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Darf das Strandbad Weddings Sommerbühne sein?

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Soll die Kul­tur jetzt extra viel Raum bekom­men oder soll es so still blei­ben, wie es in den ver­gan­ge­nen Mona­ten durch Coro­na war? Die­se Fra­ge bewegt die Gemü­ter im Wed­ding. Beson­ders deut­lich wird das am Fall des Strand­bads Plöt­zen­see. Soll das Frei­bad die Som­mer­büh­ne für Musik, Thea­ter und Par­tys sein oder eher der stil­le Bade­strand im Grü­nen? Die Mei­nun­gen gehen aus­ein­an­der, nicht nur in der Bevöl­ke­rung. Auch Poli­tik und Bezirks­amt lie­gen über­kreuz und jetzt droht sogar juris­ti­scher Streit.

Zwillingsgebäude Strandbad Plötzensee
Das Strand­bad Plöt­zen­see. Foto: Andaras Hahn

Als Ver­an­stal­tungs­ort liegt das Strand­bad nahe. Es bie­tet viel Platz unter frei­em Him­mel, unmit­tel­ba­re Anwoh­ner gibt es kaum. Vie­les wäre theo­re­tisch mög­lich am Bade­strand. Doch die Mei­nun­gen in der Sache gehen aus­ein­an­der. Der Dis­put begann mit der Kon­zert­rei­he „Rap an der Plöt­ze“, die am Wed­din­ger Bade­strand statt­fin­den soll­te. Der berühm­te Strich durch die Rech­nung kam kurz­fris­tig vom Bezirks­amt. Das ver­sag­te die Geneh­mi­gung, weil es zusätz­li­che ille­ga­le Par­tys auf der ande­ren Sei­te des Plöt­zen­see befürch­te­te. Die Kon­zert­rei­he „Rap an der Plöt­ze“ ging ins Exil, die Kon­zer­te fin­den im Mel­low­park in der Wuhl­hei­de statt. Kurz sah es jetzt so aus als könn­ten die fol­gen­den Ver­an­stal­tun­gen der Rei­he doch im Wed­ding statt­fin­den, der Ver­an­stal­ter weist auf sei­ner Web­sei­te für sei­ne Events ab August wie­der das Strand­bad Plöt­zen­see aus. Doch das wird nach den neu­es­ten Ent­wick­lun­gen ver­mut­lich bald wie­der geän­dert wer­den müssen.

Bezirkspolitik will Veranstaltungen im Strandbad ermöglichen

Das Bezirks­amt will nicht nur die Rap-Ver­an­stal­tun­gen nicht, es ist auch gegen ande­re grö­ße­re Events im Strand­bad. Die Poli­ti­ke­rin­nen und Poli­ti­ker im Bezirk stim­men mit der Mei­nung des Amtes aller­dings nicht über­ein, sie wol­len Open-Air-Ver­an­stal­tun­gen ermög­li­chen. Gleich drei Mal stand das The­ma Mit­te Juni auf der Tages­ord­nung der Bezirks­ver­ord­ne­ten­ver­samm­lung. Die Anträ­ge wur­den von der CDU und der SPD ein­ge­reicht. Auf der letz­ten Sit­zung vor der Som­mer­pau­se Mit­te Juni fass­ten die Bezirks­ver­ord­ne­ten schließ­lich einen Beschluss. Dar­in wird das Bezirks­amt ersucht, 18 Aus­nah­me­ge­neh­mi­gun­gen zum Emis­si­ons­schutz wohl­wol­lend zu prü­fen, die für ver­schie­de­ne kul­tu­rel­le Dar­bie­tun­gen bis Okto­ber im Strand­bad Plöt­zen­see bean­tragt wor­den sind. Die Poli­tik kann nur bit­ten, die for­ma­le Ent­schei­dungs­ge­walt liegt hier beim Amt.

