Eine Führung durch den Roten Wedding

Zu sehen ist ein großer Stein, liegend. Auf ihm steht geschrieben: Anfang Mai 1929 fanden hier bei Straßenkämpfen 19 Menschen den Tod, 250 wurden verletzt.
Ste­le am Gedenk­stein Blut­mai 1929. Foto: August-Bebel-Institut

 

Wie wur­de der Wed­ding eigent­lich „rot“?
Was war der „Blut­mai 1929“?
Und wer war Wal­ter Nicklitz?
Das August-Bebel-Insti­tut (ABI) lud am „Tag der Deut­schen Ein­heit“ zu einer Füh­rung zur Geschich­te des sozia­len Wan­dels und poli­ti­scher Aus­ein­an­der­set­zun­gen im Wed­ding ein.

 

Die Füh­rung wur­de von Mitarbeiter*innen und Besucher*innen des Tagungs­zen­trums in der Wie­sen­stra­ße 30 (TAZ), die vom gemein­nüt­zi­gen KBS e.V. betrie­ben wird, gestal­tet. Unse­re Autorin war dabei.

Sozialer Wandel – Von der Mietskaserne zur Wohnung

Der Rund­gang begann am Net­tel­beck­platz. Nicht weit von hier haben Archäo­lo­gen die Ursprün­ge des Wed­ding in Gestalt mensch­li­cher Sied­lungs­spu­ren fest­ge­stellt, die etwa 2.000 Jah­re zurück­rei­chen. Doch erst in der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts, als mehr und mehr Fabri­kan­ten den Wed­ding zum Stand­ort für ihren Indus­trie­be­trieb wähl­ten, ent­stand hier städ­tisch zu nen­nen­des Leben: Aus Äckern und Wie­sen wur­den Werks­ge­län­de und Chaus­se­en. Arbeits­su­chen­de ström­ten aus der Umge­bung her­bei. Die weni­gen, nied­ri­gen Häus­chen der alt­ein­ge­ses­se­nen Bewoh­ner wichen viel­ge­schos­si­gen Miets­häu­sern. Die­se rag­ten nicht nur rechts und links der Stra­ßen in gro­ßer Zahl auf, son­dern stan­den auch dicht an dicht hin­ter­ein­an­der. Die berüch­tig­ten „Miets­ka­ser­nen“ mit win­zi­gen Räu­men, dun­kel und ohne Toi­let­ten waren geboren.

Seit Beginn des 20. Jahr­hun­derts gab es For­de­run­gen, die Wohn­ver­hält­nis­se der Arbei­ter­fa­mi­li­en zu ver­bes­sern. Neu­bau­ten durf­ten nur noch eine gerin­ge­re Geschoss­zahl auf­wei­sen, Innen­hö­fe wur­den ent­kernt und Grün­zo­nen zwi­schen den Häu­sern ein­ge­rich­tet. Die­se Pra­xis behiel­ten auch die Natio­nal­so­zia­lis­ten bei. Der Grund war nun kein sozi­al­po­li­ti­scher mehr, son­dern ein ideo­lo­gi­scher. Im „Arbei­ter­be­zirk“ mit einer gro­ßen Anhän­ger­schaft „lin­ker“ Par­tei­en soll­te die Bevöl­ke­rung redu­ziert und damit ein „Unru­he­herd“ besei­tigt wer­den. Heu­te lebt im Wed­ding nur noch die Hälf­te der Men­schen, die in den 1920er Jah­ren hier wohn­ten. Die Wohn­flä­che pro Per­son hat sich hin­ge­gen erhöht.

Politische Radikalisierung – „Blutmai 1929“

Teilnehmende der Führung am Gedenkstein Blutmai 1929. Foto: Ute Pothmann
Teil­neh­men­de der Füh­rung am Gedenk­stein Blut­mai 1929. Foto: Ute Pothmann

Das Leben im Wed­ding war trotz schwe­rer Arbeit von gro­ßer Armut und Unsi­cher­heit geprägt. Die sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Par­tei erziel­te hier im spä­ten 19. Jahr­hun­dert hohe Wahl­er­geb­nis­se. Das von den Sozia­lis­ten gewähl­te Rot für Fah­nen und Ban­ner sym­bo­li­sier­te die sozia­le Revo­lu­ti­on und die poli­ti­sche Eman­zi­pa­ti­on der Arbei­ter­schaft. Nach dem Ers­ten Welt­krieg, als die wirt­schaft­li­che Not der Men­schen durch Hyper­in­fla­ti­on und Welt­wirt­schafts­kri­se immer grö­ßer wur­de, wähl­ten mehr und mehr Ein­woh­ner die kom­mu­nis­ti­sche Par­tei. Der Wed­ding wur­de zur Hoch­burg der KPD, ihre Par­tei­zei­tung hieß „Der Rote Wed­ding.“ Die Par­tei-Dru­cke­rei lag in der Wie­sen­stra­ße 29.

