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Klein, nah, verlässlich:
Wie ein Kinderladen im Sprengelkiez gegen den Trend arbeitet

Im Wedding gibt es inzwischen vielerorts mehr Kitaplätze als Kinder. Wartelisten schrumpfen, manche Einrichtungen werben aktiv um Familien. Mitten in dieser Entwicklung behauptet sich ein Modell, das auf den ersten Blick aus der Zeit gefallen wirkt – und gerade deshalb für viele attraktiv ist: der Elterninitiativkinderladen.

In der Tegeler Straße, Ecke Lynarstraße, liegt der Kinderladen „Frischlinge“. Untergebracht in einer ehemaligen Eckkneipe, mit dem großen Spielplatz direkt gegenüber. Drinnen: eine kleine Gruppe, zwei Erzieherinnen – und eine Elternschaft, die nicht nur bringt und abholt, sondern mitgestaltet.

„Wir sind ganz klein – und immer zu zweit“

Erzieherin Ines arbeitet hier seit drei Jahrzehnten. Was den Laden von anderen unterscheidet, fasst sie knapp zusammen: „Na, auf alle Fälle: dass wir ganz klein sind. Und dass wir immer zu zweit arbeiten.“ Ihre Kollegin Silke ist nämlich ebenfalls eine wichtige Konstante im Kinderladen.

Zwei erfahrene Erzieherinnen für die gesamte Gruppe – das bedeutet Nähe und Kontinuität. „Wir legen ganz viel Wert darauf, viel mit den Kindern zu reden, und zwar auf Augenhöhe“, sagt sie. Die Altersstruktur reicht von etwa einem bis sechs Jahre, alle zusammen in einer Gruppe. Statt eines starren Konzeptes geht es um Alltag, Beziehung und Zeit: „Der Tag ist nicht immer von ‚wir machen jetzt dies und jetzt das‘ bestimmt, sondern die Kinder können auch mitentscheiden, wie sie ihren Tag gestalten.“

Verlässlich statt flexibel um jeden Preis

Geöffnet ist von 8 bis 16 Uhr – kürzer als in vielen großen Kitas. Doch die Eltern sehen darin keinen Nachteil. Im Gegenteil: „Die Öffnungszeiten funktionieren verlässlich. In vielen Jahren ist vielleicht zweimal ein Tag ausgefallen“, sagt Sabine, die bereits das zweite Kind bei den Frischlingen hat. Das unterscheidet den Kinderladen deutlich von vielen größeren Einrichtungen, wo Personalmangel immer wieder zu kurzfristigen Einschränkungen führt. „Da höre ich aus größeren Kitas ganz andere Geschichten“, heißt es aus der Elternrunde.

Gemeinschaft, die im Alltag trägt

Der eigentliche Kern des Konzepts liegt in der Elterninitiative. Entscheidungen werden gemeinsam getroffen, Aufgaben verteilt, Verantwortung geteilt. „Ein riesiger Vorteil ist, dass wir Dinge wie Schließzeiten gemeinsam abstimmen können“, sagt Sarah. „Wir werden gefragt, wir werden eingebunden. Das kann man von großen Trägern überhaupt nicht erwarten.“ Diese Struktur zeigt sich auch im Alltag:
Wenn jemand im Stau steckt oder die U-Bahn festhängt, springt ein anderer Elternteil ein. „Es findet sich immer irgendjemand, der ein paar Minuten überbrückt – und den mein Kind auch kennt“, erzählt Sabine.

Auch organisatorische Aufgaben werden aufgeteilt: Einkaufen, Putzen, Kochen. Einmal pro Woche kocht eine Familie für alle, etwa einmal im Vierteljahr ist man selbst dran. „Das ist total gut machbar“, sagt Mutter Sarah.

Lernen im eigenen Tempo

Ein festes „Vorschuljahr“ gibt es nicht. Stattdessen beginnt Bildung vom ersten Tag an: „Wir sehen die ganze Zeit bei uns als Vorschulzeit“, sagt Ines. „Wir holen die Kinder da ab, wo sie stehen.“ Interessen entstehen individuell – und werden aufgegriffen, wenn sie auftauchen. Das kann schon mit vier Jahren die Neugier auf Buchstaben sein. Auch Selbstständigkeit spielt eine große Rolle. Die Kinder decken den Tisch, organisieren ihre Sachen selbst, helfen im Alltag. „Das ist eine andere Selbstständigkeit, weil die Kinder nicht gestresst sind“, sagt Vater Torsten im Vergleich zu einer früheren Kita-Erfahrung.

Die überschaubare Größe verändert vieles. Reize sind geringer, Beziehungen enger, Konflikte direkter lösbar: „Unsere Tochter kommt nicht völlig überreizt nach Hause“, berichtet Torsten.

Gleichzeitig lernen die Kinder, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Altersgemischt, mit Verantwortung füreinander. „Die Großen helfen den Kleinen – so wie sie es selbst erlebt haben“, sagt eine Mutter.

Auch demokratiebildende Prozesse gehören dazu: Projekte werden gemeinsam besprochen, Themen abgestimmt. „Die Kinder merken: Meine Stimme wird gehört.“

Ein Modell, das nicht für alle passt

So viel Nähe und Mitbestimmung haben ihren Preis – nicht finanziell (der alles umfassende Zusatzbeitrag liegt bei rund 40 Euro im Monat), sondern organisatorisch. Die Eltern müssen bereit sein, sich einzubringen. „Wir hatten schon Familien, die gemerkt haben, dass das Konzept für sie doch nicht das richtige ist“, sagt Sabine. Deshalb stellen sich neue Eltern vorher vor – und die Gruppe entscheidet, ob es passt.

Ohne Warteliste – aber mit Haltung

Früher gab es Wartelisten, heute nicht mehr. Der Wandel im Kitamarkt ist auch hier angekommen. „Wir müssen als kleiner Kinderladen schauen, dass wir alle Plätze besetzt haben, damit wir unsere Kosten decken können“, sagt Ines. Und doch bleibt das Konzept stabil. Vielleicht gerade, weil es etwas bietet, das im größeren System schwer zu finden ist: Verlässlichkeit, Nähe, Gemeinschaft und echte Mitsprache.

Website des Kinderladens

Eikita Frischlinge e.V. Tegeler Str. 44, 13353 Berlin,

Kontakt Telefon: 030 4538849 E-Mail: [email protected]

Joachim Faust

Joachim Faust

hat 2011 den Blog gegründet. Heute leitet er das Projekt Weddingweiser. Mag die Ortsteile Wedding und Gesundbrunnen gleichermaßen.

1 Comment Schreibe einen Kommentar

  1. Toller Beitrag! 💛 Wir sind mit der Krümelbande auch ein kleiner Kinderladen mit 13 Kindern im Alter von ca. 1 Jahr bis 6 Jahren im Brüsseler Kiez – ein familiärer Ort für individuelle Entwicklung, gemeinsames Wachsen, Spielen und Mitbestimmung. Die Eltern bringen sich als Vorstandsmitglied und mit ihren Interessen ein. Neugierig? Kommt gern bei uns vorbei und lernt uns kennen! https://kinderladen-kruemelbande.de/

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