Das Strand­bad selbst ist unter­des­sen kürz­lich in die Offen­si­ve gegan­gen und dabei auf ein geteil­tes Echo in den sozia­len Medi­en gesto­ßen. Mon­tag bis Don­ners­tag öff­net im Bad von 17 bis 22 Uhr der „Club Ploet­ze“, bewirbt ihn als “Ber­lin lakesi­de venue”. Live-Kon­zer­te und DJ-Sets ste­hen hier auf der Tages­ord­nung. Was die einen freut, ärgert die ande­ren. Die Geg­ner kri­ti­sie­ren den Lärm und wei­sen auf die beson­de­re Lage hin. Wenn das Strand­bad selbst auch nicht im son­dern nur am Land­schaft­schutz­ge­biet liegt, stö­ren sich Anwoh­ner und Anwoh­ne­rin­nen und die, die den See vor allem als ruhi­ges, inner­städ­ti­sches Nah­erho­lungs­ge­biet schät­zen, an der neu­en Nut­zung des Strandbads.

Strand mit Steg, Rutsche und Bademeisterstuhl
Wed­dings Bade­strand: Dar­über, ob am Plöt­zen­see ruhig geba­det oder manch­mal auch etwas lau­ter gefei­ert wer­den darf, gibt es jetzt Streit. Foto: Andaras Hahn

Bezirksamt untersagt Events am Badestrand

Die Ant­wort aus dem Amt auf den Wunsch der Poli­tik kam am 14. Juli per Bescheid an die Nord­ufer Event GmbH, die das Strand­bad betreibt. Die Ufer­be­rei­che des Plöt­zen­sees dür­fen „nicht in eine Event-Loca­ti­on ver­wan­delt wer­den“, schreibt Bezirks­stadt­rä­tin Sabi­ne Weiß­ler. Sie habe dem Strand­bad-Betrei­ber die „Durch­füh­rung von Musik- und Groß­ver­an­stal­tun­gen auf dem Gelän­de unter­sagt“. Sie weist auf den Natur­schutz und das Ruhe­be­dürf­nis der Anwoh­nen­den hin und spicht von mas­si­ven Pro­tes­ten: „Wir wen­den uns nicht gegen Musik- und Tanz­ver­an­stal­tun­gen in unse­rem Bezirk, auf die wir pan­de­mie­be­dingt alle so lan­ge ver­zich­ten muss­ten und die nun end­lich wie­der mög­lich wer­den. Viel­mehr wen­den wir uns gegen die Ver­wand­lung des Strand­ba­des Plöt­zen­see in eine Event-Loca­ti­on. Daher müs­sen wir dort jede Ver­an­stal­tung unter­sa­gen, ganz egal ob sie nun queer oder ein­fach nur eine Par­ty ist.“ Die Parks, öffent­li­chen Grün­an­la­gen und Gewäs­ser wer­den nach den Wor­ten der Bezirks­stadt­rä­tin nach der Pan­de­mie drin­gend als gemein­schaft­lich nutz­ba­re Flä­chen von allen Bür­ge­rin­nen und Bür­gern benö­tigt. Dar­auf wei­se das Bezirks­amt seit Wochen hin und weh­re sich gegen die Ver­ein­nah­mung die­ser Flä­chen als Veranstaltungsorte.

Das Prime Time Thea­ter nut­ze wie bereits im ver­gan­ge­nen Jahr eine Thea­ter­büh­ne am Plöt­zen­see. Das und auch klei­ne­re musi­ka­li­sche Ver­an­stal­tun­gen im Rah­men des Bar­be­trie­bes des Strand­ba­des dür­fen laut Weiß­ler statt­fin­den. Dar­über hin­aus wird es ille­gal: „Das Bezirks­amt wird einen Ver­stoß gegen die Unter­sa­gung der Ver­an­stal­tun­gen nicht dul­den“. Das Bezirks­amt unter­stüt­ze laut Weiß­ler kul­tu­rel­le Ver­an­stal­tun­gen und stel­le ver­stärkt geeig­ne­te öffent­li­che Flä­chen dafür bereit. Orte dafür sei­en der Alex­an­der­platz und ande­re regel­mä­ßig für Ver­an­stal­tun­gen genutz­te Plät­ze, der Bebel­platz, die Vor­plät­ze der drei Rat­häu­ser sowie der Platz zwi­schen Fern­seh­turm und Nep­tun­brun­nen. Zusätz­lich wer­de die Ver­dich­tung der Ver­an­stal­tun­gen auf dem Gen­dar­men­markt akzep­tiert. Fast alle genann­ten Flä­chen lie­gen im Orts­teil Mit­te, nur eine im Wedding.

