Das Brüsseler Eck, eine typische Eckkneipe…

Brüsseler Eck (C) Michael Wick
Brüs­se­ler Ecke Genter

Vie­le haben bestimmt schon mal hin­ein gespäht, in die typi­sche Wed­din­ger Eck­knei­pe. Hin­ter Spit­zen­gar­di­nen und Leucht­re­kla­me ver­birgt sich eine klei­ne Par­al­lel­welt, in der die Zeit still zu ste­hen scheint. Auf mich, einen zuge­zo­ge­nen Wahl­wed­din­ger, übten die­se Orte schon immer eine beson­de­re Anzie­hungs­kraft aus. Eine die­ser Eck­knei­pen, das Brüs­se­ler Eck, befin­det sich in mei­ner direk­ten Nach­bar­schaft. Oft schon bin ich auf dem Weg zur Stra­ßen­bahn dar­an vor­bei gelau­fen, habe sehn­süch­ti­ge Bli­cke in das halb­dunk­le Inne­re gewor­fen, den Duft von altem Ziga­ret­ten­rauch geschnup­pert und dem rie­si­gen Hund, der zu jeder Tag und Nacht­zeit mit treu­em Blick am Ein­gang Wache hält, den zot­te­li­gen Kopf getät­schelt. Hin­ein trau­te ich mich jedoch nicht, ich fühl­te mich wie ein Ein­dring­ling, der mit sei­ner Neu­gier­de die Ruhe stört; zu oft hat­te ich die alt­ein­ge­ses­se­nen Ber­li­ner über die Tou­ris­ten und die Zuge­zo­ge­nen schimp­fen hören.

Seit lan­gem schon keim­te in mir aber die Idee, eine Fotorei­he über die alten Geschäf­te und Loka­le des Wed­dings zu machen, die wie Relik­te ver­gan­ge­ner Zei­ten über­all im Stadt­teil wacker die Stel­lung hal­ten und sich gegen­über den rasan­ten Ver­än­de­run­gen in der Stadt, sowie der längst auch im Wed­ding ange­kom­me­nen Gen­tri­fi­zie­rungs­wel­le behaupten.

Ich fass­te also Mut und ent­schied, mich den Tat­sa­chen zu stel­len. Die Kame­ra im Gepäck ging ich zur Tür hin­aus, über­brück­te die 50 Meter Bür­ger­steig ent­schlos­se­nen Schrit­tes, stieg über aus­ge­streck­te Hin­ter­pfo­ten hin­weg und stand schließ­lich im schumm­ri­gen Ein­gangs­be­reichs des Brüs­se­ler Ecks. Wäh­rend sich mei­ne Augen noch an die Dun­kel­heit gewöhn­ten, erkann­te ich, wie sich man­cher­orts Köp­fe dreh­ten und ahn­te, dass ich bereits Zen­trum der Auf­merk­sam­keit gewor­den war. Mit Lam­pen­fie­ber schlich ich zum Tre­sen und trug der Wir­tin mein Anlie­gen vor – und wur­de über­rascht! Ich hat­te Skep­sis erwar­tet, wenn nicht sogar Ablehnung.

Am Tresen: Ilse
Am Tre­sen: Ilse

Statt­des­sen reich­te man mir die Hand und Ilse stell­te sich direkt mit Namen vor. Sie schenk­te mir ein offe­nes Lächeln und ließ mich erzäh­len. Mein Pro­jekt wur­de mit Inter­es­se auf­ge­nom­men und Ilse erzähl­te mir ein wenig über ihre Knei­pe. Das Brüs­se­ler Eck kann auf eine lan­ge Geschich­te zurück­bli­cken, hat meh­re­re Besit­zer­wech­sel mit­er­lebt und ist trotz­dem immer sei­ner Bestim­mung treu geblie­ben. Denn die Knei­pe ver­steht sich weni­ger als Zech­stu­be, son­dern eher als Nach­bar­schafts­treff. Es wer­den regel­mä­ßig klei­ne Dart­tur­nie­re ver­an­stal­tet und ein­mal im Monat gibt es eine Skat­run­de, zu der sich jung und alt zusam­men fin­den. Über­haupt war ich über­rascht, wie vie­le jun­ge Leu­te Stamm­gast im Eck sind. Bis­her war mir Ber­lin immer als ein Ort erschie­nen, wo zwar vie­le Genera­tio­nen auf engem Raum zusam­men leben, aber den­noch kaum ein Aus­tausch zwi­schen ihnen stattfindet.

Hier erleb­te ich eine ganz ande­re Sei­te die­ser Stadt, die ich so noch nicht ken­nen ler­nen durf­te. Wer sich traut zu fra­gen, erfährt auch Inter­es­san­tes über den Kiez und die Men­schen. Vor allem die älte­ren Gäs­te haben vie­le span­nen­de Geschich­ten zu erzäh­len. Lei­der haben es die meis­ten Eck­knei­pen mitt­ler­wei­le sehr schwer, da die alt­ein­ge­ses­se­nen Ber­li­ner lang­sam aus­ster­ben und neue Kund­schaft aus­bleibt. Auch Ilse beklagt über zurück­ge­hen­de Gäs­te­zah­len – die jun­gen Wed­din­ger sind meist Zuge­zo­ge­ne, die es eher in die neue­ren, sze­ni­gen Bars in Kreuz­berg und Neu­kölln zieht. Dabei gibt es gar nichts, was dage­gen spricht, ein­fach mal in der Nach­bar­schaft zu blei­ben. Wer also wirk­lich Inter­es­se an dem Stadt­teil hat, in dem er lebt und nicht ein­fach nur „auf der Durch­rei­se“ ist, ist hier an der rich­ti­gen Adres­se. Die Atmo­sphä­re ist gemüt­lich, die Men­schen freund­lich und die Geträn­ke preis­wert. Außer­dem hat man – gera­de als Neu­ber­li­ner – die Mög­lich­keit die Stadt mal auf eine ganz ande­re Wei­se ken­nen zu lernen.

Brüsseler Eck 2 (C) Michael Wick
Auf der Stra­ße wacht der Hund

Brüs­se­ler Eck

Brüs­se­ler Str. 5, 13353 Berlin 
Tele­fon: 030–4513761

Öff­nungs­zei­ten: Mo.-Sa. 10:00 Uhr – ?
Autor/Fotos: Micha­el Wick

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