„Wedding, ich komme“: Tagebuch aus der Corona-Quarantäne

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Ein Blick nach drau­ßen muss für min­des­tens 14 Tage rei­chen. Foto: Char­le­en Effenberger

UPDATE Ines G. ist 36 Jah­re alt und wohnt am Gesund­brun­nen. Die Gra­fi­ke­rin arbei­tet im E‑Commerce. Seit ein paar Tagen steht sie unter Qua­ran­tä­ne – weil sie über Umwe­ge Kon­takt mit dem ers­ten Coro­na-Infi­zier­ten in Ber­lin hat­te. Das ging von jetzt auf gleich.  Wir haben sie gebe­ten, uns aus der Qua­ran­tä­ne zu berichten.

Sams­tag, 14. März

Ziem­lich genau 96 Stun­den nach dem Test – und damit kei­ne Minu­te zu früh – end­lich das Ergeb­nis: Nega­tiv!
Mir fällt ein Stein vom Her­zen. Nicht nur wegen der Erkennt­nis, dass nur eine klei­ne Erkäl­tung und kein mir unbe­kann­ter Virus kuriert wer­den muss, son­dern auch, weil der Ent­schei­dung für einen Spa­zier­gang mor­gen nun nichts mehr im Weg steht.
Kon­takt zu Men­schen soll ich vor­erst noch, soweit mög­lich, ver­mei­den. Aber ich freue mich wahn­sin­nig dar­auf, eini­ge (auch aus der  Fer­ne) zu sehen.

Frei­tag, 13. März

Heu­te fin­de ich das Gan­ze reich­lich blöd. War­ten, war­ten, war­ten – aber frei nach Max Raa­be: „Kein Arzt ruft mich an“. Ver­ste­he, dass die Labo­re aktu­ell aus den Näh­ten plat­zen und die Ärz­te Bes­se­res zu tun haben als am Tele­fon zu hän­gen. Nichts­des­to­trotz fan­ge ich an die Frei­heit zu rie­chen und über­le­ge, wohin wohl der ers­te Spa­zier­gang geht, oder ob ich doch lie­ber auf dem Fahr­rad das Wei­te suche.

Don­ners­tag, 12. März

Lei­der gibt es heu­te noch kei­ne Erlö­sung. Mei­ne High­lights waren: Durch die geschlos­se­ne Tür Gesprä­che à la Herz­blatt mit dem Schorn­stein­fe­ger, der auch nicht recht wuss­te ‚was er nun, da er nicht rein darf, machen soll.
Und ner­vö­ses Reagie­ren auf jeg­li­che Vibra­ti­on, die ein Ber­li­ner Alt­bau im Tages­ver­lauf so von sich gibt, nur lei­der war kei­ne davon der erhoff­te Anruf des Arz­tes. Ich war­te immer noch aufs Ergebnis.

Mitt­woch, 11. März

Jetzt ist Tag 9. So lang­sam geht es mir auf den Zei­ger, zu Hau­se zu sit­zen. Mir fehlt Bewe­gung. Ich fah­re sonst immer mit dem Rad, mache Sport, habe einen gro­ßen Bewe­gungs­drang. Spa­zier­gän­ge im Flur sind auch nicht das Gel­be vom Ei. Aber ich habe eine Yoga­mat­te! Ich ver­mis­se den Früh­ling, nur wenn es reg­net, den­ke ich: Ach gut, dass ich jetzt nicht raus muss.

Foto: Char­le­en Effenberger

 

Stra­te­gien gegen die Lan­ge­wei­le habe ich nicht gebraucht, da ich wirk­lich viel arbei­te zu Hau­se. Ich kom­me gut mit mir allein zurecht. Ich tele­fo­nie­re aber viel mehr mit Freun­den als sonst, chat­te auch viel.

Mor­gen müss­te ich mei­ne Ergeb­nis­se bekom­men. Wenn sich der Ver­dacht nicht bestä­tigt, könn­te die Qua­ran­tä­ne am Sams­tag vor­bei sein. Ich hof­fe, dass es nicht viel län­ger dauert!