Der Streit eskaliert: Juristische Schritte angekündigt

Der Streit um die Open-Air-Ver­an­stal­tung im Strand­bad ist damit aber nicht been­det. Der Strand­bad-Betrei­ber hat inzwi­schen ange­kün­digt, auf juris­ti­schen Weg gegen das Ver­bot vor­ge­hen zu wol­len. Die Ber­li­ner Club­com­mis­si­on will dabei unter­stüt­zen. “Der Ber­li­ner Senat plan­te bereits seit vie­len Mona­ten, geför­der­te Ver­an­stal­tun­gen unter frei­em Him­mel, damit Kul­tur trotz Pan­de­mie wie­der für alle Men­schen unter lega­len Umstän­den ermög­licht wird”, erklär­te die Club­com­mis­si­on in einer Erklä­rung vom Sonn­tag (18.7.). Das Land Ber­lin pro­pa­gie­re im Rah­men des Pro­jekts Draus­sen­stadt die kul­tu­rel­le Viel­falt und habe die Club­com­mis­si­on als Pro­jekt­part­ner ein­ge­bun­den, um Frei­flä­chen zu orga­ni­sie­ren und zu betreu­en. “Um die Fort­set­zung der kul­tu­rel­len Ver­an­stal­tun­gen zu gewähr­leis­ten und die loka­le Ber­li­ner Musik­kul­tur zu unter­stüt­zen, bot sich das Strand­bad Plöt­zen­see ‘Plöt­ze’ mit ihrem Are­al im Bezirk Mit­te-Wed­ding an. Die sechs Hekt­ar gro­ße Flä­che ist eine von nur Weni­gen, die im Bezirk abseits von Wohn­ge­bie­ten ver­füg­bar ist und somit ein wich­ti­ger Kul­tur­ort”, heißt es weiter. 

Um für die­se Ver­an­stal­tun­gen eine Geneh­mi­gung zu bekom­men, bedür­fe es aber einer wohl­wol­len­den Bezirks­ver­wal­tung. Die­se habe einen mona­te­lan­gen kon­struk­ti­ven Dia­log nun been­det und dro­he bei Ver­stoß gegen die Unter­sa­gung mit einem Zwangs­geld von 10.000 Euro pro Tag (oder Gefäng­nis­haft). “Die Betrei­ber sehen daher kei­nen ande­ren Weg, als mit recht­li­chen Schrit­ten gegen das Musik­ver­bot vor­zu­ge­hen”, schreibt die Club­com­mis­si­on. Der Streit eska­liert, Aus­gang offen.

Update 07.08.2021: Mehr zum Fort­gang und zu einem Kom­pro­miss gibt es im Bei­trag Nun doch Som­mer­büh­ne im Strandbad

Dominique Hensel

Dominique Hensel lebt und schreibt im Wedding. Sonntags gibt sie hier den Newsüberblick für den Stadtteil, fotografiert dort für unseren Instagram-Kanal (Freitag) und hat hier und da einen aktuellen Text für uns - gern zum Thema Stadtgärten, Kultur, Nachbarschaft und Soziales. Hyperlokal hat sie es auf jeden Fall am liebsten und beim Weddingweiser ist sie fast schon immer.

8 Comments

  1. Ich bin zuneh­mend ent­setzt, wie stark das einst etwas schä­bi­ge, aber natur­na­he und vor allem ruhi­ge Strand­bad kom­mer­zia­li­siert wird, um da auch noch den letz­ten Cent raus­zu­quet­schen. Prei­se sind enorm gestie­gen, auch in der Gas­tro, statt Fami­li­en aus dem Umfeld ist die neue Ziel­grup­pe event­ori­en­tier­te Jugend­li­che, die es laut mögen. Gut, dass das jetzt erst­mal gebremst wurde.

