschen ins weite Internet: „Gut, dass ihr digital fit seid!“

„Ja, Brigitte, wir kennen es doch gar nicht anders!“, antwortet Wolle ihr freundlich.

Nach einer Weile wird das Erstaunen am Leopoldplatz noch größer, denn von verschiedenen Seiten des Platzes treffen singende und lachende Gruppen mit Fackeln ein. Das sind diejenigen von den anderen Feuerstellen, die Basti Stunden zuvor mit der Drohne besucht hatte. Nun sind weit mehr Instrumente versammelt und viele weitere Lieder werden angestimmt. Möglichst stimmungsvoll leise und zügig, die stille Nacht und den großen Platz füllend.

Vor Mitternacht gehen alle mit guten Wünschen für die kommenden Feiertage auseinander, recht froh und strahlend und noch immer über die Überraschung staunend. Denn keiner hat bis dahin erfahren, dass Musikstudierende aus dem Wedding diese Idee ausgesponnen und in die Tat umgesetzt haben. Sie klampfen noch miteinander und machen sich dann in einer kleinen Radkolonne auf der Radspur in Richtung S-Bahnring auf den Heimweg.
Und auch Basti nahm den Esel am Strick und machte sich damit Richtung Maxstraße auf den Heimweg. Wer ganz neugierig in die Stille lauschte, konnte das Getrappel der Eselhufe noch hören.

In diesem fröhlichen Sinn: Frohe Weihnachten in allen Kiezen im Berliner Wedding!

Eine Weihnachtsgeschichte von Renate Straetling

Renate Straetling

Renate Straetling

Jg 1955, aufgewachsen in Hessen; ab 1973 Studium an der FU Berlin, Sozialforschung, Projekte und Publikationen.
Selfpublisherin seit 2011 bei epubli.com, u.a. Kinder_SciFi
www.renatestraetling.wordpress.com
Im Wedding seit 2007.
Mein Wedding-Motto:
Unser Wedding: ein großes lebendiges Wimmelbild ernsthafter Menschen!

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