Corona: zwischen Panik und berechtigter Sorge

Momentan herrscht wohl nicht nur im Wedding absolute Ahnungslosigkeit, wie genau wir mit den Folgen der steigenden Infektionszahlen mit dem Coronavirus umgehen müssen. Hamsterkäufe, die gesellschaftlich und wirtschaftlich vieles auf den Kopf stellen und durch eine mediale Panikmache befördert werden, sind jedenfalls nicht die Lösung. Doch: Wer krank ist, sollte auf jeden Fall zu Hause bleiben. Ebenso ältere Menschen mit schwächerem Immunsystem sowie alle, die Kontakt mit positiv-getesteten Personen hatten. Letzteres führt momentan sogar zur mindestens 14-tägigen Quarantäne. Wie dieser Zustand aussehen kann, berichtet Weddingerin Ines auf unserem Blog im Quarantäne-Tagebuch. Unter anderem beschreibt sie darin, wie Freunde und Nachbarn ihr Lebensmittel vor die Wohnungstür bringen. Unsere Leserin Nina möchte Betroffenen wie Ines im Wedding helfen und startete einen Aufruf auf unserer Facebook Seite „Weddingweiser Pinnwand„. 

Solidarität zeigen

Ohne große Hysterie und viele Worte bietete Nina gestern Abend ihre Hilfe an: „Liebe ältere Nachbarn im Brüsseler/Sprengelkiez! Falls ich für euch Besorgungen machen kann (soweit möglich und planbar) schreibt mich an oder sagt eurem Nachbarn, der Hilfe benötigt, Bescheid!!“ Das Wort Corona muss nicht mal fallen. Mittlerweile gibt es keinen Weg mehr, an diesem Thema vorbeizukommen. Es ist omnipräsent und unberechenbar – wer weiß schon, was morgen kommt. Nach anfänglichen Scherzen und der darauffolgenden Gereiztheit etabliert sich langsam eine wohl berechtigte Sorge. Denn gerade ältere und erkrankte Personen sind nun auf Hilfe angewiesen. Was also, wenn Familie oder Freundeskreise das nicht leisten können? Mit solchen solidarischen Hilfsangeboten für die Nachbarschaft können diejenigen, die aufgrund ihres Zustandes keiner akuten Gefahr ausgesetzt sind, einen ersten Schritt machen. Auf Facebook entstehen Gruppen mit mehreren Hundert Hilfswilligen. Außerdem können wir Zettel im Hausflur aufhängen und damit Bereitschaft vermitteln.

„Keine Zeit“ gilt wohl kaum noch als Ausrede, denn wie Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) am 13. März nach langem Hin und Her beschloss, ist das öffentliche Leben größtenteils eingestellt. Bars, Clubs, aber auch Museen, Bibliotheken, Schulen und Universitäten haben geschlossen. Der Alltag steht auf dem Kopf – und für viele ist der Corona-Virus auch eine ernstzunehmende existenzielle Bedrohung.

Wenn der Job von heute auf morgen nicht mehr existiert
Nina bleibt optimistisch und zeigt sich solidarisch

So auch für unsere Leserin Nina. Sie hat sich vor vier Jahren mit ihrem Cateringunternehmen selbstständig gemacht und beliefert oft Foodfestivals, Reisegruppen und andere Veranstaltungen. Alle kommenden Aufträge sind abgesagt; es bleibt ihr nichts weiter übrig als vorerst ihre Arbeit niederzulegen. Ich treffe mich mit ihr – im Café Göttlich. Noch können und wollen wir uns wenigstens diese Freiheit nicht nehmen. Und: Wir lachen, wir spinnen rum und überlegen uns, wie in Berlin zukünftig illegale Raves die Neunzigerjahre zurückholen und Polizisten in Schutzkleidung diese wiederum auflösen. Die Frau neben uns wechselt ohne Kommentar den Platz im Café. Ich glaube, sie hat keinen Bock mehr, uns zuzuhören. Viel Spaß dabei, denke ich mir,  einen Ort in Berlin zu finden, in welchem das C-Wort nicht fällt.

Nina beeindruckt mich, da sie mir trotz ihrer Situation das Gegenteil einer Massenpanik vermittelt und dabei den Ernst der Lage dennoch nicht übersieht. Für die Risikogruppen, aber auch für sie selbst als Kleinunternehmerin. Der Staat müsse die Sache jetzt in die Hand nehmen und uns finanziell bezuschussen, bevor alle kleinen Betriebe den Bach runter gehen, sagt Nina. Für ihr Catering bezieht sie Brot vom Bäcker nebenan und Gemüse und Obst aus der Region. Sie wundert sich, wieso jetzt ausgerechnet Nudeln gehortet werden. Klar, man kann solche Produkte lange lagern. Aber müssten wir nicht gerade jetzt die lokalen Produkte kaufen, um unsere Landwirte nicht auch noch existenziell zu bedrohen?

Die Welt steht still?

Im Wedding scheint die Lage noch einigermaßen aushaltbar zu sein. Außer, dass im Virchow-Klinikum Desinfektionsmittel geklaut und Mundschutz auf dem Leopoldplatz verhökert wird, könnte sich das, was viele Alteingesessene und Langzeit-Weddinger:innen an unserem Stadtteil lieben, in Zeiten einer heranschreitenen Pandemie auszahlen. „Die Leute sind so unaufgeregt“, sagt Nina, welche seit 13 Jahren schon den Sprengelkiez ihr Zuhause nennt. Der Wedding funktioniert für sich. Wir sind, abgesehen von Arbeit, nicht darauf angewiesen, den eigenen Kiez zu verlassen. Und wir grüßen uns noch im Treppenflur. Das sollten wir auch beibehalten – denn das birgt definitiv keine Ansteckungsgefahr. Doch auch hier werden jegliche Kultur- und Freizeitangebote abgesagt. Wir überlegen uns, was wir mit der gewonnen Freizeit machen können.

Nina adoptiert einen Hund aus Rumänien, welcher ihr über die Weddingweiser Pinnwand vermittelt wurde, bietet ihre Hilfe an und überlegt einen Instagram-Account als Corona-Influencerin zu starten. Und ich erkenne auch, dass ich wohl bestens gewappnet bin: Ein Job als pflegerische Assistenz und das Praktikum beim Weddingweiser sind wohl weitesgehend „corona-sicher“. Jedenfalls solange das Internet aufgrund von Langeweile bedingter Überlastung nicht ausfällt. Und bis dahin sollten wir vor allem Eines: Ruhe, aber auch Vorsicht bewahren, Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts befolgen und vielleicht wie Nina jeden Morgen einen Löffel Ingwer-Kurkuma-Honig-Mischung zu sich nehmen. „Auch wir werden sterben, aber nicht an Corona“ – denn wir beide sind jung und gesund, und unsere Aufgabe ist es, das zu bleiben und unsere Mitmenschen zu schützen.


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