  2. Ruhi­ges Thea­ter auf der Wie­se ist halt auch was ande­res als Par­ty bis 22h. Die Musik vom Strand­bad beschallt auch ohne die­se Geneh­mi­gung schon den gan­zen See, von ruhi­ger Erho­lung oder Natur­schutz ist nichts mehr zu spü­ren. Und natür­lich lockt man damit auch die gan­zen ille­ga­len Par­ties gegen­über an, die dann das Ufer zerstören.

    • Genau, lie­ber ver­bie­tet man Ver­an­stal­tun­gen, als dass das Ord­nungs­amt mal sei­nen Job macht und das gegen­über­lie­gen­de Ufer kontrolliert.
      Wär ja noch schö­ner wenn es im Wed­ding mal eine Kon­zert­lo­ca­ti­on gäbe.

  3. Fin­de das jetzt gar nicht so leicht als The­ma. Ich war neu­lich Abends noch da um eine Run­de zu schwim­men und fand zeit­gleich eine Par­ty in einem abge­trenn­ten Bereich direkt am Strand statt. Die Lau­stär­ke war schon sehr immens und von oben konn­te man auch gut rein­gu­cken wie eng es da zugeht … wir alle wis­sen was neu­lich auf dem Fes­ti­val in den Nie­der­lan­den pas­siert ist.

    Ich ver­ste­he nur nicht war­um es direkt am Strand sein muss. Oben gibt es doch genug Platz auf den Grün­flä­chen, die nicht so inten­siv genutzt wer­den. Da könn­te man viel mehr Abstand hin­be­kom­men und der See selbst wird auch nicht mehr so beschallt.

    • Die Musik wird übli­cher­wei­se in einer der­ar­ti­gen Laut­stär­ke abge­spielt, dass es völ­lig egal ist, ob die Par­ty am Strand oder “wei­ter ober­halb” läuft. Mind. 1 km rund um die Loca­ti­on ist das uner­träg­li­che Gewum­me­re zu hören! An “Erho­lung” ist in die­sem Bereich noch nicht ein­mal ansatz­wei­se zu denken.
      Mir tun nur die Klein­gärt­ner leid, die qua­si täg­lich die­sem Lärm aus­ge­setzt sind und nicht flüch­ten können!
      Hier ist drin­gend wei­te­rer Anwoh­ner­schutz i.S.v. (Musik-) = Lärm­ver­bot notwendig!
      Es gibt nun wirk­lich kei­nen Grund, das Strand­bad zu einer Event­lo­ca­ti­on ver­kom­men zu las­sen! Im Kom­bi­bad See­stras­se oder Hum­boldt­hain kommt ja auch kei­ner auf die Idee!

      • Ok, da muss ich dir recht geben. Mein Gedan­ken­gang war eher wie man Events ver­an­stall­ten könn­te, um vll doch bei­den Bedürf­nis­sen gerecht zu wer­den. Ich muss auch zuge­ben, dass ich dabei nicht an täg­li­che Tech­no­par­tys gedacht habe sonern an gele­gent­li­che Kon­zer­te stattdessen.

    • Ich den­ke auch, dass man ein biss­chen kom­pro­miss­be­rei­ter sein könnte.
      Mag die Even­ti­sie­rung des Bades und des gesam­ten Sees auch nicht, aber den­ke, dass
      es eigent­lich schön wäre, ggf an einem Tag die Woche dort eine Abend­ver­ant­stal­tung zuzu­las­sen und zwar abseits des Strands und in begrenz­tem Rah­men. Für grö­ße­re Sachen könn­te man ja ggf den Napo­le­on­kai biss­chen aufräumen.
      Dar­über hin­aus wür­de ich mir wün­schen, dass der Auf­ent­halt in der Böschung ver­un­mög­licht wird und statt­des­sen eine Art Steg zum Schwim­men ange­legt wird. Dann könn­te man sich auf den Wie­sen auf­hal­ten und zum Schwim­men über den Steg natur­freund­lich zum Was­ser gelangen.

  4. Die Absa­ge der div. Fes­ti­vals war eine der bes­ten Ent­schei­dun­gen, die die Stadt­rä­tin S. Weiß­ler in ihrer Amts­zeit getrof­fen hat. Ich hät­te ihr nicht soooo viel Weit­sicht zuge­traut . Suuuper!

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