Diens­tag, 10. März

Heu­te erst kam bei mir zu Hau­se der Amts­arzt in Zivil­klei­dung vor­bei – end­lich! Er leg­te erst vor mei­ner Woh­nung die Schutz­klei­dung an, um kei­ne Nach­barn zu beun­ru­hi­gen. Dann wur­de ein Abstrich genom­men. Das Ergeb­nis bekommt man erst ein bis zwei Tage spä­ter, tele­fo­nisch. Bei nega­ti­vem Ergeb­nis endet die Qua­ran­tä­ne auto­ma­tisch nach 14 Tagen.

Diens­tag, 3. März bis Mon­tag 9. März

Die Qua­ran­tä­ne wird nicht kon­trol­liert. Man setzt da auf den gesun­den Men­schen­ver­stand. Ich habe kei­ne „Fuß­fes­sel“ oder so was in der Art. Da ich allein woh­ne und sofort vor­ge­warnt war, weiß ich, dass ich nie­man­den habe anste­cken können.

Zwi­schen­durch hat­te ich leich­te Erkäl­tungs­sym­pto­me. Aber das muss nichts heißen.

Ich habe fest­ge­stellt, dass ich anschei­nend schon vor­her gut gehor­tet habe. Fri­sche Lebens­mit­tel brin­gen mir mei­ne Freun­de und Nach­barn vor die Tür, schi­cken mir eine Whats­App, und dann hole ich es schnell. Ges­tern lag dort sogar ein Blu­men­strauß , da habe ich mich sehr gefreut.

Mon­tag, 2. März

Ich habe in Abspra­che mit mei­nem Arbeit­ge­ber frei­wil­lig ent­schie­den, von der Arbeit fern­zu­blei­ben. Zum Glück hat die­ser früh­zei­tig Vor­keh­run­gen für die­sen Fall getrof­fen und ent­spre­chen­de Struk­tu­ren geschaf­fen. Ich arbei­te sowie­so schon viel von zu Hau­se aus, Home Office ist für mich nor­mal.  Ich chat­te viel und neh­me an Mee­tings über Sky­pe teil.

Maß­nah­me: Home Office

Sonn­tag, 1. März

Mei­ne Freun­din arbei­tet im glei­chen Groß­raum­bü­ro wie der jun­ge Mann, der als ers­ter in Ber­lin posi­tiv auf das Coro­na­vi­rus getes­tet wur­de. Mei­ne Freun­din hat mich sofort ange­ru­fen. Nach dem ers­ten Schreck muss ich jetzt eini­ges organisieren!

Sams­tag, 29. Februar

Ich hat­te heu­te Kon­takt zu einer Freun­din (die spä­ter posi­tiv auf Coro­na getes­tet wur­de); wir haben uns umarmt

weddingweiserredaktion

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2 Comments

  1. Lie­be Ines, 

    schön zu lesen, dass das Ergeb­nis nega­tiv war und dei­ne Qua­ran­tä­ne und dei­ne Sor­ge ein Ende haben.

    Ich hof­fe, du hast dei­nen Spa­zier­gang genossen.

  2. ich hat­te das virus bereits anfang des jah­res, wie vie­le ande­re ber­li­ne­rin­nen und ber­li­ner ver­mut­lich auch – die hys­te­rie ging aller­dings erst eini­ge wochen spä­ter los. ich ver­mu­te mal ganz stark, dass es der­zeit welt­weit vie­len men­schen so geht wie Ines. Krass und lei­der sehr typisch ist einer­seits das krass spä­te ein­tref­fen des amts­art­z­tes. idr hat in ganz ber­lin immer nur 1 (in wor­ten EIN) am amts­arzt bereit­schfts­dienst. mich wür­de mal inter­es­sie­ren, ob die kas­sen­ärzt­li­che ver­ei­ni­gung, das zumin­dest zeit­wei­se ändert. wenn ich den arti­kel lese, ver­mu­te ich mal, dass das nicht gesche­hen ist. ansons­ten: da ich vom arzt kei­ner­lei medi­ka­men­te ver­schrie­ben bekam, als ich an coro­na erkrankt war und über die 4 oder 5 wochen schon gut 200 eur in der apo­the­ke gelas­sen hat­te, habe ich schliess­lich om dro­ge­rie­markt totes meer salz geholt und 4 tage bis zu 3x tgl mit 1–1,5kg geba­det und das blö­de virus aus­ge­schwitzt. das hat’s dann gebracht. in die­sem sin­ne: viel spass beim inter­net leer kucken 😉

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