Ende der 1920er Jah­re gab es wie­der­holt tät­li­che Aus­ein­an­der­set­zun­gen zwi­schen Kom­mu­nis­ten und Natio­nal­so­zia­lis­ten, ins­be­son­de­re in der Kös­li­ner Stra­ße. 1928 führ­te dies zum Ver­bot aller Demons­tra­tio­nen; auch die tra­di­tio­nel­le 1.-Mai-Kundgebung des Jah­res 1929 war davon betrof­fen. Doch die Men­schen gin­gen, unab­hän­gig von der Par­tei­zu­ge­hö­rig­keit, trotz­dem auf die Stra­ße; auch an den Tagen danach.

Die Poli­zei reagier­te mit gro­ßer Gewalt – mehr als 30 Todes­op­fer und etwa 200 Ver­letz­te waren zu bekla­gen, 1.200 Men­schen wur­den fest­ge­nom­men. Die SPD wer­te­te die Demons­tra­tio­nen der Arbei­ter als Putsch­ver­such. Durch die­se Wer­tung sahen sich die Kom­mu­nis­ten in ihrer Sozi­al­fa­schis­mus­the­se, die die Sozi­al­de­mo­kra­tie dem Natio­nal­so­zia­lis­mus gleich­setz­te, bestä­tigt. Die als „Blut­mai“ in die Geschich­te ein­ge­gan­ge­nen Gescheh­nis­se ver­tief­ten noch ein­mal den Riss inner­halb der Arbei­ter­be­we­gung, der seit der Spal­tung der Sozi­al­de­mo­kra­tie im Ers­ten Welt­krieg ent­stan­den war.

Orte des Gedenkens in der Wiesenstraße

Namenstafel an der Walter Röber Brücke. Foto: Ute Pothmann
Namens­ta­fel an der Wal­ter Röber Brücke. Foto: Ute Pothmann

Wir erreich­ten den End­punkt des Rund­gangs in der Wie­sen­stra­ße, auf der Höhe der Wal­ter-Röber-Brü­cke an der Wal­ter-Nick­litz-Pro­me­na­de. Die Brü­cke und der Grün­zug ent­lang der Pan­ke erin­nern an zwei sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Nachkriegspolitiker.

Röber (1894–1964) war der ers­te frei gewähl­te Bezirks­bür­ger­meis­ter des Wed­ding nach dem Ende des Zwei­ten Welt­krie­ges. In sei­ner 10-jäh­ri­gen Amts­zeit bestimm­te er den Wie­der­auf­bau des Wed­ding ent­schei­dend mit. Der Archi­tekt Nick­litz (1911–1989) war von 1951 bis 1971 Bau­stadt­rat im Wed­ding. Um die Wohn­qua­li­tät im Bezirk zu erhö­hen, initi­ier­te er die Ein­rich­tung von Grün­flä­chen und Mie­ter­gär­ten sowie den Bau von Kin­der­ta­ges­stät­ten und Schulen.

An der Röber-Brü­cke steht der 1991 erst­mals ent­hüll­te und mit einer kur­zen Inschrift ver­se­he­ne Gedenk­stein für die Opfer des „Blut­mais“. Mitarbeiter*innen und Besucher*innen des TAZ setz­ten sich dafür ein, neben dem Gedenk­stein eine Tafel auf­stel­len zu las­sen, die die Unru­hen und ihre Hin­ter­grün­de erläu­tert. Als Ergeb­nis der mehr­jäh­ri­gen Bemü­hun­gen wur­de im Mai 2019 eine Metall­ste­le mit einem QR-Code auf­ge­stellt, der Inter­es­sier­te zu einer Inter­net­sei­te führt, die Infor­ma­tio­nen zu den dama­li­gen Ereig­nis­sen enthalten.

Zu sehen ist ein großer Stein, liegend. Auf ihm steht geschrieben: Anfang Mai 1929 fanden hier bei Straßenkämpfen 19 Menschen den Tod, 250 wurden verletzt.
Ste­le am Gedenk­stein Blut­mai 1929. Foto: August-Bebel-Institut

Zum Abschluss der Ver­an­stal­tung erhiel­ten alle Teil­neh­men­den eine vom ABI her­aus­ge­ge­be­ne und den TAZlern ver­fass­te Bro­schü­re, die die Sta­tio­nen des Rund­gan­ges beschreibt. Sie kann auch hier her­un­ter­ge­la­den werden.

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