„Burgersinn“ im Baudenkmal

Seit letztem Sommer werden die Weddinger an einem Kiosk der West-Berliner Wirtschaftswunderjahre an der Kreuzung Müller- und Seestraße mit dem Nationalgericht der Amerikaner – dem Hamburger – versorgt. Dabei verdankt das Schnellrestaurant mit dem Namen »Rebel Room« (der Weddingweiser hat darüber schon berichtet) seine Existenz dem Berliner »Toilettenkönig« Hans Wall und dem zwischen ihm und dem Land Berlin abgeschlossenen Toilettenvertrag.

Rebel-Room-BurgerDie Geschichte des Verkaufsstandes – unter dem sich eine heute verschlossene Toilettenanlage befindet – geht auf die 1910er Jahre zurück. Damals wurde auf der Mittelinsel der verkehrsreichsten Straßenkreuzung des Weddings eine für Berlin typische gusseiserne Bedürfnisanstalt für Männer errichtet. Die hatte in den 40 Jahre ihres Daseins nicht nur die Bombennächte, sondern auch die Straßenkämpfe zum Ende des zweiten Weltkrieges weitgehend schadlos überstanden. Zu Anfang der fünfziger Jahre musste das Pissoir jedoch bahnbrechenden Plänen weichen: dem Bau der U-Bahn nach Tegel sowie der beabsichtigten Stadtautobahn, die als Betonbrückenkonstruktion über die Kreuzung hinweg geführt werden sollte. Einen Ersatzstandort fanden die Planer an der Seestraße auf dem Gelände des Friedhofs neben dem Eingangsgebäude. Im Jahr 1955 wurde wenige hundert Meter vom bisherigen Standort entfernt eine unterirdische Toilette angelegt und zur Akzentuierung und zur besseren Wahrnehmung mit einem kleinen oberirdischen Kiosk geschmückt. Während zeitgleich errichtete Bauten der Wirtschaftswunderjahre wie z. B. der berühmte Eingang zum U-Bahnhof »Kurfürstendamm« mit dem Ausguck für Verkehrspolizisten von renommierten Architekten wie Werner Düttmann ausgeführt wurden, erledigte diesen Job im Wedding wohl das Amt für Hochbau.

Die Seestraße
Die Kreuzung Müllerstr./Seestraße

Rettung in letzter Sekunde

Wegen des Geländers an den Toilettentreppen, der geschwungenen Fassade, sowie des vorspringenden Daches steht der Kiosk in der Seestraße heute unter Denkmalschutz. Die Berliner Stadtreinigung – für die Pflege öffentlicher Bedürfnisanstalten zuständig – hätte das stille Örtchen angesichts der hohen Reinigungskosten am liebsten zugeschüttet und dabei das darauf stehende Gebäude gleich mit abgerissen. Ihr war seit der Öffnung der Mauer das Budget zur Reinigung öffentlicher Toiletten von 15 Millionen Euro auf Null gesetzt worden. Das Land Berlin hatte nämlich das Aufstellen von sich selbst reinigenden Toilettenhäuschen in den 1990er Jahren an die Firma Wall übertragen, zum Ausgleich erhielt Wall das Recht zur Errichtung von modernen, beleuchteten Werbeflächen übertragen. Im einem der sogenannten Toilettenverträge verpflichtete sich Wall auch zur Instandsetzung von vorhandenen öffentlichen Toiletten. Im Falle der Toilette an der Seestraße entschied sich der Toilettenkönig, das Bauwerk zu schließen und als Ersatz eine seiner standardisierten City-Toiletten an der Straßenbahnhaltestelle Seestraße aufzustellen. Das rettete den Kiosk aus den 1950ern. Anstelle eines Hinweises auf »Damen und Herren« findet sich heute auf dessen Dach der Schriftzug »Rebel Room«.

Woher der Name Rebel Room kommt

Anders als man es vermuten möchte, bezieht sich der Name nicht auf rebellierende Weddinger Arbeiter der 1920er und 30er Jahre. Die Idee zum Vertrieb des amerikanischen Nationalgerichts an diesem Standort kam dem Pächter beim Anblick des Kioskes mit seiner geschwungenen Fassade und seinem vorspringenden Dach. Als Barkeeper und leidenschaftlicher Kenner der amerikanischen Ess- und Musikkultur fühlte er sich an das erste Schnellrestaurant von McDonald’s aus dem Jahre 1948 erinnert. Der Name aber geht auf den Veranstaltungsort »Rebel Room« in Memphis (USA) zurück, in dem in den frühen 1960ern legendäre Konzertaufnahmen entstanden. Wenn heute die Gäste dieser Einrichtung ein stilles Örtchen aufsuchen möchten – kein Problem! Die den Verkaufsstand auf beiden Seiten flankierenden ehemaligen Telefonzellen aus dem 1950er Jahren sind so geräumig, dass der Imbissbetreiber in einer davon seine Gästetoilette unterbringen konnte.

Autor: Eberhard Elfert

Dieser Beitrag erschien auch in der Zeitung „Ecke Müllerstraße“.


4 Kommentare
  1. So’n Quatsch

  2. gefunden:

  3. Macht doch bitte mal aus „Regel Room“ in der letzten Überschrift „Rebel Room“.

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